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Bei iranischen Raketenangriffen auf Israel hat es in Tel Aviv Einschläge gegeben. Neben authentischen Bildern, die dies tatsächlich dokumentieren, verbreiten sich auch viele falsche Inhalte im Netz.
„Dieser Mann berichtete direkt aus Tel Aviv, dass sie den verheerendsten Angriff in ihrem Land erlebt hätten, mehr als 16.500 Soldaten seien durch einen iranischen Angriff getötet worden“ oder „Tel Aviv brennt lichterloh“: Posts wie diese verbreiten falsche Inhalte zu den iranischen Raketenangriffen auf Tel Aviv und mischen zahlreiche falsche Informationen und Aufnahmen unter bestätigte Angaben und verifiziertes Bildmaterial.
Denn tatsächlich hat es in Tel Aviv am Dienstag in den frühen Morgenstunden mehrere Raketeneinschläge gegeben, bei denen laut dem israelischen Rettungsdienst Magen David Adom sechs Menschen verletzt und Wohnhäuser beschädigt wurden. Verifiziertes Bildmaterial davon wird von Nachrichtenagenturen und seriösen Medien verbreitet.
Die iranische Nachrichtenagentur IRNA News Agency verbreitet über X: „Bei einem Raketenangriff auf Tel Aviv wurden neun Menschen getötet“. Belege führt sie nicht an.
KI-Fakes und alte Aufnahmen
Zu den Angriffen auf Tel Aviv teilen insbesondere pro-iranische Accounts zahlreiche falsche Informationen, Bilder und Videos, die aus dem Kontext gerissen sind, alte Aufnahmen anderer Situationen zeigen oder KI-generiert sind.
„Eilmeldung: Luftangriffe auf Israel haben begonnen. Bei einem Angriff auf Tel Aviv in Israel wurden 500 Raketen abgefeuert“, schreibt der Account „Iran time“ und verbreitet dazu ein Video, das Raketeneinschläge in Tel Aviv veranschaulichen soll.
Doch das Video ist nicht echt, sondern KI-generiert. So wirken beispielsweise die Explosionen sowohl bildlich als auch vom Klang her künstlich. Auch KI-Detektionstools und Verifikationsexperten halten den Clip nicht für echt. Dennoch wird dieser Post über drei Millionen Mal alleine auf X angezeigt und von diversen weiteren Accounts verbreitet, die suggerieren, es würde sich um authentische Aufnahmen handeln.
Derselbe Account verbreitet zahlreiche weitere falsche Bilder und Videos, die KI-generiert sind oder aus anderen Kontexten stammen. Ein Video etwa soll aktuelle Bilder aus Tel Aviv zeigen – es wurde über zwei Millionen Mal angeschaut. Zu sehen ist eine riesige Explosion und loderndes Feuer, die Aufnahmen wurden aus einem vorbeifahrenden Auto heraus gemacht.
Eine Bilderrückwärtssuche zeigt jedoch, dass die Aufnahmen nicht Tel Aviv zeigen, sondern ein brennendes Öllager in der Hafenstadt Dschidda in Saudi-Arabien. Ein Artikel der Nachrichtenagentur Reuters beinhaltet den Ausschnitt, der für das Fake Video verwendet wurde. Im Artikel steht, dass Huthi-Rebellen aus dem Jemen am 26. März 2022 mit einem Luftangriff Tankanlagen des Ölkonzerns Aramco getroffen und in Brand gesetzt haben. Auch andere Medien berichteten weltweit darüber.
Auch teilen Accounts wie dieser, Videos, die fälschlicherweise Bombenangriffe und heftige Zerstörung in Gaza zeigen, statt die Realität in Tel Aviv abzubilden.
Video zeigt völlig anderes Ereignis
Ein anderes weit verbreitetes Video, das vermeintliche Raketeneinschläge auf Israel zeigen soll, wird mit der folgenden Beschreibung verbreitet: „Iranische Raketenangriffe auf Israel verursachten massive Zerstörungen an mehreren israelischen Militärstützpunkten und töteten viele israelische Soldaten, Kommandeure und Offiziere.“
Von Angriffen und iranischen Raketeneinschlägen in der Größenordnung wie in dem Post behauptet wird, lassen sich keine Belege finden. Nach Angaben des Forschungsinstituts INSS kamen seit Beginn des Krieges am 28. Februar bis zum 25. März durch iranische Angriffe in Israel 17 Menschen ums Leben. Zwei von ihnen waren israelische Soldaten, die im Libanon getötet wurden.
Auch bei diesem Beispiel zeigt eine Bilderrückwärtssuche, dass die Aufnahmen bereits aus dem Jahr 2017 stammen und die Explosion einer Ölpipeline in Bahrain zeigen. Der englische Nachrichtensender BBC berichtete darüber, auch von Reuters gibt es verifizierte Bilder und Informationen über das Ereignis. Bahrain warf den Berichten zufolge Iran vor, den Brand durch „terroristische Sabotage“ verursacht zu haben, was Iran jedoch bestritt.
