Nach zwei gescheiterten Anläufen ist auch der dritte Versuch am Donnerstagabend misslungen: Isar Aerospace musste den geplanten Testflug seiner Spectrum-Trägerrakete vom norwegischen Raumfahrtbahnhof Andøya wegen technischer Probleme verschieben. Wie das Unternehmen mitteilte, war ein Leck in einem Druckbehälter ursächlich für den Rückzug. Der Vorstandsvorsitzende von Isar Aerospace, Daniel Metzler, übte sich in Zweckoptimismus: „Es steht außer Frage, dass wir die Erdumlaufbahn erreichen und einen zuverlässigen Zugang zum Weltraum beweisen werden“, erklärte Aerospace-Chef Daniel Metzler.
Startabbrüche gehörten zur Raketenindustrie. Jedes erfolgreiche Raumfahrtunternehmen habe das schon erlebt. Metzler versprach: „Wir werden bald wieder bereit auf der Startrampe stehen.“ Wann der dritte Versuch im Rahmen des zweiten Testflugs starten soll, stand am Freitagvormittag noch nicht fest. Im Rahmen des Testflugs sollen fünf Kleinsatelliten transportiert werden. Der erste Versuch scheiterte Ende Januar an einem fehlerhaften Ventil, der zweite Versuch musste Ende März wegen des Eindringens eines norwegischen Fischerbootes in die Sicherheitszone abgebrochen werden.
Kurze Zeit zuvor hatte Bundeskanzler Friedrich Merz zusammen mit Norwegens Premierminister Jonas Gahr Støre, Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und der Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dorothee Bär, den Weltraumbahnhof Andøya besucht. Das zeigt die Bedeutung des 2018 gegründeten Start-ups für die Weltraumambitionen Europas. Merz hatte damals gesagt, es sei aus sicherheitspolitischen Erwägungen wichtig, dass sich die europäischen Staaten von außereuropäischen Weltraumfirmen wie SpaceX des umstrittenen Milliardärs Elon Musk unabhängiger machten.
Hoher Nachholbedarf
Isar Aerospace hatte vor einem Jahr den ersten Testflug ebenfalls von Andøya gestartet. Die Rakete war 30 Sekunden nach dem Start abgestürzt. Isar-Aerospace-Chef und -Gründer Daniel Metzler verweist regelmäßig auf das von Elon Musk gegründete Raumfahrtunternehmen SpaceX, das vier Versuche benötigte, um in den Weltraum zu gelangen. Den Zugang zum All bezeichnet der Österreicher Metzler als entscheidend für die strategische Unabhängigkeit Europas. „Europa muss in der Raumfahrt aufholen“, betonte er in einem Pressegespräch im März. Die Stimmung habe sich zugunsten der Raumfahrt gedreht. Trotzdem muss Europa seinen Worten zufolge mehr Raketenstarts erreichen, ansonsten sieht er keinen Zugang zur Weltraumindustrie.
Die europäische Industrie sei immer mehr an Kapazitäten im All interessiert, fügte der 34 Jahre alte Metzler hinzu. Der Nachholbedarf Europas ist groß: Im vergangenen Jahr gab es in den Vereinigten Staaten 198 Raketenstarts und im Rest der Welt 124, hauptsächlich in China und Russland. Europa kam nur auf acht Raketenstarts. Isar Aerospace bereitet schon den dritten Testflug vor. Die Herstellung der Rakete soll sich in den letzten Zügen befinden. Auch die Testflüge vier bis sieben werden nach Angaben Metzlers schon vorbereitet. Er will bis zum Jahr 2027 den Weltraum mit seinen Raketen erreichen.
