Dreizehn Stunden, von Donnerstagmittag bis in die Nacht auf Freitag, dauerte die Razzia im Gebäude der „Nowaja Gaseta“ im Moskauer Zentrum. Bald nach Beginn zerrten vier Vermummte einen der Mitarbeiter der Zeitung in einen Kleinbus, als wäre er ein Schwerverbrecher. Oleg Roldugin, so heißt der zunächst auf 48 Stunden festgehaltene Redakteur, werde vorgeworfen, persönliche Daten ohne Erlaubnis benutzt zu haben, um „Artikel und Materialien negativen Inhalts über Russen“ zu erstellen, so die Staatsnachrichtenagentur RIA.
Der Roldugin zur Last gelegte Strafrechtstatbestand ist recht neu und gemünzt auf Investigativjournalisten wie ihn. In der Mehrzahl sind sie längst aus dem Land getrieben worden, Roldugin blieb, ihm droht nun jahrelange Haft. Lange arbeitete er für die Wochenzeitung „Sobesednik“, ordnete unter anderem Dmitrij Medwedjew, dem Adlatus von Herrscher Wladimir Putin, ein Luxusanwesen im Gebiet Iwanowo zu, das später ein Youtube-Film des Antikorruptionsaktivisten Alexej Nawalnyj noch bekannter machte. Darüber kam es 2017 zu Massenprotesten, wie sie heute angesichts von Angriffskrieg und Militärzensur in Russland unvorstellbar wirken.
Auch in Russland arbeiten die Journalisten trotz Schikanen weiter
Roldugin wurde der letzte Chefredakteur des „Sobesednik“, nachdem sein Vorgänger 2022 wie viele Journalisten Russland verlassen hatte. Unerschrocken enthüllte er weiter, wie Putins Elite Reichtümer anhäuft, so 2022 zu Anwesen der Familie von Landwirtschaftsminister Dmitrij Patruschew, einem Sohn des früheren Direktors des Geheimdiensts FSB und späteren Sicherheitsratssekretärs Nikolaj Patruschew. Im September 2024 musste Roldugins zuvor als „ausländischer Agent“ gebrandmarkter „Sobesednik“ schließen, und er stieß zur „Nowaja Gaseta“.
Zwar hatte auch diese 1993 unter anderen von Dmitrij Murarow, dem Ko-Friedensnobelpreisträger von 2021, gegründete Zeitung im März 2022 ihr Erscheinen unter dem Druck der Machthaber einstellen müssen, woraufhin ein Teil ihrer Journalisten im Exil den „europäischen“ Ableger „Nowaja Gaseta Jewropa“ gründete. Aber auch in Russland geht die Arbeit trotz größter Schikanen, Lizenzentziehungen und Gefahren weiter, so mit einer Zeitschrift. Allein im Februar enthüllte Roldugin, dass ein früherer Gehilfe eines Neffen des Herrschers von Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, trotz magerer offizieller Bezüge unter anderem ein Luxuspenthouse im Zentrum Moskaus mit Kremlblick erworben habe; zudem, wie unter anderen Putins Kulturberater Wladimir Medinskij, viel Geld an neuen Schulbüchern mit Kreml-Geschichtsdarstellungen verdiene.
Die „Nowaja Gaseta“, aus deren Räumen die Sicherheitskräfte Geräte und Dokumente fortgeschafft haben, schrieb am Freitag auf Telegram, man arbeite weiter, werde die Leser „soweit wie möglich“ über das Verfahren gegen Roldugin informieren. Die Zeitung muss mit weiteren Nachstellungen rechnen: Laut der Staatsnachrichtenagentur TASS prüfen die Sicherheitskräfte sie auf Verbindungen zur „Nowaja Gaseta Jewropa“, die Moskau als „unerwünschte Organisation“ verfolgt, und zum exiloppositionellen „Antikriegskomitee Russlands“, das gar als „terroristisch“ gilt.
Source: faz.net