Regie-Ausnahmetalent Jan-Christoph Gockel kastriert „Faust“ und „Wallenstein“

Die Theater-Heroen der Vergangenheit werden immer mehr zu Anti-Helden. Das Ausnahmetalent des zeitgenössischen Theaters Jan-Christoph Gockel zeigt bei „Faust“ und „Wallenstein“ ein Theater als Vision einer grauenhaften, posthumanen Zukunft


Wallenstein an den Münchner Kammerspielen: Nadège Meta Kanku, Annika Neugart, Samuel Koch

Foto: Armin Smailovic


In der Politik lassen sich die alten, weißen und hyperpotenten Männer aktuell (noch) nicht stürzen. All die Putins und Trumps und Netanjahus sitzen zu fest im Sattel. Anders im Theater, wo man sich die bessere Welt ja zumindest erträumen kann. Dort werden aktuell viele Klassiker unter neuen Vorzeichen gelesen und im Spiegel unserer Diskurse dekonstruiert.

Auf einmal schimmert im Dorfrichter Adam aus Kleists Der zerbrochene Krug der Jeffrey Epstein unserer Tage durch. Und selbst die Helden unserer Säulenheiligen, die uns zum Prädikat des Landes der Dichter und Denker verhalfen, Goethe und ja, gar des Freiheitskämpfers Schiller weisen ein erhebliches Chauvi-Risiko auf.

Wer dieses in durchweg kanonverdächtigen Inszenierungen herausstellt, ohne in einen didaktischen, moralisierenden Feminismus zu verfallen, ist das Regie-Ausnahmetalent Jan-Christoph Gockel, der Castorf der Gegenwart, ein wahrer Schauspielberserker, der die Bühne zu bildgewaltigen Spektakeln nutzt.

Ganz aktuell brilliert sein für das Berliner Theatertreffen nominierter Wallenstein an den Münchner Kammerspielen. Der titelgebende Fürst stellt bekanntermaßen den Kaiser auf die Machtprobe. Nachdem sich seine Getreuen nach außen hinter ihm versammeln, spinnen einige schon fleißig die Intrige im Hintergrund, allen voran Octavio Piccolomini!

Der Feldherr im Rollstuhl

Bei Gockel köchelt er buchstäblich über die gesamte Aufführung hinweg die Kabale. Die räumlichen Voraussetzungen sind dafür allemal gegeben, setzt doch die Realisierung mit einem gigantischen Küchenstudio ein – selten wurde man einer derart starken Metapher für den Krieg und den Rauch der Schlachtfelder gewahr, der nun den Töpfen entsteigt.

Derweil bringt nicht nur der Verschwörer erheblichen Testosteronstau mit, sondern ebenfalls eine zur Analogie dienende Figur aus der Wirklichkeit: Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin. Immer wieder führt Gockel den verstorbenen Chef der Wagner-Gruppe – auch als Putins Koch bezeichnet, weil er mit einem Restaurant zeitweise seinen Lebensunterhalt bestritt – mit Wallenstein eng. Beide können auf den ersten Blick durchaus als machistische Ego-Kaliber bezeichnet werden.

Schaut man allerdings genauer auf Schillers Feldherren des 15. und 16. Jahrhunderts, fällt doch dessen Zögerlichkeit auf. Im Drama erscheint er als Zauderer, der vom Schicksal eingeholt wird. Daher wird er nicht selten, denkt man etwa an die mittlerweile zum Klassiker avancierte Inszenierung von Michael Thalheimer, als rein sitzend vorgeführt.

In München kann er sich indessen kaum mehr bewegen. Verkörpert von dem behinderten Schauspieler Samuel Koch, tritt er mal im Rollstuhl, mal in einer überdimensionalen Maschine auf, in der er, an Fäden hängend, an eine Marionette erinnert. Hat man beim Lesen des Stücks einen athletischen Mann vor Augen, wird dieser Eindruck nun gänzlich unterwandert. Wallenstein und schließlich auch der Hardliner Prigoschin sind in den Kammerspielen zu Schatten ihrer selbst degeneriert. Die ihnen angetragene Potenz wirkt wie ein schlechter Witz, dargeboten in Kriegen spätpubertierender Männer.

Der Makel des Allzumenschlichen

Ähnlich ergeht es Gockels Faust am Schauspiel Frankfurt. Ansonsten gern als Titan gefeiert, galt der Wissensdurstige lange Zeit als Vorbild des Strebsamen. Er verkörpert das, modern gesprochen, lebenslange Lernen. Bei dieser positiven Betrachtung verschweigt man jedoch häufig, dass wir es bei dem Gelehrten mit einem patriarchalen Typ Mann allererster Güte zu tun haben. Er schwängert Gretchen und lässt sie mit den Folgen allein. Wegen dieser Dramatik präsentiert uns der Regisseur den ersten Teil der Tragödie auch in einer zwanzigminütigen Fahrt durch eine auf der Bühne errichtete Geisterbahn.

Dabei deklamiert Mephisto die prominenten Sätze des Textes und streift mit der Handkamera die einschlägigen Szenen, dargestellt von sich wie Roboter bewegenden Spieler:innen. Und Faust? Der unstillbare Macher? Der begegnet uns den Großteil des ebenfalls den zweiten Teil umfassenden Abends als schmächtige, greisenhafte Puppe an der Hand seines teuflischen Begleiters.

Die Aussagen: Der Protagonist ist eigentlich schwach und mehr oder weniger eine Puppe des Teufels. Ein besonders kruder und zugleich einer der phänomenalsten Momente des Abends entsteht übrigens in der Begegnung mit Helena. Mit Blick auf die KI-Ära lässt sie der Regisseur als Humanoid im Paket liefern. Als sich der leblose Faust mit ihr ein Stelldichein gibt, nähern sich so letztlich zwei Tote an. Theater als Vision einer grauenhaften, posthumanen Zukunft.

Müssen wir also die männlichen Figuren im neuen Licht sehen? Gerade jene, in denen wir bisher vornehmlich heroische Gestalten ausgemacht haben? Zweifelsohne schärft Gockel unser Gespür und denkt weiter, was beispielsweise schon Martin G. Berger, Philipp Preuss oder Nicolas Stemann in ihren Faust-Interpretationen zu erproben wussten. Damit erweist sich nicht gleich der ganze Kanon als hinfällig. Gleichwohl laden uns jene Deutungen zur Ambivalenz ein – und zeigen den Makel des Allzumenschlichen in vermeintlich gloriosen Dramen der Menschheit auf.

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