Es ist fast Slapstick. In der 2019 erschienenen Dokumentation Im Stillen Laut über die Künstlerin Erika Stürmer-Alex und ihren 1982 gegründeten Kunsthof im brandenburgischen Lietzen sitzt sie mit ihrer Freundin am Küchentisch. Die beiden sind seit 1971 ein Paar, zusammen durch dick und dünn gegangen und alt geworden.
Stürmer-Alex liest aus ihren Stasi-Akten vor, in denen ein IM, ein Schornsteinfeger, in den 1980ern den Hof besucht. Dieser ist da bereits eine Art dissidentischer und queerer Wohn- und Arbeitsort für eine Künstler:innengemeinschaft, die hier Performances, Foto-Sessions, Musik macht und feiert. Auch Biermann tritt hier auf.
Stürmer-Alex liest vor: „Gemeinsam mit der Sowieso unterhält die A. Verbindung zu der Evangelischen Verlagsanstalt in Berlin. Persönliche, lesbische Verbindung unterhält sie zu der Lektorin – ist jetzt allerdings durchgestrichen. Und jetzt geht’s los: Er fuhr auf den Hof der Stürmer-Alex und sah circa zehn Personen an einer Kaffeetafel. Und alle waren völlig nackt.“
Lesbisch in der DDR: „Es ging um unsere Existenz“
Im Bericht des Mannes reihen sich mehrfach Begegnungen mit nackten Lesben aneinander, Tür auf, Tür zu, wieder alle nackt. Dann die Hausherrin, jetzt angezogen, die ihn in ein Schlafzimmer mit mehreren Betten führt, wahrscheinlich ein „Liebeskabinett“, wie er vermutet. Als er losfährt, winken nackte Frauen hinterher. Stürmer-Alex und ihre Freundin krümmen sich angesichts dieser verklemmten erotischen Projektionen vor Lachen.
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Doch plötzlich werden sie still. „Es ist auch so böse“, sagt die Freundin. Und nach einer Pause: „Es ist eine Bosheit dahinter. Es mag wie ein Spaß wirken. Doch es ging um unsere Existenz.“
Homofeindlichkeit auf Hochkonjunktur
Queere Kunst in der DDR?, diese Frage stellt eine große Ausstellung, bei der vier Berliner Institutionen mitmachen: die NGBK am Alexanderplatz, der Kunstverein Ost (KVOST), das Mitte Museum und das Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Wer diese Schau in Zeiten anguckt, in denen homosexuelle rechte Politiker wie Alice Weidel, Jens Spahn oder der unsägliche Ex-US-Botschafter und Trump-Vertraute Richard Grenell, der gerade das Kennedy Center zerstört hat, nicht „queer“ oder „LGBTQ+“ sein wollen, ahnt: homofeindliche Boshaftigkeit hat wieder Hochkonjunktur.
Was in Ungarn, Russland, Teilen des Ostblocks los ist, ist nur der Anfang, für den Klöckners Regenbogenflaggenverbot den Startschuss gegeben hat. Auch deshalb macht es gerade jetzt Sinn, diese Ausstellung anzugucken, nicht nur aus historischen oder nostalgischen Gründen, sondern als Erinnerung an die Zukunft. Ist das queere Kunst?
Sehr persönliche Wege, mit Unterdrückung umzugehen
Die von Stefan Koal kuratierte Schau zeigt eindrucksvoll, was nicht-heteronormative Resilienz in autoritären, homophoben Systemen bedeutet. Da können wir uns alle eine Scheibe abschneiden. Doch der Begriff „queer“, den es vor dem Mauerfall weder im Osten noch im Westen gab, der ursprünglich ein Schimpfwort war und erst im Kontext der Aids-Krise in den Mainstream kam, der heute völlig ungenau und entpolitisiert ist, wird hier nicht wirklich geklärt oder kritisch untersucht.
Die Schau vereint dabei völlig unterschiedliche Generationen und künstlerische Strategien, und sehr persönliche Wege, mit der Unterdrückung und Ausgrenzung umzugehen. Das reicht zurück bis zur trans* Künstlerin Toni Ebel (1881–1961), die mit Unterstützung des Hirschfeld Instituts mutmaßlich die dritte Person weltweit ist, an der eine geschlechtsangleichende Operation erfolgreich durchgeführt wurde.
Ebel, die ihre Operation zum Teil mit Kunstwerken bezahlt und als Dienstmädchen im Institut arbeitet, lebt mit einer Jüdin zusammen, konvertiert zum Judentum, rettet ihre Freundin vor dem KZ, wird verhaftet, flieht durch Europa, und kehrt 1945 nach Berlin zurück. Als sie von einem Ausschuss als „rassisch Verfolgte“ anerkannt wird, behauptet sie, ihre Eltern seien Juden gewesen, und verschweigt ihre Transsexualität. Sie wird als überzeugte Sozialistin SED-Mitglied, Ehrenmitglied im Verband Bildender Künstler. Und malt Bilder im Stile des Sozialistischen Realismus, oder naturalistische Landschaftsgemälde wie „Wald bei Templin“ die ganz im Geiste der Nachkriegszeit stehen – absolut null queer. Nur in ihren verschatteten Selbstporträts hallt die traumatische Vergangenheit nach.
Konventionell und von Muff durchweht: Ist das queere Kunst?
