Nördliches Seine-Ufer, ich stehe direkt am Wasser, der Blick fällt auf die altehrwürdige Pont Neuf und in der Ferne blitzt die Spitze des Eiffelturms. Paris, wie wir es auf Postkarten lieben. Ein Paris, das es lange Zeit gar nicht mehr gab. Es gibt keinen besseren Ort als diesen, um eine Geschichte über Anne Hidalgo zu beginnen, denn diese 2,5 Kilometer lange Strecke mitten im Zentrum ist zum Sinnbild geworden für die Politik der bald nun ehemaligen Pariser Bürgermeisterin, die zu den am Sonntag beginnenden Kommunalwahlen nicht mehr antritt.
Als ich vor 18 Jahren in die französische Hauptstadt kam, war hier noch eine Schnellstraße und ich schlängelte mich auf meinem Scooter durch stinkende Automassen. Damals hatte Bertrand Delanoë noch das Sagen, den ich gern mochte, weil er so ein modern anmutender und mutiger Bürgermeister war wie Klaus Wowereit. Auch er stand offen zu seiner Homosexualität und die beiden verband eine enge Freundschaft.
Das fand ich als Ex-Berlinerin und Neu-Pariserin irgendwie berührend. Dank Delanoë gab es 2007 eine erste kleine Revolution in der Stadt: die Einführung der Leihfahrräder, der Vélib’s. Nur Radwege gab es so gut wie keine, aber das sollte sich bald ändern, als Anne Hidalgo nach 13 Jahren als seine Stellvertreterin und Vertraute 2014 als erste Frau das Amt übernahm.
Sprechen Sie den Namen „Anne Hidalgo“ bloß nicht im Taxi aus
Die Sonne im Gesicht fahre ich auf meinem Vintage-Peugeot-Rad erst mal ein Stück westwärts für einen kleinen Abstecher in den Tuileriengarten. Hier sitzt zur Mittagszeit, etwas abseits, der 39-jährige Dany in einem orange leuchtenden Arbeitsoverall und futtert ein Sandwich. Zwischen all den Touristen und gut gekleideten Parisern in dieser noblen Gegend sticht er heraus.
Er zeigt auf die langgezogene flache Halle hinter uns: ein Pop-up-Store für die Fashion-Week, direkt im Park, cooler Arbeitsplatz für einen Bauarbeiter. Er selbst wohnt in einer der Vorstädte nordwestlich von Paris und sagt, unter Hidalgo gab es für ihn immerhin jede Menge zu tun, Baustellen en masse. Mit seinem Sohn fahre er jetzt manchmal mit dem Fahrrad nach Paris, das sei toll und in seiner Kindheit undenkbar gewesen. „Mit dem Auto geht’s ja eh nicht mehr, das ist schon nervig.“
Was Dany erzählt, verrät viel über Hidalgos Paris: Die einen empfinden die Stadt als lebenswerter und entspannter, andere empfinden die Umgestaltungsmaßnahmen als Schikane, als Bestrafung für die Bewohner umliegender Gemeinden, die nun längere Fahrtwege in Kauf nehmen müssen. Nur wenige sehen es wie Dany ambivalent. Es stimmt, Autofahren ist vielerorts tatsächlich zur Qual geworden. Um 50 Prozent ist der Verkehr in den letzten 20 Jahren zurückgegangen. Hidalgo prägte die Vision einer „Stadt der Viertelstunde“: Alles Wichtige soll in 15 Minuten zu Fuß erreichbar sein, Einkaufen, Arztbesuch, Parks oder Coworking-Arbeitsplatz. Radikale Reduzierung von Wegen.
Aber für Vorstädter mit schlechter Anbindung an die Hauptstadt, für dauergehetzte Lieferanten oder für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist das problematisch. Probieren Sie mal, den Namen Anne Hidalgo in Gegenwart eines Taxifahrers auszusprechen. Da kommt es schnell zu verbalen Entgleisungen wegen der jahrelangen Baustellen, der weitreichenden Tempolimits und abgeschafften Parkplätze.
Rechterhand der Louvre … hätte ich gewusst, wie einfach ein Juwelenraub ist!
Ich bin da zugegeben egoistisch und genieße die freie Fahrt auf der Rue de Rivoli, die früher vier Autospuren hatte, eine davon ist noch übrig. Schon zieht rechterhand der Louvre vorbei, wo bei frühlingshaften Temperaturen die Hölle los ist. Beim Anblick der gläsernen Pyramide darf man schon mal kopfschüttelnd schmunzeln. Hätte man früher gewusst, wie einfach so ein Juwelenraub sein kann …
Aber um bei der Sache zu bleiben: Für Hidalgo ist dieser Millionencoup zu Ende ihrer Amtszeit ein hässlicher Fleck in der Amtsbilanz. Kritiker hatten ihr immer schon vorgeworfen, bei all der Mobilitätswende andere Themen zu vernachlässigen. Im meistbesuchten Museum der Welt wurde erst geraubt, dann gestreikt und schließlich ein millionenschwerer Ticketbetrug öffentlich. Das klingt so gar nicht nach sozialistischer Führung der Stadtobersten.
