Recycling-Start-UP Sykell: Joghurtbecher sollen zurück in den Kreis

Das europäische Müllproblem wächst. In den vergangenen zehn Jahren hat das jährliche Verpackungsvolumen in der EU je Kopf von 161 auf 178 Kilogramm zugenommen. Der gefühlte Umweltweltmeister Deutschland erreichte im Jahr 2003 mit 215 Kilogramm vor Italien und Irland den drittschlechtesten Wert. Auf verschiedenen Ebenen versuchen Politiker, Unternehmen und Institutionen, das Aufkommen zu reduzieren – durch Regulierung, kommunale Verpackungssteuern oder private Rückgabemodelle.

Die Ergebnisse sind noch wenig überzeugend. Die Einwegkultur ist bequem und einfach, das funktionierende Duale System in der Entsorgung vermittelt den Konsumenten den Eindruck, nichts weiter tun zu müssen. Das Berliner Start-up Sykell will dem nun entgegentreten und ein Mehrwegsystem für Joghurtbecher, Fertiggerichte und Salatbehälter schaffen, das auf Kunststoff setzt, aber von der Rücknahme über den Transport zur Waschstraße bis zur Rückgabe an die Hersteller alles aus einer Hand anbieten will. Auf der Biofach, der Leitmesse für Biolebensmittel, will das Unternehmen dieses Ansinnen in dieser Woche an mögliche Geschäftspartner herantragen.

„Mehrweg funktioniert nur, wenn es für alle Systemakteure einfach ist“, sagt André Lang-Herfurth, Leiter Marketing and Sales von Sykell. Selbst das seit Jahren etablierte Mehrwegsystem für Getränkeflaschen leide unter mangelnder Effizienz, weil in den Märkten gesammelt werde und große Flächen durch Kisten vollgestellt würden, die zum Teil von den Herstellern als Marketinginstrument zurückgefordert werden. Das erschwere eine kostengünstige Logistik. „Unsere Rolle ist die eines Systembetreibers. Wir orchestrieren und managen das System aktiv – von der Partnerintegration über das Pfandmanagement bis zur Rückführung und Reinigung“, sagt er.

Rewe hat in Sykell investiert

Schon kurz nach Gründung des Unternehmens hat die Handelskette Rewe das Potential erkannt. Bald hat es einen Anteil von elf Prozent am Unternehmen übernommen. Ursprünglich arbeitete Sykell nur an seinem Mehrwegangebot Prefill, das aber wie so viele daran leidet, nur eine kleine Insellösung zu sein und nicht die Breite des Marktes abzudecken. „In der Partnerschaft mit Sykell sehen wir einen wichtigen Baustein, um praxistaugliche, effiziente und für Kunden leicht nutzbare Lösungen weiter auszubauen“, sagt ein Konzernsprecher.

Das bestehende System Prefill vereine schon einige Vorteile, sei effizienter für Partnerunternehmen und in der Logistik als andere. „Aus unserer Sicht hat das System das Potential, einen Branchenstandard zu setzen – denn um das immense Nachhaltigkeitspotential von Mehrweg zu heben, braucht es flächendeckende Lösungen und keine Insellösungen“, sagt der Sprecher.

Sykell knüpft an bestehende Logistik an und will mit den 26 deutschen Waschstraßen kooperieren. „Wir benutzen In­frastruktur, die es schon gibt, Lastwagen würden ohne uns leer zurückfahren, Reinigungsstraßen hätten weniger zu tun, Pfandautomaten würden weniger Verpackungen zurücknehmen“, sagt Lang-Herfurth. Effizienzgewinne erhofft sich das Unternehmen durch Künstliche Intelligenz, die den Weg jedes einzelnen Gebindes durch Codes auf den Verpackungen nachzeichnen kann.

Verpackungscheck stellt Supermärkten schlechtes Zeugnis aus

Ein anderer Hebel sei die Standardisierung: Sykell stelle Verpackungen in typischen Größen wie 500 Millilitern oder 1,5 Kilogramm her, zudem sollen eta­blierte Rückgabesysteme wie Recup integriert werden. „Umsatz generieren wir durch wettbewerbsfähige Nutzungsgebühren für Verpackungen und Systemgebühren zum Auf- und Ausbau des Mehrweg-Ökosystems“, sagt er. Die Flächen können Abfüller mit Klebefolien und Banderolen für Werbezwecke nutzen.

