Quantencomputing: Die nächste Techhoffnung zieht es in die USA

Superschnelle Quantencomputer gelten als revolutionäre Zukunftstechnologie mit gewaltigem wirtschaftlichem Potential. In der Grundlagenforschung und bei Start-ups ist Europa gut dabei. Doch wenn es um die Finanzierung von Wachstum geht, führt auch in dieser Technologie kaum ein Weg an den USA vorbei. Aktuelles Beispiel: Das Softwareunternehmen Terra Quantum gab am Donnerstag bekannt, einen Gang an die amerikanische Technologiebörse Nasdaq anzustreben. Technisch soll das über einen Börsenmantel (Spac) geschehen, indem die bereits börsennotierte Zweckgesellschaft Mountain Lake Acquisition Corp II übernommen wird. Solche Vehikel haben keine eigene Geschäftstätigkeit, sondern werden nur als Eintrittsmöglichkeit für Dritte gegründet. Aus dem Deal ergibt sich eine Börsenbewertung von 3,25 Milliarden Dollar. Damit wäre Terra Quantum das am höchsten bewertete börsennotierte Quantenunternehmen. Markus Pflitsch, der deutsche Gründer und Chef von Terra Quantum, sprach gegenüber der F.A.Z. von einem „Meilenstein“ für sein Unternehmen. Finanzchef Eike Marx rechnet damit, dass die Aktien von Terra Quantum im zweiten Halbjahr gehandelt werden können.

Der Quantenphysiker Pflitsch, der am renommierten Kernforschungsinstitut CERN forschte, bevor er im Investmentbanking und in der Beratung gearbeitet hat, gründete Terra Quantum 2019. Der Sitz ist in St. Gallen, das operative Geschäft ist auf München und einige weitere Standorte wie London und Berlin konzentriert. Viele Unternehmen der Branche konzentrieren sich auf die Produktion von Quantencomputern und den dafür nötigen Chips. Dazu zählt auch das junge finnisch-deutsche Start-up IQM, das Ende Februar ebenfalls via Spac an die Nasdaq ging, mit einer Bewertung von 1,8 Milliarden Dollar. Terra Quantum dagegen stellt mit seinen mittlerweile mehr als 200 Mitarbeitern spezielle Quantensoftware her, die traditionelle Rechenprozesse beschleunigen und sicherer gegen Cyberangriffe machen. Während die ersten Quantencomputer vor allem noch im Wissenschaftsbereich eingesetzt werden, ist die Software von Terra Quantum schon im Einsatz bei Unternehmen, etwa bei Banken. Auch mit Siemens gibt es eine Kooperation.

Erster Auftrag? Aus den USA, nicht aus Deutschland

Junge Techunternehmen brauchen in der Wachstumsphase in der Regel viel Geld und werfen keinen Gewinn ab. Im vergangenen Sommer war ein Streit bekannt geworden zwischen Pflitsch und seinem europäischen Investor Lakestar, der weiteren Finanzierungsrunden nur zustimmen wollte, wenn Pflitsch abgelöst wird.  Pflitsch, der die Mehrheit am Unternehmen kontrolliert, überstand die Machtprobe. Der Börsengang, an dem auch Lakestar kräftig verdienen wird, macht weitere Runden nun obsolet.

Pflitsch, der gute Kontakte zur US-Regierung pflegt und auch in Mar-a-Lago bei US-Präsident Donald Trump zu Gast war, hat schon in der Vergangenheit beklagt, wie schwierig die Finanzierungen in Europa seien. Gegenüber der F.A.Z. begründet er damit auch die Entscheidung für die USA. „Wir haben in Deutschland Doppel-Wumms und Dreifach-Wumms und eine halbe Billion Sondervermögen, wir haben Hilfs- und Förderprogramme für die Entwicklung von KI und Cyber, aber wer gibt mir als Deutschem mit Büro in München den ersten Regierungsauftrag? Die Amerikaner! Das ist auf der einen Seite schön und gut für uns. Auf der anderen Seite aber, für mich als Kultur-Europäer, ist das auch traurig.“ Es gebe in Europa zwar Gespräche auf hochrangiger Ebene, etwa mit EU-Kommissaren oder einem Minister aus der Bundesregierung. Das andere sei dann, wie diese Impulse in den zuständigen Fachabteilungen umgesetzt werden. „Da gibt es aus unserer Sicht noch eine gewisse Lücke. Ich muss das so deutlich sagen: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, sagt Pflitsch.

