„Respektierter Anführer“: Wer ist Trumps angeblicher Verhandlungspartner in Teheran?

Auch diese Volte Donald Trumps verlief nach einem bekannten Muster. Wenige Stunden vor Auslaufen des Ultimatums gegen Teheran machte der amerikanische Präsident einen ersten Aufschlag auf seinem Truth-Social-Kanal: Aufgrund von „sehr guten und konstruktiven Gesprächen“ mit Teheran über die vollständige Beilegung der Kampfhandlungen habe er die Pläne für Angriffe auf iranische Kraftwerke vertagt. Im Laufe des Tages sollte sich Trump noch mehrfach dazu äußern – in der ihm eigenen, wirren Art.

Da die iranische Seite dementierte, riet Trump Teheran zunächst, sich bessere PR-Leute zu holen. Es habe sehr solide Gespräche gegeben. Man werde sehen, wo diese hinführten. Es gebe aber bereits in mehreren Punkten Übereinstimmung. „Ich würde sogar sagen, in den meisten.“ Vielleicht habe sich das in Teheran noch nicht herumgesprochen, schließlich habe man die Kommunikation des Regimes zerstört. Die Leute könnten nicht mehr miteinander reden.

Als Trump gefragt wurde, mit wem man konkret rede, sagte er, es handle sich um einen Mann, der „am meisten respektiert wird und der Anführer ist“. Drei Ränge in der bisherigen Führung des Regimes habe man ja „ausgelöscht“. Den Namen des Mannes wollte er nicht sagen. Schließlich wolle er nicht, dass er getötet werde.

Ghalibaf schloss Gespräche nicht aus

In Washington trafen die Worte des Präsidenten auf Skepsis. Direkte Gespräche mit Iran? Einigung auf wesentliche Punkte? Womöglich, so mutmaßten Nahost-Fachleute, habe Trump nur kurzfristig die Märkte beruhigen wollen, die aufgrund drohender iranischer Vergeltungsschläge auf Energieinfrastruktur der Golfstaaten in heller Aufregung waren. Das setzte ihn zunehmend innenpolitisch unter Druck. So konnte sich Trump selbst ein wenig Luft verschaffen. Da der Präsident ein sehr flexibles Verhältnis zur Faktenlage pflegt, bauschte er womöglich erste vorsichtige Kontaktaufnahmen in gewohnter Manier auf.

Es dauerte nicht lange, bis erkennbar wurde, wen Trump offenbar als „Person an der Spitze“ meinte. Türkische, pakistanische und iranische Quellen berichteten, dass die USA über Vermittler ein Treffen zwischen Vizepräsident J. D. Vance und dem iranischen Parlamentspräsidenten Mohammad Bagher Ghalibaf vorgeschlagen hätten. Der in Teheran gut vernetzte Journalist Abas Aslani schrieb auf der Plattform X, die Idee einer Beteiligung von Vance sei wohl eine Reaktion auf „das tief sitzende iranische Misstrauen“ gegenüber Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff.

Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf im Februar in TeheranICANA/AFP

Ghalibaf hatte es eilig, sich von Trumps Aussagen zu distanzieren. Die Behauptung, wonach bereits Verhandlungen stattgefunden hätten, seien „fake news“, schrieb er auf X. Sie seien darauf ausgerichtet, die Märkte zu beruhigen und „dem Morast zu entkommen, in den die USA und Israel sich manövriert haben“. Allerdings fiel auf, dass Ghalibaf künftige Gespräche nicht ausschloss.

Teheran ist misstrauisch gegenüber Trump

Als Parlamentspräsident ist er Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats. Seit der Tötung von Sicherheitsratschef Ali Laridschani durch Israel hat er die Führung des politischen Apparats übernommen. Das könnte sich aber ändern, denn am Dienstag wurde Laridschanis Nachfolger ernannt: Mohammad Bagher Zolghadr ist ein früherer General der Revolutionsgarde und früherer stellvertretender Justizchef, der zuletzt Sekretär des wenig bedeutenden Schlichtungsrats war. Mit seiner Ernennung scheint die Revolutionsgarde ihre politische Macht auszubauen. Im Vergleich zu Laridschani gilt er als radikaler.

