Florian Seibel ist den Auftritt auf der großen Bühne mittlerweile gewohnt. Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz stand der Ko-Chef des Drohnenherstellers Quantum Systems gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) im Rampenlicht. Anlass war der symbolische Startschuss für das erste deutsch-ukrainische Rüstungsunternehmen Quantum Frontline Industries – ein Joint Venture aus Seibels Unternehmen und Frontline Robotics aus dem kriegsgeschundenen Land.
Die Deutschen bauen nun in Bayern in Lizenz die ukrainische Drohne Linza – einen Quadrocopter, der für Aufklärung und Transport eingesetzt, aber auch bewaffnet werden kann. Bis Jahresende sollen 10.000 Stück produziert werden, eine Ausweitung ist geplant. Pistorius sprach von einer Umsetzung in „Lichtgeschwindigkeit“, es gebe „nach oben keine wirklichen Begrenzungen außer den Kapazitäten der Firma“. Selenskyj nahm das Fluggerät zufrieden entgegen und versprach, im Gegenzug „werden unsere Leute Wissen, Technologie und Ausbildung teilen“.
Für einen Jungunternehmer wie Seibel war dieser Auftritt ein beachtlicher Erfolg. Doch der 46 Jahre alte ehemalige Soldat gönnt sich und seinem Umfeld keine Verschnaufpause. Seibel will angesichts der Bedrohungslage Tempo machen, viele Dinge gehen ihm nicht schnell genug. Schließlich rechnen Militärs damit, dass der russische Präsident Wladimir Putin bis zum Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, wirksame Attacken gegen NATO-Staaten zu fahren. Russland hat auf Kriegswirtschaft umgestellt und produziert trotz der Gefechte in der Ukraine Kriegsgerät auf Halde. Auch die Zahl der Soldaten steigt trotz hoher Verluste an der Front im Saldo. Deshalb muss Europa die Abschreckung hochfahren. Dafür machen westliche Staaten, besonders Deutschland, eine Menge Geld locker.
„Mir fehlt der große Wurf der Politik“
Doch die Beschaffung sorgt für Debatten. Vom 100 Milliarden Euro schweren Sondervermögen landete ein Großteil der Aufträge bei US-Konzernen. Vieles davon wird zudem für konventionelle Systeme ausgegeben. Dabei, so Kritiker, habe der Krieg in der Ukraine gezeigt, dass unbemannte Drohnen den Unterschied ausmachen können: Günstig in der Produktion und massenhaft verfügbar, sind sie kaum komplett zu verteidigen. Irgendeine findet meistens ins Ziel, und dann zerstört eine Kamikaze-Drohne für ein paar Zehntausend Euro einen Hightechkampfpanzer. Doch die deutsche Beschaffung folgt dieser Logik kaum. „Bislang wird nicht einmal ein Prozent für unbemannte Systeme ausgegeben – so funktioniert das nicht“, kritisiert Seibel im Gespräch mit der F.A.Z. „Mir fehlt der große Wurf der Politik. Wir brauchen eine neue Doktrin.“
In Deutschland sind in den vergangenen Jahren Start-ups im Rüstungssektor wie Pilze aus dem Boden geschossen. Häufig sind die Gründer frühere Soldaten, die den Bedarf kennen und die Chance auf gute Geschäfte sehen. Seibel gehört dagegen schon zum Establishment im Drohnengeschäft: Fünf Gründer wollten im Jahr 2015 Drohnen für die zivile Nutzung herstellen, etwa zur Landvermessung oder für die Landwirtschaft. Doch der Markt war noch nicht so weit. Quantum schwenkte um und positionierte seine Aufklärungsdrohnen als Dual-Use-Produkte, die militärisch wie zivil genutzt werden können. Der russische Überfall auf die Ukraine beschleunigte die Entwicklung.
Eine entscheidende Entwicklung setzte im November 2023 ein, als der Ukraine-Sonderstab von Quantum die Entwicklung einer Angriffsdrohne wollte. Dabei handelt es sich um unbemannte Flugkörper, die nur dem Zweck dienen, einen Sprengkopf ins Ziel zu bringen. Im Fachjargon wird von „herumlungernder Munition“ (loitering munition) gesprochen. Seibel erzählt heute, dass er über Weihnachten die Basis für eine solche Waffe erarbeitet hat. Die Skizze für den X-Flügler Skyfall datiert vom 29. Dezember und hängt heute in seinem Büro.