Ins Bild der Tochter spanischer Einwanderer aus bescheidenen Verhältnissen passten auch nicht die hohen Ausgaben für Kleidung französischer Luxusmarken oder eine halbprivate Reise nach Tahiti 2023. Gemessen an der ellenlangen Liste von Korruptionsskandalen eines Jacques Chirac schockiert mich das persönlich mäßig. Im Gegensatz zu Chirac allerdings hatte sie bei Präsidentschaftswahlen kein gutes Händchen, denn – das hatten wir fast schon vergessen – 2022 war sie tatsächlich als Kandidatin angetreten und erhielt verschwindende 1,75 Prozent, Platz 10 von 12.
Garten des 13. November 2015: Hidalgo stand den Parisern bei, als der Terror kam
Egal, das Hôtel de Ville ist mit Blick auf die Seine eh ein schönerer Arbeitsplatz als der Élysée-Palast, und als ich dort ankomme, überwältigt er mich auch nach all den Jahren mit seiner üppigen Fassade. Auf dem Vorplatz ist erst jüngst ein veritabler Stadtwald gewachsen. Wieder Hidalgos Handschrift. Dass die Stadt elf Milliarden Euro Schulden hat, die unter Hidalgo noch größer geworden sind, möchte man bei all den Frühlingsblumen lieber vergessen, zumal es in Berlin ja sechsmal so viel sein sollen (was man seit Wowi ja glücklicherweise sexy finden kann).
Auf der Rückseite des Rathauses, vor der Kirche Saint-Gervais, herrscht eine ganz andere Stimmung. Hier erstreckt sich seit Kurzem der „Garten des 13. November 2015“, eingeweiht exakt zehn Jahre nach der Terrornacht, als 130 Menschen bei mehreren Anschlägen ums Leben kamen. Auf einer Steinbank sitzen François und Caroline in der Sonne. Das Rentnerpärchen hat jahrelang in Paris gelebt, bevor es nach Nantes gezogen ist. „Dieser Ort ist wunderbar hoffnungsvoll“, finden sie. „Er erinnert an die Toten, ja.
Aber es ist, als blieben sie hier lebendig. Unsere Tochter wohnte lange neben dem Café Belle Époque, wir waren dort oft, bevor es passiert ist.“ Auch das gehört zu zwölf Jahren Hidalgo: Sie stand den Parisern bei, als der Terror kam: Charlie Hebdo, der jüdische Supermarkt, die Café-Terrassen, das Bataclan … Sie hat uns getröstet und ermutigt, das Leben weiter zu feiern. Sie war auch da, als Notre-Dame brannte, was so surreal spektakulär wie traurig war, selbst für eine Atheistin wie mich.
„Erinnern Sie sich noch an das Foto von Hidalgo mit der englischen Königin?“
François und Caroline sagen ganz unumwunden: „Große Hidalgo-Fans sind wir nicht! Erinnern Sie sich noch an das Foto mit der englischen Königin? Im strömenden Regen? Da hält die alte Dame ihren Schirm und Hidalgo lässt ihn sich halten!“, François schüttelt verständnislos den Kopf. „Verstehen Sie? Die Frau hat was Divenhaftes.“ Das höre ich tatsächlich nicht zum ersten Mal.
Die inzwischen 66-Jährige gilt als kühl, distanziert, wird von ehemaligen Mitarbeitern als autoritär beschrieben, nicht konsensfähig, keine gute Zuhörerin. „Sie hat Paris an der Oberfläche verändert, aber das ist nur Kosmetik“, fährt François fort. „Hat sich das Zusammenleben verbessert? Verhalten sich die Pariser jetzt zivilisierter oder geben mehr Acht auf ihre Stadt? Schauen Sie sich um, finden Sie es hier sauber? Ist es in deutschen Städten auch so?“
François hat offenbar meine Rolle übernommen und bombardiert mich mit Fragen. „Für alles können Sie die arme Frau ja auch nicht haftbar machen“, laviere ich. Gut, dass mir in diesem Moment noch die Olympischen Spiele einfallen. Ha! War das nicht was? „Doch“, jetzt schaltet sich Caroline ein und ihre Augen geraten hinter dem roten Brillengestell ins Schwärmen. „Das war toll. Wirklich. Wahrscheinlich waren Sie gar nicht da, oder?“ Sie hat einen Punkt. „Sehen Sie, alle Pariser waren weg! Deswegen war es so fantastisch.“
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Hidalgo zuerst gegen die Spiele war, weil das Megaevent nicht zum Bild einer grünen, nachhaltigen Stadt passte und die Umbauten verzögerte. Am Ende legte sie sich doch für die Spiele ins Zeug und (fast) die ganze Welt schaute neidisch auf eine strahlend-bunte, begrünte und offene Weltmetropole.
Zum Schluss noch ein Café am Canal Saint-Martin
Ich radle weiter in Richtung Nordosten, durch das Marais zur Place de la République, der mit seiner eindrucksvollen Mariannenstatue an die republikanischen Werte erinnert, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Anne Hidalgo hat immer darauf gepocht, symbolische Zeichen für diese Werte zu setzen. Sie bestand darauf, neue Straßen und Haltestellen überwiegend nach Frauen zu benennen.
Feministisches Gedenken ist eine weitere schöne Errungenschaft der Hidalgo-Jahre. Zum Schluss noch einen Café im Chez Prune am Canal Saint-Martin. Fast kommt ein wenig Melancholie auf, weil ich früher hier nächtelang mit Freunden gesessen und gefeiert habe. Aber nur fast. Ich bin zwar älter, aber Paris ist dafür immer schöner geworden. Vielleicht ist diese einfache Erkenntnis das Beste, was man einer scheidenden Bürgermeisterin nachrufen kann.