Rechtsextreme Codes: Wenn die Saftpackung zum Besten von Judenhass steht

Wenn sich Kinder von der Kontrolle Erwachsener abgrenzen wollen, nutzen sie ihre eigenen Geheimsprachen – wie die sogenannte Löffelsprache, bei der nach Vokalen und Umlauten neue Silben hinzugefügt werden, oder die Räubersprache bei Astrid Lindgren. Auch Extremisten aller Couleur verstecken ihre Ideologie oft hinter Codes, die Eingeweihte erkennen und die auch von Ahnungslosen ohne propagandistische Absicht genutzt wird. „Dog Whistle“, nennen sich solche codierten Botschaften, zu Deutsch „Hundepfeife“. Sie sind mittlerweile fester Bestandteil des politischen Alltags und der Onlinekultur. Geprägt wurde der Begriff 1988 vom Journalisten Richard Morin. Heute transportieren Dog Whistles meistens jene Antihaltungen, die im letzten Jahrzehnt wieder salonfähig wurden: Antidemokratie, Antisemitismus, Antipluralismus.

In Deutschland hat sich diese Methode vor allem in rechtsextremen Kreisen schon etabliert, um das Verbot der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen zu umgehen, das 1968 dem Strafgesetzbuch hinzugefügt wurde. So werden nationalsozialistische Zeichen und Symbole etwa mit bestimmten Zahlenkombinationen verbreitet: die 88 ruft zweimal den achten Buchstaben im Alphabet auf und steht damit für „Heil Hitler“, die Zahl 18 lässt sich zu AH (Adolf Hitler) übersetzen, 1919 für zwei S und damit für die blitzförmige Siegrune, die genauso verboten ist wie das Hakenkreuz.

Die Ziffernfolge 1312 für ACAB – „All Cops Are Bastards“ – wird im links- wie im rechtsextremistischen Spektrum gleichermaßen genutzt. In den USA steht etwa seit Mitte der 1980er-Jahre die Zahl 14 für die „Fourteen Words“ des Neonazis David Lane, ein Glaubensbekenntnis der White-Supremacy-Ideologie: „We must secure the existence of our people and a future for white children“ (zu Deutsch: „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft weißer Kinder sichern.“)

Wie der Holocaust zum schönen Tag wird

In den sozialen Medien hat sich diese Verschleierungstaktik heute zu einer ausgeklügelten Praxis entwickelt, die raffiniert potentielle Sperren unterläuft und gleichzeitig durch ihre spielerische Form die rechtsextremen oder antisemitischen Botschaften dahinter verharmlost. Zu einem der populärsten Codes hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Chiffre „271K“ entwickelt. Dahinter steht die Verschwörungstheorie, dass der Holocaust nicht sechs Millionen Opfer gefordert hat, sondern angeblich nur 271.000.

Als vermeintlicher Beleg dient ein echtes Dokument, das die ausgestellten Sterbeurkunden für Häftlinge aus einigen Konzentrationslagern verzeichnet, aber dabei die Millionen namenloser Opfer, die in den Vernichtungslagern ermordet wurden, gar nicht berücksichtigt. In Deutschland hat Tiktok den Begriff „271K“ seit Anfang 2025 immerhin mit einem Warnhinweis versehen: „Hol dir die Fakten. Wir empfehlen dir, die Fakten zu überprüfen und glaubwürdige Quellen aufzurufen, wenn du nach Informationen über den Holocaust und seine Folgen suchst.“

Doch in den meisten Fällen kümmern sich die Plattformen kaum um die Bekämpfung solcher Dog Whistles. Das liegt auch daran, dass es zur Strategie dieser Codes gehört, Begriffe zu besetzen und umzudeuten, die in anderen Kontexten unverdächtig sind: Selbst ein harmloser Begriff wie „Ostküste“, der darauf anspielt, dass eine angebliche jüdische Weltverschwörung von der US-amerikanischen Ostküste aus eine neue Weltordnung denkt und lenkt, kann als Dog Whistle missbraucht werden. Gleiches gilt für den freundlichen Ausruf „Have a Totally Joyful Day“, dessen Anfangsbuchstaben „TJD“ im Englischen als Akronym für den „Total Jew Death“ gelesen werden können. So wird aus dem „total schönen Tag“ der „totale jüdische Tod“.