Zoff mit Helsing
Doch Quantum konnte die Angriffswaffe nicht bauen, weil dies gegen die Vorgaben von Investoren verstieß. Seibel, längst der operative Kopf des Unternehmens, suchte Partner und sprach auch mit dem 2021 gegründeten Start-up Helsing. Als Helsing später mit einer eigenen Drohne an den Start ging, folgten Sticheleien und Berichte über Unterlassungserklärungen bezüglich Fragen nach geistigem Eigentum. Seibel will das heute nicht kommentieren. Damals entschied er, noch eine Firma zu gründen, um Angriffswaffen zu produzieren. Anfang 2024 entstand Stark Defence, das mit Virtus eine Kampfdrohne entwickelte auf der Basis von Skyfall.
Am 25. Februar soll nun der Haushaltsausschuss des Bundestages über Mittel entscheiden, mit denen für die Bundeswehr die erste Charge Kampfdrohnen in vierstelliger Zahl angeschafft werden kann. Für Helsing und Stark sind jeweils Aufträge im Volumen von mehr als 200 Millionen Euro vorgesehen. Am Donnerstag dieser Woche meldete Rheinmetall noch einen erfolgreichen Test seines Systems FV-014 mi einem NATO-Staat. Trotzdem bleibt der Branchenführer in der ersten Runde wohl ohne Ticket.
In der Politik ist im Vorfeld vor allem von den Grünen Kritik an Stark Defence laut geworden. Der Grund: Während Rivale Helsing mit seinen europäischen Investoren wie dem Spotifygründer Daniel Ek wirbt, findet sich unter Seibels Geldgebern auch Peter Thiel – jener libertäre, deutschstämmige US-Investor, der als eine der einflussreichsten Personen hinter der MAGA-Bewegung gilt und dessen abfällige Bemerkungen etwa über demokratische Systeme viele verstören.
„Peter Thiel ist ein Weltklasse-Techinvestor“
Seibel weist die Kritik zurück: „Peter Thiel ist ein Weltklasse-Techinvestor.“ Sein Anteil an Quantum Systems liege unterhalb von fünf Prozent, an Stark seien es weniger als zehn Prozent. Damit verfüge Thiel über keinerlei Sonderrechte oder kontrollierenden Einfluss. „Er ist reingegangen, als kein anderer Europäer bereit war, uns zu finanzieren“, sagt Seibel zu den Herausforderungen früher Finanzierungen. „Diese Doppelmoral stört mich.“ Den Kontakt zu Thiel soll Moritz Döpfner hergestellt haben, der Sohn des Axel-Springer- Chefs Mathias Döpfner. Das von Döpfner Junior verwaltete Investmentvehikel Döpfner Capital ist ebenfalls investiert.
Mittlerweile kommt Quantum schneller an Geld. Die Bewertung liegt bei drei Milliarden Euro, Quantum ist also ein dreifaches „Einhorn“, wie es in der Start-up-Branche heißt. Im vergangenen Jahr schloss Quantum eine Finanzierungsrunde über 180 Millionen Euro ab. Hauptinvestor ist der britische Risikokapitalgeber Balderton. „Es ist nicht einfach, diese Summen in Europa zu finden“, sagt Seibel. Zudem hat sich Quantum gerade eine Finanzierung über 150 Millionen Euro gesichert. Allein 70 Millionen des Fremdkapitals kommen von der Europäischen Investitionsbank, auch die KfW-Bank, die Deutsche Bank und die Commerzbank sind im Boot. Zudem wird nicht nur in Frankfurter Finanzkreisen über einen Börsengang spekuliert – ein Thema, zu dem Seibel sich in Schweigen hüllt. Viel Geld insgesamt – wofür?
Seibel formuliert große Pläne: „Quantum hat ab sofort die Ambition, der führende Multi-Domain-Player im Bereich unbemannter Systeme zu werden.“ Multi-Domain ist das Zauberwort der Branche: Vereinfacht gesagt, sollen unbemannte Drohnen zu Lande, zu Wasser und in der Luft dabei im Verbund agieren. Wer der Bundeswehr und befreundeten Armeen ein solches System anbieten kann, dem winkt ein Milliardenmarkt.