Immer mehr Anfragen aus der Rüstung
Immer wichtiger wird der Weltraum für die Verteidigung. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius will bis zum Jahr 2030 in die Sicherheitsarchitektur im All 35 Milliarden Euro investieren. Davon profitiert auch Isar Aerospace. „Immer mehr Anfragen, die bei uns eingehen, sind rüstungsbezogen“, berichtete Metzler im März. Mittlerweile entfallen nach seinen Angaben darauf 60 Prozent der Anfragen. Vor einem Jahr seien 85 Prozent der Anfragen noch auf geschäftliche Interessen zurückzuführen gewesen. Das Interesse, mithilfe von Isar Aerospace Satelliten ins All zu schicken, ist groß: „Wir sind bis Ende 2028 ausgebucht.“
In München tummeln sich einige Start-ups in den Bereichen moderner Rüstungstechnologie und Raumfahrt. Dabei werden die Schnittmengen immer größer. Das junge Unternehmen Hypersonica testete kürzlich erfolgreich seine erste Hyperschallrakete. Die Hyperschalltechnologie, die mit Geschwindigkeiten ab 6000 Stundenkilometern beginnt, ermöglicht Schläge tief im Gebiet, hat aber auch zivile Anwendungsfälle und damit hohe Überschneidungen mit der Raumfahrttechnologie.
Ein weiteres Beispiel ist das Start-up Ororatech mit seinen Satelliten, die mit Infrarotkameras ausgestattet sind. Sie dienten bislang zur Erkennung von Waldbränden und deren Bekämpfung. Sie ermöglichen aber auch die frühzeitige Erkennung von militärischen Bewegungen an den Landesgrenzen und können so sehr schnell wichtige Informationen liefern. Diese können dann Radarsatelliten für eine genauere Untersuchung verwenden.
Schon mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet
Isar Aerospace zählt inzwischen mehr als 400 Mitarbeitende aus 50 Nationen und hat zur Finanzierung mehr als 500 Millionen Euro eingesammelt. Auch der NATO-Innovationsfonds hat sich bei dem Start-up engagiert. Ein weiterer Investor ist der Volkswagen-Großaktionär Porsche. Im Sommer 2025 wurde eine Finanzierungsrunde mit dem amerikanischen Techinvestor Eldridge in Form einer Wandelanleihe in Höhe von 150 Millionen Euro vereinbart. Damit wird das Isar Aerospace mit einer Milliarde Euro bewertet. Nach einem „Handelsblatt“-Bericht soll Isar Aerospace inzwischen weitere 250 Millionen Euro eingesammelt haben, womit die Bewertung nun bei mehr als zwei Milliarden Euro liegen soll. Isar Aerospace kommentiert nach eigenen Angaben keine Marktgerüchte.
Mit den bereits in Produktion befindlichen Raketen und einer neuen, 40.000 Quadratmeter großen Anlage bei München sieht sich das Unternehmen gut positioniert, um der weltweit steigenden Nachfrage nach Zugang zum Weltraum zu begegnen. Die Köpfe hinter Isar Aerospace, Metzler sowie Mitgründer und Technologievorstand Josef Fleischmann (35 Jahre), stammen aus der wissenschaftlichen Kaderschmiede der Technischen Universität München (TUM). Fleischmann hatte vor Jahren mit einem Team der TUM einen von SpaceX ausgeschriebenen Wettbewerb für Hochgeschwindigkeitszüge gewonnen.
Metzler, Fleischmann und der dritte Gründer Markus Brandl lernten sich in der studentischen Gruppe WARR (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt) kennen. Nun wollen sie Isar Aerospace zur europäischen Antwort auf SpaceX entwickeln. Das amerikanische Raumfahrtunternehmen strebt derzeit an die Börse mit einer Bewertung von 1,75 Billionen Dollar. Ein Börsengang soll bei Isar Aerospace derzeit kein Thema sein. Die Konzentration gilt den Raketen. Da müssen auch Rückschläge verkraftet werden: „Jeder Versuch liefert uns auf unserem Weg in den Orbit wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse“, sagte Metzler nach dem jüngsten Fehlschlag.