Wegen der fluiden Machtsituation ist schwer auszumachen, inwieweit es innerhalb des Systems Differenzen über die Frage möglicher Verhandlungen mit den USA gibt. Normalerweise hätte der Oberste Führer Modschtaba Khamenei dazu das letzte Wort. Es ist unklar, wie weit er angesichts seiner mutmaßlichen Verletzung und Isolation aus Sicherheitsgründen in Entscheidungsprozesse eingebunden ist.

Nach zwei Verhandlungsphasen, die jeweils im Krieg endeten, ist in Teheran das Misstrauen gegenüber Trumps Absichten groß. Staatsmedien stellten die Aussagen des amerikanischen Präsidenten als psychologische Kriegsführung, „politische Bombe“ und Versuch dar, die iranische Führung zu spalten und Ghalibaf zu beschädigen. Die Revolutionsgarde hatte sich zuletzt selbstsicher gezeigt, durch die Kontrolle der Straße von Hormus Trump vor sich hertreiben zu können. Die Dementis aus Teheran könnten dem Bemühen geschuldet sein, den Eindruck zu vermeiden, Iran stimme Verhandlungen aus einer Position der Schwäche zu.

Die USA wollen Irans Uran

Die diplomatischen Bemühungen nahmen allerdings sichtlich an Fahrt auf. Außenminister Abbas Araghchi führte Telefonate mit seinen Gegenübern in Ägypten, Oman, Pakistan, der Türkei und Russland. Laut einem Bericht der israelischen Zeitung „Yedioth Ahronoth“ gab es auch direkte Kontakte zu den USA. Araghchi habe schon seit dem vergangenen Donnerstag mehrfach mit Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner telefoniert. Der Bericht stammt von dem in Sicherheitskreisen gut vernetzten Journalisten Ronen Bergman. Angeblich sagte der iranische Außenminister, er sei von Modschtaba Khamenei autorisiert worden, „diese Angelegenheit schnell zu beenden, solange unsere Bedingungen erfüllt werden“.

Derweil brachte sich Pakistan als Gastgeber für mögliche Verhandlungen ins Gespräch. Dazu telefonierte Militärchef Asim Munir am Sonntag mit Trump. Der Präsident hatte dem De-facto-Herrscher des muslimischen Landes schon im Juni bei einem Treffen im Weißen Haus bescheinigt, er wisse mehr über Iran „als die meisten“. Islamabad bemüht sich seit Trumps Amtsantritt, sich für ihn unverzichtbar zu machen.

Zugleich verfügt Pakistan über belastbare Geschäftsbeziehungen zu Iran und hat großes Interesse an einem schnellen Ende des Krieges. Ghalibaf würde allerdings ein Sicherheitsrisiko eingehen, wenn er nach Pakistan reisen würde. Das gestand auch Trump zu. Die Gespräche könnten telefonisch stattfinden, sagte er. Oder Araghchi könnte die Verhandlungen wie in der Vergangenheit führen.

Eine schnelle Einigung scheint nicht in Sicht. Die Bedingungen beider Seiten liegen weit auseinander. Die USA verlangen weiter die Herausgabe von Irans hochangereichertem Uran, ein Ende der Anreicherung und eine Begrenzung des durch den Krieg dezimierten Raketenprogramms. Teheran verlangt Reparationszahlungen, die Aufhebung der Sanktionen und Garantien, dass das Land nicht wieder angegriffen wird. Zudem will Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus behalten. Zumindest bei diesem Thema schien Trump sich einen Kompromiss vorstellen zu können: Er sprach von „gemeinsamer“ Kontrolle. „Vielleicht (durch) mich. Mich und den Ajatollah.“ Der Krieg in Iran ging derweil weiter.

Source: faz.net