Entscheidend ist die Software
Entscheidend ist neben den Fahrzeugen vor allem die Software. Bislang hat jeder Hersteller seine eigene. Die große Frage lautet, wer sich am Ende durchsetzt. „Wir glauben, dass nur ein relevanter großer Player in der Lage ist, Multi-Domain-Operationen zu beherrschen“, sagt Seibel. Größe zählt, gerade im Wettbewerb mit einem Giganten wie Rheinmetall. Dessen Vorstandschef Armin Papperger hat nämlich längst begonnen, den ehemaligen Panzerbauer zum Vollanbieter umzubauen.
Deshalb macht Quantum Tempo: In München wurde die neue Zieldarstellungsdrohne RAT vorgestellt, die angeblich in nur wenigen Wochen entwickelt wurde. Das Unternehmen stellt permanent Topkräfte aus der Branche ein, in Deutschland sind es aktuell rund 450 Beschäftigte. Tendenz steigend. Die Umsätze spiegeln das wider: Für 2024 werden 110 Millionen Euro ausgewiesen, für 2025 schon 285 Millionen, und in diesem Jahr sollen es 600 Millionen werden. Wachstumsrate: 100 Prozent.
Nach der Zeitenwende ist auch die Integration von Stark Defence eine Option. Neben den Kampfdrohnen haben die Berliner auch ihre unbemannten Boote der Vanta-Klasse im Sortiment. Fehlt nur noch ein Landsystem. Dafür hat Quantum zuletzt mehrfach zugekauft. Mit Fernride erwarb man einen Spezialisten für ferngesteuerte Lastwagen. Das Softwareunternehmen Spleenlab wiederum ist auf autonome Navigation ohne GPS spezialisiert – für Drohnen im Einsatz eine essenzielle Fähigkeit. Mit den Zukäufen habe man „technologische Lücken“ geschlossen, sagt Seibel. „Das hat uns an die Spitze der unbemannten Landdomäne katapultiert“.
Konkurrenz um Mini-Panzer mit ehemaligem Investment Arx
Das Ergebnis wird Quantum in der kommenden Woche auf der Leitmesse Enforce Tac in Nürnberg präsentieren. Im Internet hat das Unternehmen den Vorhang schon ein wenig gelüftet, zudem ist es in der Branche ohnehin längst Thema: Es wird eine Landdrohne sein, umgangssprachlich auch Minipanzer genannt. Bislang ist das eine Domäne des ebenfalls aus München stammenden Start-ups Arx Robotics – das im September eine strategische Partnerschaft mit Quantums Rivalen Helsing geschlossen hat. Brisant: Auch Florian Seibel war als früher Investor an Arx beteiligt. Bis er vor ein paar Wochen seine Anteile verkaufte. Er habe aufgrund der neuen Wettbewerbssituation „einen klaren Schnitt machen“ wollen, sagt er der F.A.Z. Jetzt tritt er fast nahtlos in direkte Konkurrenz zu seinem ehemaligen Investment, mit dem eine Kooperation offensichtlich nicht funktioniert hat.
Marc Wietfeld, Mitgründer und Chef von Arx, will die mögliche Brisanz dieser Entwicklung nicht direkt kommentieren. „Wir beobachten im Markt zunehmend Ankündigungen und Positionierungen, die stark auf Wahrnehmung am Kapitalmarkt einzahlen“, sagt Wietfeld auf Anfrage nur. „Entscheidend ist für uns jedoch, dass unsere Streitkräfte schnellstmöglich einsatzreife Technologie in hoher Qualität und ausreichender Stückzahl erhalten.“ Dies gehe am besten mit Partnern aus der Industrie. Nach einem Übernahmekandidaten klingt das wahrlich nicht. Auch für Florian Seibel geht die Mission weiter. „Wie können wir einen echten neuen europäischen Champion bauen? Das Beste wäre ein Zusammenschluss möglichst vieler europäischer Defense-Start-ups.“ Es ist noch ein langer Weg zu gehen.