Die Herausforderung ist nicht gering, wie eine jährliche Untersuchung der Deutschen Umwelthilfe zeigt. „Nach vier Jahren Verpackungscheck konnten wir keine deutlichen Verbesserungen im Verpackungsangebot bei unseren stichprobenartigen Testbesuchen feststellen“, schrieb die Nichtregierungsorganisation im September in ihrem vierten Vergleich der Supermarktketten. Dafür hatten Mitarbeiter je vier Filialen der zwölf größten Ketten besucht und auf das Mehrwegangebot hin getestet. Seit dem ersten Check habe sich wenig verändert.

Verpackungen von Getränken und Nahrungsmitteln machten unter den 215 Kilogramm Pro-Kopf-Verbrauch fast zwei Drittel aller privat genutzten Verpackungen aus. Würden alle alkoholfreien Getränke statt in Einweg- in Mehrwegflaschen verkauft, ließen sich 1,4 Millionen Tonnen CO2 einsparen – das entspräche dem Ausstoß von 940.000 Mittelklassewagen, wenn sie im Jahr 12.000 Kilometer zurücklegen. Die Mehrwegquote liegt nur bei 42 Prozent.

Mehrwegquote für Milchprodukte ist sehr niedrig

In diesem Produktsegment ist durch staatliche Vorgaben ein System etabliert – anders als für Kühlregale, auf die Lang-Herfurth und Sykell abzielen. Die Mehrwegquote für Milchprodukte liegt nur bei 1,2 Prozent – obwohl der Molkereimehrwegpool sich bemüht, den Anteil der Joghurtgläser zu erhöhen. Trotz seines Gewichts ist Glas eine nachhaltige Lösung, aber schwerer zu managen als Plastikverpackungen. Sykell berichtet von Tests, dass seine Gebinde 35-mal gereinigt werden könnten, ohne ihre Schutzfunktion für Lebensmittel zu verlieren.

So oft müsse ein Gebinde gar nicht verwendet werden, um einen positiven ökologischen Effekt zu haben, sagt Kerstin Kuchta, Direktorin des Instituts für Circular Ressource, Engineering und Management der Technischen Universität Hamburg. „Ab viermal Nutzung ist die Bilanz für jede Art Verpackung besser“, sagt sie. Bislang leide das Mehrwegsystem darunter, dass Verpackungen sehr unterschiedlich seien. Supermärkten sei es zu aufwendig, Verpackungen per Hand in Boxen zu sammeln, bevor sie in die Waschstraßen geliefert werden. Ein System, das so umständlich sammele, müsse bald kollabieren.

Einheitlichkeit durch Standards und eine Überprüfung über moderne Trackingmethoden seien zwei Schlüssel zu einem erfolgreichen Mehrwegsystem außerhalb des Getränkesegments. „Ein einheitliches Pfandsystem funktioniert nur mit standardisierten Verpackungen und wenn viele mitmachen“, sagt Professorin Kuchta. Und der Effekt werde spürbar sein: Selbst wenn Kunden ihre Verpackungen nach der sechsten oder siebten Nutzung aussortierten, sei er positiv. „Da ist jede Ökobilanz klar: Die lange Nutzung ist die bessere Lösung.“

Wenn sich Sykell mit seinem Ansatz durchsetzt, muss niemand mehr die Zahl der Verpackungen zählen. Supermärkte wären vorbereitet auf weitere Verpackungssteuern von Städten. Und die Vorgaben aus der im vergangenen Jahr in Kraft getretenen europäischen Verpackungsverordnung, einen Rezyklatanteil von mindestens zehn Prozent zu erreichen, werde sich auch gut erreichen lassen. Die nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter in der Berliner Zentrale des Unternehmens seien bereit für diesen nächsten Schritt, sagt Lang-Herfurth.

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