Reiseanbieter-Strategie: Kein Urlaub, wenn es zu voll ist

Die Felder auf den Reisterrassen von Tegalalang schimmern smaragdgrün, das Relief am Eingang der Elefantenhöhle von Goa Gajah erscheint malerisch. Doch zum Erlebnis auf der indonesischen Insel Bali gehören oft auch Menschenmassen. Die Urlaubstour führt ins Gedränge statt in die Entspannung. Der Reiseanbieter Evaneos geht für Bali-Reisen nun einen ungewöhnlichen Schritt: Teile der fernen Insel werden aus der Werbung genommen.

„Auf Bali nehmen wir acht Orte aus der Vermarktung“, sagt Evaneos-Ko-Chef Laurent de Chorivit im Gespräch mit der F.A.Z. „Dort gibt es eine Art roten Korridor im zentralen und südlichen Teil der Insel, der überfüllt ist.“ Im vergangenen Sommer hatte Evaneos für die Hochsaison schon den Verkauf von Reisen auf die griechischen Inseln Santorin und Mykonos gestoppt. Begründung: Es ist zu voll – für Einheimische und auch für Urlauber, die ihre Ferien genießen wollen.

Tourismus will de Chorivit nicht verhindern, es wäre auch schlecht für sein eigenes Geschäft. Aber er will einiges verändern. Mit Blick auf Mykonos und Santorin im Juli und August sagt er: „Das Urlaubserlebnis wäre zu stark von Fülle geprägt. Es gibt andere griechische Inseln, die genauso schön sind. Die Erfahrungen für Urlauber werden dort sogar schöner sein.“ Ein Reiseveranstalter zieht die Reißleine.

„Auch Unternehmen müssen etwas tun“

„Reiseanbieter müssen Teil einer Veränderung sein. Wenn wir weiter einen florierenden Tourismus haben wollen, müssen auch die Unternehmen etwas tun und können das Handeln nicht allein Regierungen überlassen“, sagt de Chorivit. Venedig erhebt Eintritt für die Altstadt, das sorgt für Einnahmen, macht die Stadt aber kaum leerer. Dubrovnik deckelt Schiffsanläufe, Tagesgäste mit dem Auto kommen weiter.

„Es ist unsere Aufgabe zu erklären, dass ein Reisender mehr von seinem Urlaub hat, wenn er nicht die am stärksten nachgefragten Orte zu den Stoßzeiten wählt, sondern zum Beispiel einen anderen Ort in Erwägung zieht“, mahnt de Chorivit.

Mit Blick auf Bali hat sich Evaneos der Initiative Indonesia360 angeschlossen. Deren Ziel: An zehn in ihrer Authentizität gefährdeten Orten die Besucherzahl halbieren. „Die letzte Entscheidung liegt beim Urlauber. Aber warum sollte er nicht statt Bali die Insel Java bereisen?“, fragt de Chorivit.

1,5 Milliarden Gästeankünfte in aller Welt

Laut Welttourismusorganisation UNWTO kamen 2025 global rund 1,5 Milliarden Reisende in einem anderen Land an. Ein Rekord. Dass die Welt für diese Massen zu klein wird, glaubt de Chorivit aber nicht. „Es besteht ein Irrtum über Overtourism. Nicht die wachsende Zahl an Touristen an sich ist das Problem. Das Problem ist, dass Urlauber an einigen Orten und in einigen Monaten in großen Massen auftreten.“

Dass Kreuzfahrtreeder in der Karibik eigene Inseln eröffnen, lässt ihn aber schmunzeln. „Die Reisebranche muss keine künstlichen Ziele schaffen, damit Urlauber Einheimischen nicht zur Last fallen. Es gibt genügend schöne Orte auf der Welt für alle Urlauber.“ Sein Ausweg: „Urlauber besser verteilen.“

Der Reihe nach zum Selfie: Urlauber auf der griechischen Insel SantorinTimo Kotowski

Evaneos, ein Pariser Unternehmen, das Kunden in zehn Ländern Europas und Nordamerikas Urlaube verkauft, bietet Pauschalreisen an, die Urlauber nach Vorschlägen selbst zusammenstellen. Mitunter kostet das mehr als eine vorgefertigte Pauschalreise, im Gegenzug soll es „authentische Reiseerlebnisse statt Urlaub von der Stange“ geben, so die Werbeaussage. Welche Ziele auf der Streichliste landen, entscheidet Evaneos datenbasiert. Mit Beratern von Roland Berger wurde ein Index entwickelt, um das Ausmaß des Übertourismus zu bewerten.

An den vollsten Strandzielen kommen demnach in der Spitze 8000 Urlauber je Quadratkilometer zusammen. Das ist mehr als das Zweieinhalbfache der Einwohnerdichte Frankfurts – und Urlauber ballen sich auf diesem Quadratkilometer punktuell. Schlimmstenfalls schauen 70 Prozent der Gäste eines Jahres zudem in den drei Hauptsaisonmonaten vorbei. Für den Übertourismus-Index wurden Ziele auf einer Skala von eins bis fünf eingestuft, Bali landete mit 4,2 in der höchsten Kategorie.

Besser weniger, aber länger reisen

Zum Schaden für das eigene Geschäft soll es nicht sein, wenn Evaneos-Kunden an einigen „Hotspots“ kein eigenes Selfie mehr machen können – oder zumindest in Stoßzeiten eher nicht dorthin gebracht werden. „Um Reisende dazu zu bringen, sich umzuorientieren, müssen wir ihnen keine Rabatte gewähren. Außerhalb der Hauptsaison ist es sowieso meist günstiger“, sagt de Chorivit.

Auch Safaritouren in Afrika müssten nicht im europäischen Winter beginnen, Sorgen vor zu viel Regen im April seien unbegründet. Gleichwohl räumt er ein, dass nicht alle Reisenden voll flexibel planen können. „Familien mit Kindern sind zwar an die Ferienzeiten gebunden, aber schulfreie Wochen gibt es nicht nur im Sommer. Und wer nur im Sommer reisen kann, sollte den August meiden, in dem es voller ist als im Juli“, sagt er. Ob Mühen für verträglicheren Urlaub Erfolg haben, hängt auch von den Reisenden ab. „Es ist es besser, weniger Reisen anzutreten, dafür aber länger vor Ort zu bleiben. Das spart einige Flüge und Emissionen“, sagt de Chorivit.

Und wo macht jemand Urlaub, der mit Reisen sein Geld verdient, gleichzeitig aber Ziele sortiert? Die Bali-Fernreise stand bei ihm nicht an. Für besondere Erlebnisse müssten nicht immer besonders lange Strecken gewählt werden, sagt er. „Ich war zuletzt in Tunesien, nicht auf Djerba oder am Strand, sondern im Süden in der Wüste. Das war nicht allzu weit von meiner Heimat Frankreich, aber es war eine ganz besondere Erfahrung.“

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