Renaissance im Dialog: Was sucht jener Zeitreisende in jener Idealstadt?

Was hat der Bau einer dreischiffigen Hallenkirche Mitte des Quattrocento in der Toskana mit dem julianischen Kalender zu tun? Kann es sein, dass die Fassade nachträglich aufgestockt, das Giebelfeld verschoben und die Gewölbe aus kirchenpolitischen Gründen angehoben wurden? Dass die „Kommentare“ des Bauherrn mehr als hundert Jahre später zensiert und die Veränderungen als „will­kommener Fehler“ des Architekten be­zeichnet wurden, der „die Schönheit des Baus erhöht“? Warum hätte, wie dessen Sonnenuhr den Lauf der Zeiten darstellte, die Lehrmeinung des Vatikans gefährdet?

Das sind die krönenden Fragen eines Buches, das den Leser tief verwickelt in die Welt der Renaissance und mit ihrer Architektur, ihren Künsten und Wissenschaften, ihren philosophischen, religiösen und politischen Ideen beschäftigt: „Julianische Tage im Schatten der Piazza“ von Joscijka Abels entwirft ein, so der Untertitel, „Kaleidoskop der Stimmen und Bilder“, das die Grenzen zwischen akademischer Studie und historischem Roman, Wirklichem und Möglichem offenhält und dafür jene zehn Tage beansprucht, die 1582 bei der Umstellung auf den gregorianischen Kalender gestrichen wurden.

Der Schwindel nach dem Sturz in das Zeitloch

Ein Lesebuch, ein Bilderbuch, das aus der Reihe tanzt: 768 Seiten, 760 Anmerkungen, 390 Abbildungen – Gemälde, Fresken, Zeichnungen, Fotos, Entwürfe, Pläne, Karten, Modelle, Medaillen, Münzen, Porträts, Skulpturen, Mosaiken, Handschriften, Stiche. Zweifarbig gedruckt, schönes Papier, Großformat, bi­bliophil ausgestattet, vorbildlich ediert; unter winzigen Fehlern fallen nur das überzählige „l“ in „dies alter“ und die Verortung Bolognas am Po auf. Erschienen ist der Band in einem Verlag, in dessen Programm er nicht so recht passt. Angaben zur Autorin fehlen, der Waschzettel verrät: „ist Kunsthistorikerin und Philosophin und lebt in Berlin“. Viel mehr lässt sich nicht herausfinden: Abels, geboren 1951 in Schmallenberg, hat 1985, noch mit dem Doppelvornamen „Joscijka Gabriele“, im Campus Verlag die Abhandlung „Erkenntnis der Bilder – Die Perspektive in der Kunst der Renaissance“ vorgelegt, der ihre Berliner Dissertation zugrunde lag. Kann es sein, dass sie, darauf aufbauend, seitdem an diesem Opus summum gearbeitet hat?

„In diesem Augenblick stürzte Bernardo zurück in die Koordinaten von Raum und Zeit. Der Schwindel nach dem Sturz war so gewaltig, dass er vergessen hatte, wer er war.“ Die Handlung ist, gleich die ersten Sätze des Prologs machen es klar, nicht an die Gesetze der Wirklichkeit gebunden: „Nicolai De Cusa / Dialogus / De Ludo Globi“ steht auf dem „Buch aus lose zusammengehefteten, eng beschriebenen Pergamentblättern in einem zerrissenen, ledernen, rostfarbenen Einband“, das der Architekt Bernardo Rossellino, eigentlich Bernardo di Matteo Gamberelli, in Händen hält. Das Spätwerk des Nikolaus von Kues, des Philosophen, Kardinals und Kirchenreformers, gibt dem Ort den Namen, an dem Bernardo allmählich wieder zu sich kommt: In der Sala de ­Ludo Globi, dem großen Bibliothekssaal mit einem schwarzen quadratischen Spielfeld auf dem Boden, trifft er eine Gesellschaft, die sich hier zehn Abende zum Gespräch versammelt.

Montierte Dialoge

Bernardo Rossellino hat dieses Gebäude, den Palazzo Piccolomini, entworfen. Wie auch die Stadt, in der es mit Kathe­drale, Rathaus und Bischofssitz die trapezförmige Piazza flankiert. Corsignano hieß das Dorf südöstlich von Siena, bis Enea Silvio Piccolomini, der 1405 hier geboren und 1458 zum Papst gewählt wurde, Rossellino beauftragte, es zum Ausdruck seiner humanistischen Weltsicht auszubauen. In drei Jahren schuf der Florentiner Architekt ein urbanes Gefüge, das zum Urbild der „idealen Stadt“ wurde, die Papst Pius II., in der Tradition antiker Stadtgründer, nach sich benannte: Pienza.

