Regime dieser Memes: Das Internet war nie ein unschuldiger Ort

Als Steve Bannon, zeitweise Berater und Stratege Donald Trumps und Chef der rechten Plattform Breitbart, im Jahr 2012 begann, gemeinsam mit dem ultrarechten Aktivisten Milo Yiannopoulos eine „Armee von Trollen und Aktivisten“ zur Meme-Produktion zu rekrutieren, ging es nicht um harmlosen Netzhumor. Bannon zielte auf Akteure aus Plattformmilieus, darunter aus Computerspiel-Communities, die durch „sexistisch-antifeministisches, aggressives Verhalten“ aufgefallen waren.

Er bezeichnete sie als Armee aus „wurzellosen weißen Männern“, die über Kräfte verfügten, welche man „auf Politik und Trump umlenken“ könne. Ullrich nimmt diese Episode in seinem neuen Buch nicht als Randnotiz, sondern als Programm: Memes sind in der politischen Gegenwart keine digitale Folklore. Sie sind Material, das organisiert, in Serie produziert und strategisch eingesetzt wird.

Memes verdichten diffuse Kränkungen

Was hier politisch umgelenkt wird, ist Affekt. Ullrich beschreibt, wie die Mobilisierung über eine bereits vorhandene Angst unter weißen Männern in den USA funktioniert: die Angst, eine angestammte Machtposition zu verlieren – demographisch, kulturell, geschlechterpolitisch. Der Kulturwissenschaftler Simon Strick, der intensiv zu rechten Affektökonomien geforscht hat, wird mit der Beobachtung zitiert, die Betroffenen hätten sich als „vielseitig deprivilegierte und margina­lisierte Minderheit“ erlebt und dieses Gefühl in endlosen Beiträgen, Posts und „Meme-Serien“ verfestigt.

Wolfgang Ullrich: „Memokratie“. Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik.Wagenbach

Memes verdichten diffuse Kränkungen in wiedererkennbare, teilbare Kurzformen; sie markieren Gegner, stabilisieren Gruppenzugehörigkeit und verschieben die Tonlage. Ullrich nennt als Zäsur das Jahr 2014: „ausdrücklich misogyne Kampagnen“ habe es „in großem Umfang erstmals“ gegeben, nachdem sexistische Stereotype in Computerspielen kritisiert worden waren; die Aggressionen und Drohungen seien so heftig gewesen, dass sie weit über die Szene hinaus wahrgenommen wurden (und später den Namen „Gamer-Gate“ erhielten). Der Befund ist frei von Nostalgie: aus Subkultur, so Ullrichs Argument, wurde Infrastruktur.

Diese Infrastruktur fasst Ullrich unter dem titelgebenden Begriff der „Memokratie“. Gemeint ist damit keine Staatsform im juristischen Sinn, sondern ein Aufmerksamkeitsregime, eine Herrschaftslogik der Zirkulation. In dieser Ordnung sind Plattformen keine neu­tralen Kanäle, sondern Selektionsmaschinen: Was affektiv anschlussfähig ist, steigt; was differenziert, hat es schwerer.

Ullrich spielt hier seine Stärke als Bildwissenschaftler aus, indem er die Formmacht sichtbar macht. Memes funktionieren weniger über Argumente als über rasche Anschlussfähigkeit. Gegner geraten damit in ein strukturelles Dilemma: Reagieren bedeutet oft, die Zirkulation der Gegenseite zu befeuern; nicht zu reagieren heißt, Deutungshoheit abzugeben.

Sie schüren eine Gewalterwartung

Die analytische Zuspitzung des Buches erfolgt dort, wo Ullrich diese Memokratie als Risiko für die demokratische Verfahrensordnung verhandelt. Wenn „jeglicher Anspruch auf Sinn und Maß“ verschwinde, dann habe der Verstand aus­gedient, dann seien die „Grundlagen der demokratischen Verfahrensordnung geschreddert“. Ullrich knüpft daran eine Leitfrage: Wie soll in diesem Fall ver­hindert werden, dass es zur Eskalation von Gewalt kommt?

Wer Shitpostern wie Trump folge, werde von Willkür und Aggressivität angesteckt und zu rücksichtslosen Verhaltensweisen aufgefordert. Wer abgestoßen sei, könne darin gefährliche Sinnlosigkeit erblicken, sich zu Notwehr berechtigt fühlen oder selbst an Skrupeln verlieren. Was entstehe, sei ei­ne Daueraufgeregtheit: die einen hoffen auf die Abrechnung mit Migranten und Establishment, die anderen fürchten ein Regime ohne rechtsstaatliche Regeln.

Ullrichs Vergleich ist an dieser Stelle scharf und genau deshalb diskussionswürdig: Das Schüren von Gewalterwartung sei sonst eher die Profession von Terrororganisationen. Furcht entstehe oft schon durch Ankündigungen, und dadurch, dass man den Akteuren zutraue, Ernst zu machen. Hinzu komme Unbe­rechenbarkeit: Zwischen Drohungen und Taten bestünden keine eindeutigen Korrelationen.

Tief in der Gegenwart verankert

In der Memokratie, so Ullrich, kommt die Drohung zudem im Gewand des Lustigen und Albernen daher – eben als Memes: Während sie bei den einen Spaß an der Gewalt fördern sollen, wird den anderen damit „umso bösartiger Angst gemacht“. Auch ein Satz, den Ullrich Elon Musk zuschreibt, passt in diese Logik: „Fear (and memes) get clicks“. Angst ist nicht nur politisches Mittel, sondern Reichweitentreiber – und damit Machtfaktor.

Wer derart analysiert, muss sich der Frage nach Gegenwehr stellen. Ullrich verweigert sich einer einfachen Erzählung, man müsse nur bessere Memes in Umlauf bringen. Am Beispiel von Gavin Newsoms „Shitposting“-Kampagne ge­gen „Dark Trump“ aus dem Jahr 2024 zeigt er die Grenzen solcher Strategien: Parodie bleibt abhängig vom Original, kann dessen Bildpolitik normalisieren und erschöpft sich leicht in Trolltechnik. Zudem macht Ullrich auf ein Asymme­trieproblem aufmerksam. Bestimmte Akteure können sich bestimmte Formen leisten, andere zahlen schnell Glaubwürdigkeitskosten; nicht jede Pose trägt in jedem Lager. Die demokratische Öffentlichkeit lebt von Differenzierung. Das Meme lebt von Reduktion.

Man mag einwenden, dass die Beispiele des Buches stark US-zentriert bleiben. Doch die Quellenlage, tief in der Gegenwart verankert, ist gerade ein Argument: Ullrich arbeitet mit einem dichten Netz aus journalistischen Texten, Plattformreferenzen und Studien; die Endnoten dokumentieren, wie nahe am Material diese Diagnose gearbeitet ist. „Memokratie“ liefert keine tröstlichen Lösungen, aber eine klare Warnung. Der Kampf um Demokratie ist längst kein Streit um Inhalte mehr. Er ist ein Streit um Formate, Affektökonomien und Selektionsregeln – und um die Frage, wer sie am konsequentesten zu nutzen versteht.

Wolfgang Ullrich: „Memokratie“. Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik. Wagenbach Verlag, Berlin 2026. 192 S., br., 23,– €.

Source: faz.net