Eine andere Phrase hat der rechtsextreme Aktivist Nick Fuentes erfolgreich in den Diskurs auf Social Media eingeschleust: Mit der Formulierung „six million cookies“ („Sechs Millionen Kekse“) wird die Zahl der im Holocaust getöteten Juden angezweifelt. Seitdem geistert die Analogie als geschmackloser Witz durchs Netz, zum Beispiel als Mathematik-Scherzfrage: „Das Krümelmonster hat vier Öfen und muss 6 Millionen Kekse in Massenproduktion backen. Das Backen jedes Kekses dauert 20 Minuten, und in jedem Ofen können jeweils vier Kekse gleichzeitig gebacken werden. Das Krümelmonster möchte 6 Millionen Kekse in vier Jahren backen. Ist das möglich?“, fragt etwa ein Nutzer auf Reddit.

Die Memefizierung des Antisemitismus

Rechtlich kann kaum jemand für die Verbreitung solcher Codes belangt werden, im Zweifelsfall kann jeder auf Unwissenheit plädieren. Dabei schützt die ironische Verwendung nicht nur vor Zensur und Moderation, sondern verschiebt auch Hemmschwellen. Wird Antisemitismus mit Humor verbunden, trivialisiert es den Judenhass und macht ihn anschlussfähig für ein junges und ideologisch noch nicht festgelegtes Publikum, das explizitere Formen der Hate Speech eher abschreckend finden würde. Bewusste Grenzüberschreitungen werden mit „Es ist doch nur ein Witz“ gerechtfertigt.

Besonders der Einsatz von Internet-Memes hat in den vergangenen Jahren zur Verbreitung und Banalisierung und Normalisierung antisemitischer Botschaften beigetragen, zu einer „Memefizierung des Antisemitismus“, wie es die Frankfurter Soziologen Mohamed Salhi und Yasmine Goldhorn nennen. Traten Memes anfangs noch als Bilder auf, sind sie nun in allen Medienformen vertreten, können satirisch, zynisch, aber auch nüchtern sein. Als „mundgerechte, leicht verdauliche Häppchen politischer Ideologie und Kultur“, wie es die Extremismusforscherin Julia DeCook definierte, sind Memes ein perfektes Mittel für die Ästhetisierung extremistischer Botschaften.

Neben der Verstärkung antisemitischer Stereotype und der Relativierung des Holocaust dienen sie auch zur Romantisierung des Nationalsozialismus: pompöse Truppenaufmärsche, tanzende Frauen und Kinder unter Hakenkreuzen, begleitet von moderner melancholischer Popmusik, Eva Braun als moderne Tradwife, die Kinder umarmt und Kaninchen streichelt, beschwören das Dritte Reich als verlorene Idylle. Die Videobeschreibungen behaupten, damit „zur historischen Bildung“ beizutragen, oder geben die Posts als Satire aus. Doch die ästhetische Illusion einer glorreichen Vergangenheit fügt sich nahtlos in eine Bilderwelt aus Millionen von rechtsextremen und antisemitischen Memes ein.

Das Emoji der Saftpackung („juice“) steht oft für Juden („jews“)Emoji Aranja

Eine wichtige Rolle im Arsenal der Verharmlosung spielen auch Emojis. Die kleinen Piktogramme eignen sich optimal als Vehikel für die versteckten Botschaften, auch sie werden oft von Nichtwissenden potenziert. So spielen zwei Blitze auf die nationalsozialistische Schutzstaffel an, ein Gesicht mit großer Nase zeichnet das stereotypische Bild nach, das schon auf antisemitischen NS-Plakaten zu sehen war. Das Emoji einer Saftpackung – im Englischen „juice“ – wird aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit zu „jews“ zur rassistischen Chiffre, oft auch in Verbindung mit der israelischen Flagge. In den Kommentarspalten antisemitischer Videos setzt sich die Zweckentfremdung der Symbole dann hemmungslos fort: Zapfsäulen stehen für die KZ-Gaskammern, ein freundlich winkendes Männchen für den Hitlergruß, die unterstrichene 100 für eine „vollständig weiße Abstammung“. Ein Vampir symbolisiert das Klischee vom jüdischen „Blutsauger“, ein Gesicht mit Dollarzeichen in den Augen das der jüdischen Geldgier.

Die Unverfänglichkeit solcher Symbole macht es dabei nicht leichter, die Strategie der Dog Whistles zu fassen. Denn natürlich ist nicht jeder, der solche Emojis verwendet, ein Nazi oder Antisemit. Die Grenzen verschwimmen, alles kann subtextuell aufgeladen werden. Daher ist auch die Größe der Bewegungen schwer zu fassen. Und trotzdem hilft nur Aufklärung gegen die Aneignung und klandestine Kommunikation: Nur wenn die Öffentlichkeit die heimliche Bedeutung der Zahlen, Codes und Emojis erkennt, verlieren sie ihre Bedeutung.

Source: faz.net