Auch die Skulpturen der lesbischen Bildhauerin Dorothea von Phillipsborn (1894–1971), die in den Fünfzigern und Sechzigern entstehen, wie „Ein junges Mädchen unserer Zeit“ (Die Kesse) von 1959, sind bis auf den Anflug von Burschikosität konventionell. Wie der Bildhauer Georg Kolbe war sie zwar in der Nazizeit Mitglied der Reichskulturkammer, hatte aber angeblich „kein parteipolitisches Interesse“.
Trotzdem nahm sie Skulptur-Aufträge von der Wehrmacht an, die derselbe Muff durchweht, wie Kolbes Nymphen und soldatische Heroen nach der Machtergreifung. In der DDR machte sie dann Büsten von Pieck und Stalin. Ist das also queere Kunst?
Erkennbar queere Künstler wurden von der SED drangsaliert
Dem gegenüber steht eine der großen Entdeckungen dieser Ausstellung, der Maler Jochen Haas (1917–2000). Der findet 1947, an der Kunsthochschule in Weimar bei seinem Professor Hermann Kirchberger Unterstützung. Er fühlte sich damals, das ist erstaunlich, an der Hochschule als schwuler Mann angenommen. Haas, der Anfang der 1950er, im Stil von Picasso und Beckmann malt, ist ein genialer Kolorist, schafft surreale, dekadente, effeminierte Bilder wie etwa 1953 „Junger Mann auf der Straße“ (Selbstbildnis).
Wie sein Lehrer, wird er von der SED genau deswegen diffamiert und drangsaliert. Aber er will sich dem politischen Druck nicht beugen. Die Aufnahme in den Verband Bildender Künstler, und somit die Möglichkeit, auszustellen, wird ihm verweigert. Haas wird Konservator für Denkmalpflege.
Zwischen 1963 und 1978 entstehen abstrakte Bilder, auch die in einer super dekorativen, eigenwilligen Farbigkeit. In der NGBK, in der der zentrale Teil der Schau zu sehen ist, bringt Haas’ abstrakte Bilderwand die gesamte Ausstellung zum Leuchten, verleiht ihr Wärme.
Die Generationen verbinden
Überhaupt passieren unglaublich tolle Sachen, wenn die Arbeiten etwas freestyliger zusammenkommen. In der NGBK wachsen die auf Äste montierten Keramiken des trans* Künstlers Harry Hachmeister vor einer riesigen Vergrößerung von Andreas Fux’ New-Wave-Unterwäsche-Männerakt „Hardy“ (1988) wie phallische, poetische Blüten empor. Und gehen in Verbindung mit den Siebziger-Keramiken des schwulen Künstlers und Bürgerrechtlers Erwin Wrobel (geb. 1939), die an Muscheln, Pflanzen, Versteinerungen, utopische, organische Architekturmodelle erinnern.
Da, wo sich im KVOST Jochen Haas’ ambivalente Fünfziger-Malerei mit den Hinterglasmalereien von Hachmeister, wie dem non-binären „Family Portrait“ (2024) treffen, entsteht zeitübergreifende Verwandtschaft, wirklich magische Tradition.
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Hachmeister, der jüngst im Kolbe Museum in der Ausstellung „Liaisons“ in Verbindung mit den Arbeiten von Kolbe und dem großen schwulen Fotografen der Nachkriegszeit Herbert List auf den Pfaden von Antike-Verehrung und männlichem Körperkult wandelte, ist der einzige Künstler, der die DDR nur in der Kindheit erlebt hat. Man hätte sich mehr solche unkonventionelleren Begegnungen gewünscht.
Abrutschen ins Apolitische
Guckt man die schicken Selbstinszenierungen der Butch-Lesbe Rita „Tommy“ Thomas mit Motorrad, Trenchcoat, Leder und Pudeln aus den Sechzigern und Siebzigern an, hätte man ihr auch eine Freundin aus der Zukunft gewünscht, vielleicht auch eine, die gar nicht aus der DDR kommt, wie Catherine Opie, die in den 1990ern die Butch-Szene in LA fotografierte.
Da, wo Stefan Koal Ähnlichkeiten sucht, ohne Kommentar erotische Ecken aus Männerakten schafft, wird es etwas zu gemütlich und nostalgisch. Etwa im Mitte Museum, wo Andreas Fux’ frühe Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Akte und Straßenfotografien aus Ost-Berlin, auf die homoerotischen, vom sozialistischen Realismus geprägten Zeichnungen und Drucke von Jürgen Wittdorf treffen. Natürlich ist total subversiv, wie Fux in seinen Twink-Ost-Jugendzimmer-Porträts eine auch ironische Working-Class-Erotik schafft, sich als knallharte New-Wave-Tunte vor eine Schar geiler NVA-Soldaten fotografiert. Alle diese frühen Fotos sind der Knaller, auch wegen des revolutionären Stils.
Aber Wittdorfs klassische und völlig ironiefreie Holzschnitte von duschenden und turnenden Arbeitern ziehen das auf eine eher konventionelle erotische Ebene runter. Queere Kunst in der DDR? ist so eine wichtige Ausstellung. Aber sie scheut queere Theorie und kuratorische Experimente. Immer wieder verfällt sie ins Apolitische, Anekdotische, lässt die Biografien sprechen, anstatt die Kunst einer kritischen Untersuchung zu unterziehen, die ihr nur nützen würde.
Queere Kunst in der DDR? KVOST – Kunstverein Ost e.V. in Kooperation mit der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbk), dem Mitte Museum und dem Werkbundarchiv – Museum der Dinge, bis 28. Juni 2026.