Der amerikanische Technologiekonzern Google weitet im globalen Wettlauf um Rechenleistung für Künstliche Intelligenz und Cloud-Dienste seine Investitionspläne in Deutschland aus. In den nächsten vier Jahren sollen 5,5 Milliarden Euro in den Standort fließen. Das teilte Deutschland-Chef Philipp Justus am Dienstag in der hessischen Landesvertretung in Berlin im Beisein des Bundesfinanzministers Lars Klingbeil (SPD) und der hessischen Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) mit. „Wir freuen uns, das bisher größte Investitionsprogramm von Google in Deutschland vorzustellen“, sagte Justus. Ein großer Teil der Investitionen bis 2029 fließt in ein neues Rechenzentrum im hessischen Dietzenbach und auch das bestehende Rechenzentrum von Google im hessischen Hanau soll ertüchtigt werden. Darüber hinaus will Google seine Büroflächen in Berlin, Frankfurt und München erweitern und eine Partnerschaft mit dem Energieversorger Engie in Deutschland ausbauen.
„Das sind Investitionen für zukünftige Arbeitsplätze in Deutschland. Das ist genau das, was wir jetzt brauchen“, sagte Klingbeil. Google ist seit 2001 in Deutschland vertreten und zählt hier mittlerweile mehr als 3000 Beschäftigte. Die angekündigten Investitionsvorhaben werden nach Einschätzung von Google bis 2029 rund 9000 Arbeitsplätze in Deutschland sichern. Von den global steigenden Investitionen in Rechenzentren profitieren vor allem Konzerne wie der Halbleiterproduzent Nvidia, die die kritischen Komponenten für die Serverfarmen herstellen.
Die Pläne von Google für Deutschland gehen weit über die bisherigen Ankündigung des Konzerns in Deutschland hinaus. Vor vier Jahren hatte das Unternehmen in Aussicht gestellt, bis 2030 mehr als eine Milliarde Euro in den Standort zu investieren. Zu den damals verkündeten Vorhaben zählte auch das erste eigene Rechenzentrum von Google in Deutschland, das der Konzern vor zwei Jahren in Hanau eröffnet hat. Die Pläne für ein eigenes Rechenzentrum in der Region Berlin-Brandenburg hat das Unternehmen mittlerweile zurückgestellt. Das Geschäft mit Cloud-Diensten und Künstlicher Intelligenz wächst aber auch in der Hauptstadtregion.
Konkurrenz schlägt hohes Tempo an
Die Google-Muttergesellschaft Alphabet investiert allein in diesem Jahr weltweit mehr als 90 Milliarden Dollar. Ein großer Teil dieser Mittel fließt in neue Rechenzentren, um mit Konkurrenten wie Amazon, Microsoft und Oracle Schritt zu halten. Die Wettbewerber schlagen auch in Deutschland ein hohes Tempo an. Der amerikanische Technologiekonzern Amazon investiert in und um Berlin in den nächsten Jahren rund acht Milliarden Euro in eigene Rechenzentren und baut auch am größten Internetknotenpunkt der Welt in Frankfurt seine Rechnerkapazitäten aus. Microsoft plant Investitionen von mehr als drei Milliarden Euro und errichtet in der Nähe von Köln ein Rechenzentrum für Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Oracle hat erst im Sommer angekündigt, knapp zwei Milliarden Euro in Deutschland zu investieren. Ein Großteil davon fließt in Recheninfrastruktur in der Rhein-Main-Region.
Der japanische Technologiekonzern NTT plant im rheinland-pfälzischen Weinstädtchen Nierstein eine der größten Serverfarmen in Europa und investiert dafür in den nächsten Jahren bis zu fünf Milliarden Euro. Die Deutsche Telekom hat erst in der vergangenen Woche angekündigt, zusammen mit dem amerikanischen Chiphersteller Nvidia eine Milliarde Euro in ein Rechenzentrum in München zu investieren, das für Anwendungen Künstlicher Intelligenz maßgeschneidert ist. In der nächsten Woche erfolgt der Spatenstich für ein neues Rechenzentrum von Schwarz Digits vor den Toren Berlins. Bis 2030 wird die Anschlussleistung aller Rechenzentren in Deutschland um 70 Prozent auf mehr als fünf Gigawatt wachsen, prognostiziert das Borderstep Institut in einer Analyse im Auftrag des Digitalverband Bitkom.
Europa abgeschlagen hinter den USA und China
Im internationalen Vergleich droht der Standort dennoch an Bedeutung zu verlieren. Nach Berechnungen des Bitkom verfügten die USA im vergangenen Jahr bereits über das Zehnfache der Rechenzentrumskapazitäten, die hierzulande bis 2030 bestehen sollen. Und jedes Jahr kommt in den USA etwa das Vierfache der in Deutschland installierten Rechenkapazität hinzu. Die Anschlussleistung aller Serverfarmen in den USA wird sich nach Einschätzung des Borderstep Institut bis 2030 auf rund 95 Gigawatt verdoppeln. Die chinesischen Kapazitäten werden bis dahin um 70 Prozent auf 64 Gigawatt zulegen. Europa trauen die Marktbeobachter ein vergleichbares Wachstumstempo zu. Mit einer Leistung von 28 Gigawatt tut sich 2030 dennoch eine große Lücke auf.
Die EU versucht mit einer Rechenzentrumsinitiative dagegenzuhalten und will fünf Standorte für sogenannte KI-Gigafabriken mit mehr als 100.000 fortschrittlichen KI-Prozessoren fördern. Noch befindet sich das Vorhaben aber in der Bewerbungsphase und nicht alle Unternehmen sind begeistert. Christian Klein, der Chef des größten europäischen Softwarekonzerns SAP, hat die Strategie als verfehlt eingestuft und sich für die Förderung von KI-Anwendungen ausgesprochen, um im globalen Wettbewerb den Anschluss zu halten. Die Bundesregierung hat bereits eine eigene Rechenzentrumsstrategie angekündigt.