„Nach drei Monaten Hilfe zur Anmietung einer Immobilie angeboten“

Das Problem lasse sich an einem einfachen Beispiel festmachen. Terra Quantum habe einen neuen Transistor entwickelt, der herkömmliche KI-Chips dramatisch beflügeln kann. „Da sind wir in Amerika in konkreten Kooperationsgesprächen. In Deutschland wird dir nach etwa drei Monaten ernsthaft vom Referat gesagt, dass man bei der Anmietung von Gewerbeimmobilien in Sachsen helfen könne. Das ist doch nicht das, was wir suchen.“ Diese Realität steht im krassen Kontrast zu Beteuerungen hiesiger Politiker. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betont immer wieder, wie wichtig ihm ein europäischer Kapitalmarkt ist. Er wolle künftig verhindern, dass ein Unternehmen wie Biontech deshalb in den USA an die Börse gehen muss, hatte Merz im November vor Arbeitgebern in Berlin gesagt. Doch es liegt nicht nur am Willen.

Ebenfalls schon an der Nasdaq gelistet: IQM-Chef Jan Goetz (links), hier mit dem bayerischen Wissenschaftsminister Markus Blumedpa

Ihm fehlten hierzulande der strategische Wille und Impetus, bei Chips, in Künstlicher Intelligenz und Cyber ernsthaft etwas tun zu können, kritisiert Pflitsch. „Wir wollen gar keine Subventionen haben. Aber wir wollen eine freie Bahn haben. Wir wollen Aufträge haben. Und so fragen wir uns: Wo ist hier der Großauftrag der Bundeswehr für uns im Bereich Cyber?“ In Amerika habe man einen Auftrag für die US Air Force. „Was wir für die machen, sollte doch wohl auch für Deutschland gut und machbar sein.“ Das zeige den Kern des Themas: „Deutschland und Europa sind in vielem zu langsam, und sie sind darüber hinaus auch noch zu umsetzungsschwach.“ Der Kontinent müsse dynamischer, schneller und auch wieder technologiebegeisterter werden. In Amerika gebe es dieses Umfeld, dazu kämen die hochpotenten Kapitalmärkte. „Da war dann klar, dass wir in Amerika an die Börse gehen werden, und nicht in Deutschland oder Europa. So leid es mir tut.“

Während sich europäische Start-ups vor allem aus den Hightech-Bereichen gezielt auf den offenen und tiefen Kapitalmärkten Amerikas nach passenden Möglichkeiten für die Finanzierung ihrer weiteren Entwicklung umschauen, blicken US-Investoren auf die Techbranche des alten Kontinents. Denn Europa scheint derzeit nicht in der Lage zu sein, das wirtschaftliche Potential seiner wegweisenden Forschungen und Entwicklungen wirklich heben zu können.

Schon der sogenannte Draghi-Report zur Lage der Europäischen Union machte deutlich, dass Europa auf Feldern wie dem vielversprechenden Quantencomputing eine Start-up-Kultur habe, die derzeit weit unter ihren Möglichkeiten bleibe. Während europäische Start-ups in Wissenschaft und Forschung ganz vorn mitspielen, ziehen sie nur fünf Prozent der globalen privaten Finanzierungsströme an. China kommt auf rund 20, Amerika auf 50 Prozent. Die Gründe: kein einheitlicher europäischer Kapitalmarkt, überaus langwierige Finanzierungsrunden und sehr umständliche Bürokratien.

Europa hat Potential zur „Deep-Tech-Fabrik der Welt“

Darüber hinaus hat sich jeder Mitgliedstaat der Europäischen Union eigene Patent- und Lizenzierungsgesetze gegeben. So verfügt Europa über mehr als hundert technologieorientierte Gesetze und rund 270 spezielle Regulierungsbehörden, die über digitale Netzwerke in allen Mitgliedstaaten tätig sind. Darüber hinaus stellt die EU eigene Hürden wie etwa die komplexen und teilweise widersprüchlichen Verordnungen rund um die Systeme der Künstlichen Intelligenz (KI) auf. Das kann schon mal einen Küchenherd mit einer speziellen Abschaltautomatik für die Heizplatten zu einer Hochrisikotechnologie machen, die unter besondere gesetzliche europäische Vorgaben fällt.

Dabei habe Europa das Potential, „die Deep-Tech-Fabrik der Welt“ zu werden, heißt es bei McKinsey. Das Beratungshaus veranschlagt in seinem Bericht „Europe’s deep-tech-engine“ das Markt- und Wachstumspotential der gesamten hiesigen Hightech-Gründerszene bis Ende des Jahrzehnts auf nicht weniger als 1000 Milliarden Dollar. Dafür allerdings müsste Brüssel andere Rahmenbedingungen schaffen. Schauen Anleger dieser Tage auf die Quantenbranche, dann schauen sie vor allem auf Ionq Inc. und auf D-Wave Quantum. Beide Unternehmen sind amerikanisch, beide gingen aus Einrichtungen der Spitzenforschung hervor, und beide sind heute an der Börse notiert. Wie nun auch Terra Quantum wagten sie über einen Spac den Sprung aufs Parkett. Seitdem haben sich die Kurse beider nahezu verfünffacht.

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