Dass Katholiken in Israel Palmsonntag nicht in der Grabeskirche begehen können, bringt Israel scharfen Widerspruch ein – von denen, die das Land ohnehin oft kritisieren, aber ebenso vor Partnern. Auch deutsche Politiker urteilen hart.
Ein Vorfall am Palmsonntag in der Altstadt von Jerusalem wächst sich für Israel zu einer diplomatischen Krise aus. Polizisten hatten Patriarch Kardinal Pierbattista Pizzaballa und Franziskanerkustos Francesco Ielpo – die beiden wichtigsten katholischen Vertreter im Heiligen Land – daran gehindert, zur Grabeskirche zu gelangen. Erstmals seit Jahrhunderten musste so der Palmsonntagsgottesdienst an einem anderen Ort gefeiert werden.
Die israelische Polizei verwies angesichts des Iran-Krieges auf Sicherheitsgründe. Alle heiligen Stätten sind derzeit nicht zugänglich. Juden wird der Zugang zur Klagemauer verwehrt, auch die Al-Aksa-Moschee ist seit dem 28. Februar und bis mindestens zum 15. April geschlossen.
Israels Staatspräsident Isaac Herzog drückte sein Bedauern aus und telefonierte mit Kardinal Pizzaballa. Doch international bricht längst eine Welle der Empörung über Israel herein – vor allem auf X.
Der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Steffen Seibert, schrieb dort, die Verweigerung des Zugangs sei schmerzlich für alle Christen. „Unsere Solidarität gilt dem Patriarchen und dem Kustos.“
Laschet: „Reine Schikane“
CDU-Außenpolitiker Armin Laschet erklärte, Deutschland stehe bei jeder Bedrohung an der Seite Israels. „Aber dem Kardinal den Zugang zur heiligsten Stätte der Christenheit zu verweigern, ist inakzeptabel. Dies ist reine Schikane ohne jedes Gespür und ohne jeden Verstand.“
„Ein schlimmer Verstoß“ kommentierte auch der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel (CDU), den ungewöhnlichen Vorgang in einem Post auf X.
Auch der stärkste Verbündete Israels, die USA, verurteilte die Entscheidung. Mike Huckabee, US-Botschafter in Tel Aviv, bezeichnete den Vorfall als einen „bedauerlichen Übergriff, der bereits weltweit schwerwiegende Folgen hat“, ohne diese näher auszuführen.
Er zeigte Verständnis für die Schließung der Heiligen Stätten aufgrund des Iran-Krieges, verwies aber auf mögliche Ausnahmen für Versammlungen von bis zu 50 Personen, die die Polizei dem Patriarchen und drei weiteren Priestern verwehrt habe. „Dass dem Patriarchen am Palmsonntag der Zutritt zur Kirche für eine private Zeremonie verweigert wurde, ist schwer nachzuvollziehen und zu rechtfertigen“, schrieb er auf X.
Sanchez gerät mit Saar aneinander
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez beschuldigte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu für den Vorfall verantwortlich zu sein. „Netanjahu hat Katholiken daran gehindert, den Palmsonntag an den heiligen Stätten in Jerusalem zu feiern“, schrieb der Sozialist. „Die spanische Regierung verurteilt diesen ungerechtfertigten Angriff auf die Religionsfreiheit und fordert Israel auf, die Vielfalt der Glaubensrichtungen und das Völkerrecht zu respektieren.“
Darauf wiederum reagierte umgehend der israelische Außenminister Gideon Saar. „Als eine iranische Rakete in der Nähe der Grabeskirche in Jerusalem einschlug, hatte Sanchez nichts zu sagen“, schrieb er zu dem Foto eines offenbar iranischen Raketenteils auf dem Dach der Kirche. „Sanchez – der den spanischen Bürgern nicht einmal ein ‚Frohe Weihnachten‘ wünscht – lässt keine Gelegenheit aus, gegen Israel zu hetzen“, urteilte Saar. Tatsächlich wünschten Sanchez und ein Großteil seines Kabinetts den Spaniern im vergangenen Dezember „Schöne Feiertage“, nicht aber „Frohe Weihnachten“, was ihm die Kritik der konservativen Opposition einbrachte.
Die Beziehungen zwischen Spanien und Israel sind schon länger angespannt. Sanchez und seine linksgerichtete Regierung unterstellen der israelischen Regierung einen Völkermord im Gaza-Streifen und verweigerten den USA im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg die Nutzung von Militärbasen.
Macron besteht auf freier Religionsausübung
Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron äußerte sich zu dem Vorfall – in drei Beiträgen auf Französisch, Hebräisch und Arabisch. „Ich verurteile diese Entscheidung der israelischen Polizei, die zu der besorgniserregenden Zunahme von Verstößen gegen den Status der Heiligen Stätten in Jerusalem beiträgt“, schrieb Macron. „Die freie Religionsausübung in Jerusalem muss für alle Religionen gewährleistet sein.“ Dem Patriarchen und den Christen sicherte er seine Solidarität zu.
Frankreich – eigentlich traditionell ein Verbündeter Israels – war unter Macron in den vergangenen Jahren zunehmend auf Distanz zur israelischen Regierung gegangen. Im vergangenen Jahr kündigte er an, Palästina als einen Staat anzuerkennen, obwohl wichtige völkerrechtliche Fragen nicht geklärt sind, etwa der nach einer funktionierenden Regierung in den Palästinensergebieten.
Italien bestellt israelischen Botschafter ein
Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni erklärte, das Vorgehen der Polizei sei „eine Beleidigung nicht nur für die Gläubigen, sondern für jede Gemeinschaft, die die Religionsfreiheit anerkennt“. Italiens Außenminister Antonio Tajani schrieb auf X, er habe den israelischen Botschafter in Rom einbestellt. Das Gespräch sei für Montag geplant.
Polens Präsident Karol Nawrocki verurteilte den Vorfall entschieden. „Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, und die Christen bereiten sich auf die Auferstehung Jesu Christi vor“, schrieb er auf X. „Das Vorgehen der israelischen Polizei, das ich verurteile, ist Ausdruck von Respektlosigkeit gegenüber christlicher Tradition und Kultur.“
Aus Kanada meldete sich Premier Mark Carney zu Wort. Er sei enttäuscht über die Entscheidung. „Diese Aktionen verstoßen weiter gegen den seit langem bestehenden Status quo der heiligen Stätten Jerusalems“, schrieb er auf X. „Alle Menschen in Jerusalem, unabhängig von ihrem Glauben, sollen ihren Glauben frei, ungehindert und ohne Angst ausüben können.“
Carney schloss immerhin etwas versöhnlich: Er begrüße, dass Präsident Herzog sich in dieser Angelegenheit bei Kardinal Pizzaballa gemeldet hat
Source: welt.de