„Der Moment, in dem iranische Raketen Tel Aviv treffen“ heißt die Beschriftung eines weiteren Videos. Die Aufnahmen zeigen Raketeneinschläge in ländlicher Umgebung, im Hintergrund sind Berge zu sehen. Explosionen sind deutlich zu hören.
Doch zeigt das Video keine Raketeneinschläge in Tel Aviv, sondern den Einschlag einer Rakete in Untergaliläa, einer Region im Norden Israels, wie aus der Beschriftung des Videos auf der israelischen Nachrichtenseite Mako hervorgeht.
Videos zeigen keine fliehenden Israelis
Mehrere Videos sollen angeblich fliehende Israelis zeigen. Auf einem Video sind orthodoxe Juden zu sehen, die in einer brennenden Stadt vor einem Bombenhagel fliehen. Das Video, das leicht als KI-generiert zu erkennen ist, wird unter anderem mit den Worten beschrieben: „Das ist nicht Gaza. Dies ist Israel, und diejenigen, die in Angst fliehen, sind Israelische Staatsbürger. Israel spürt nun die Konsequenzen dessen, was es anderen angetan hat!“.
Ein anderes Video soll Israelis zeigen, die ein Boot besteigen, um nach Zypern zu fliehen. „Einwohner Israels fliehen illegal nach Zypern“, heißt es zu dem Video, das alleine in einem Post auf X über 1,8 Millionen Mal angesehen wurde. Es gibt Medienberichte darüber, dass Israelis nach dem 7. Oktober 2023 Zuflucht auf Zypern gesucht haben, doch diese Aufnahmen zeigen das nicht.
Eine Bilderrückwärtssuche ergibt, dass das Video auf den Philippinen aufgenommen wurde und zum ersten Mal am 14. Januar auf Facebook aufgetaucht ist. Die Bildunterschrift lautet übersetzt so viel wie: „Wettlauf um die besten Plätze“. Unter dem Posting schreibt ein Facebooknutzer, dass das Boot vom Hafen der Stadt Pasacao abgelegt habe – mithilfe einer Geolocation-Recherche lässt sich das bestätigen. Ein aktuelles Video, das ähnliche Szenen im Hafen von Tel Aviv zeigen soll, ist KI-generiert.
Auch ein weiteres Video, welches nach Zypern fliehende Israelis zeigen soll, ist aus dem Kontext gerissen. Zu sehen sind überfüllte Straßen voll hupender Autos, die im Stau stehen und weder vor noch zurück kommen. Im Post dazu steht: „Israelis fliehen nach Zypern nach massiven Hisbollah-Angriffen in Nordisrael“. Tatsächlich sind dies jedoch Aufnahmen von Anfang März aus dem Libanon, wie der Open Source Intelligence-Analyst Tal Hagin auf X schreibt.
Weitere Fakes zu vermeintlichen Raketeneinschlägen in Israel
Bereits seit einigen Tagen kursieren immer wieder Fakes rund um vermeintliche iranische Angriffe auf Israel. So wurde ein Video verbreitet, das eine vermeintlich brennende Anlage des israelischen Ölraffinerie- und Petrochemieunternehmens Bazan Group in Haifa zeigen soll. Zu dem Video heißt es: „Iran trifft Israel hart… Kraftwerk der Bazan-Gruppe in Haifa, Israel“. Doch zeigt das Video einen Angriff auf das Kraftwerk Hezyaz Central in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.
Es stimmt jedoch, dass ein iranischer Raketenangriff die Bazan-Raffinerie in Haifa getroffen hat, wie das israelische Energieministerium am 19. März mitteilte, dieser verursachte aber keine „erheblichen Schäden“. Bereits im Juni des vergangenen Jahres hatte der Iran das Kraftwerk angegriffen.
92 Prozent der Desinformation zum Krieg sind pro-iranisch
Eine Analyse der Organisation NewsGuard kommt zu dem Schluss, dass Posts, die anhand von Falschbehauptungen Irans militärische Stärke übertreiben, sehr typisch für Desinformation im Iran-Krieg sind. 92 Prozent aller von NewsGuard identifizierten Falschbehauptungen im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg waren pro-iranische Narrative.
Viele der Behauptungen erfanden Raketeneinschläge auf Israel durch Iran oder übertrieben die Auswirkungen iranischer Raketenangriffe. So wurde beispielsweise die Behauptung verbreitet, Iran hätte einen großen Komplex des Auslandsgeheimdienstes Mossad getroffen, welche in einem Faktencheck der dpa widerlegt wurde. Auch kursierten falsche Videos, die angeblich zeigen sollten, wie die israelische Atomanlage Dimona und der Flughafen Ben Gurion zerstört wurden.
Gerüchte über den Tod von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wurden ebenso gestreut wie Behauptungen über den Tod anderer zentraler israelischer Politiker.
OSINT-Analyst Hagin schreibt, dass die Verbreitung falscher Behauptungen zwei Ziele verfolge: „Die Moral pro-iranischer Regierungsgruppen zu stärken und dem nachweislichen Erfolg israelisch-amerikanischer gezielter Tötungsschläge gegen verschiedene iranische Regierungsführer entgegenzuwirken.“
Source: tagesschau.de