Die Abendgesellschaft, in deren Gegenwart er „zu seiner eigenen Befremdung“ zurückgekehrt war, „eröffnete“ sich Bernardo am ersten julianischen Tag: Nikolaus von Kues, Piccolomini, der päpstliche Bibliothekar Giovanni Andrea de Bussi, der die deutschen Drucker Arnold Pannartz und Konrad Schweynheym ins Benediktinerkloster nach Subiaco holte, Leon Battista Alberti, Architekt und Architekturtheoretiker, und Paolo dal Pozzo Toscanelli, Arzt, Mathematiker und Astronom. Fünf Universalgelehrte der Frührenaissance, die miteinander bekannt und im Austausch waren: Dass sie in Pienza zum Globusspiel zusammenkommen, an dem sich auch der Architekt und Bildhauer Filarete, der für den Mailänder Herzog Francesco Sforza die ­ungebaute Idealstadt „Sforzinda“ plante, dessen hochgebildete Tochter Ippolita Maria Sforza und Markgraf Ludovico III. Gonzaga von Mantua beteiligen, ist die Erfindung von Joscijka Abels: Aus ihren Schriften und Gedanken montiert sie Dialoge, die den Verflechtungen von Kunst, Philosophie, Religion und Politik nachspüren.

Bin das ich, oder ist das ein anderer?

Die Bibliothek als Ort des Wissens wie der Imagination – Jorge Luis Borges steht dafür, ohne dass er genannt wird, Pate: Das Staunen als Erkenntnisimpuls, Selbstergründung durch Selbstbegegnung. Der Schlussstein auf der Kuppel von Filippo Brunelleschis 1436 vollendeter Kathedrale Santa Maria del Fiore wird zum Grundstein einer Reflexion, die das Kunststück der Zentralperspektive und die Suche nach Identität verknüpft: Der geniale Architekt hat sich auch den bösen Streich ausgedacht, der den dicken Holzschnitzer glauben lässt, nicht er selbst, sondern ein anderer zu sein. Zweimal doppelte Wahrnehmung, die den Blick in Bewegung hält. Sein und Schein, Selbstbild und Fremdbild sind keine festen Größen.

Joscijka Abels: „Julianische Tage im Schatten der Piazza“. Kaleidoskop der Stimmen und Bilder.Verlag

Wie Brunelleschis Entdeckung die Bildwelt (und das Weltbild) veränderte, wie Fixsternhimmel und Unfehlbarkeitsdogma zusammengehören, ist das erste große Thema, auf das viele weitere folgen: der Fall Konstantinopels 1453 und der gescheiterte Kongress in Mantua, die Verbreitung des Buchdrucks, die Suche nach Schönheit, „aemulatio, nicht imitatio“, die Kunst als Schule des Sehens, die Val d’Orcia als arkadische Landschaft, der Monte Amiata als apollinische Imagination, die Quadratur des Kreises, Scham oder Nabel als Ursprung der Welt. Mit stupender Belesenheit und ingeniöser Kombinationslust zieht Abels Verbindungen zwischen Kultur- und Zeitgeschichte, Kunsttheorie und ästhetischer Erfahrung. Sie lässt Rossellino an Gamberelli schreiben, an die andere Person, die er auch ist: Selbstfindung und Selbsterfindung des neuen Individuums, das sich ändert, um dasselbe zu bleiben, ständiges Wechselspiel von Anverwandlung und Erinnerung an die Antike, die an dem Wunsch festhielt, im eigenen Bild ein Weiterleben zu verwirklichen. Pienza als Schau-Platz, an dem die Konstruktion des Ideals und die Macht der Perspektive anschaulich werden. Als epochales Gebäude, das Fenster in alle Zeiten öffnet.

Auf den Fall Konstantinopels reagierte Cusanus mit seiner Schrift „Vom Friede des Glaubens“ (De pace fidei), die nicht zum Kreuzzug, sondern zum Dialog der Religionen auffordert. Der Zeitreisende Bernardo erkennt die Nähe zu Lessings Ringparabel, die auf Boccaccio zurückgeht, und sieht einen Kongress in Rom voraus, der wie Raffaels Fresko „Die Schule von Athen“, das die Antipoden Platon und Aristoteles mit ihren Anhängern ins Bild setzt, Philosophen und Theologen zusammenführt. Die Malerei wird zur Kunst der Erkenntnis.

Am Ende führt Cusanus’ Erinnerung an seinen frühen Versuch einer Kalenderreform (De reparatione kalendarii), die er 1436 dem Basler Konzil vorlegte, auch zur Anfangsfrage: Was hat der Bau der Kathedrale in Pienza damit zu tun? Wer es genau wissen will, kommt, auch auf die Gefahr hin, dass ihm wie Ber­nardo „von all diesen Kalenderdaten“ schwindlig wird, um die Lektüre dieser anregenden und anspruchsvollen Er­zählung der Frührenaissance nicht herum.

Joscijka Abels: „Julianische Tage im Schatten der Piazza“. Kaleidoskop der Stimmen und Bilder.
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2025. 768 S., Abb., geb., 38,– €.

Source: faz.net