Provokative „Bad news“: Wie Umfragen Realität verzerren

Geht es um rechte oder zumindest konservative Weltbilder und Orientierungen in der jüngeren Generation, werden in der Öffentlichkeit häufig Klischees bemüht. So auch vor dem diesjährigen Weltfrauentag, als eine zeitlich geschickt platzierte „Studie“ des Instituts Ipsos medial Furore machte.

Das besonders aufsehenerregende Ergebnis der in mehr als zwei Dutzend Ländern durchgeführten Befragung: 31 Prozent der Männer in der Generation Z, das ist die Bezeichnung für die Geburtsjahrgänge zwischen 1995 und 2010, bejahen angeblich folgenden Satz: „Eine Ehefrau sollte ihrem Ehemann immer gehorchen.“ Schlimm! Zum Vergleich: Unter den männlichen Boomern stimmen dieser Ansicht nur 13 Prozent zu! Geht es also zurück ins Patriarchat!?

Großer Wirbel, zweifelhafte Zahlen

Die reißerische Schlagzeile beherrschte in den Tagen vor dem 8. März die geschlechterpolitische Berichterstattung in Zeitungen, Radio und Fernsehen, im Internet ohnehin. Fast alle Medienmacher und auch die von ihnen zum Kommentieren eingeladenen Expertinnen köchelten am Einheitsbrei. Unisono verbreiteten und bewerteten sie die schlechte Nachricht: Backlash, Retraditionalisierung, Katastrophe! Dass die Ipsos-Daten auf einer äußerst dünnen empirischen Grundlage basieren, wurde hingegen erst später zum Thema.

Das Institut hatte in Deutschland lediglich eintausend Menschen online angeschrieben. Es handelt sich also um eine quantitativ sehr geringe Stichprobe. Zudem kamen nur Personen zum Zuge, die sich zuvor freiwillig auf der Ipsos-Plattform registriert hatten, um dort regelmäßig an Umfragen teilzunehmen.

Weil nur deren Meinung erfasst wird, kommt es zu verzerrten Ergebnissen. Ernst zu nehmende Forschung kann so nicht entstehen, die Resultate sind alles andere als repräsentativ. Von einer „Studie“, die einer wissenschaftlichen Prüfung standhält, kann keine Rede sein.

Die Methoden, die die Demoskopie bei der medialen Vermarktung ihrer nicht nur in diesem Fall problematischen Erkenntnisse nutzt, folgen stets einem ähnlichen Muster. Vor allem anderen muss eine stimmige, überraschende und skandalisierbare These her, die bisherigen Fakten und Annahmen widerspricht. Zugleich aber müssen die Zweifel an diesen Annahmen im Alltagsbewusstsein schon gesät sein.

Junge Leute sind progressiv eingestellt, wählen eher links? Vor allem die Männer unter 30 sind doch längst zur AfD abgewandert! Junge Frauen sind emanzipiert, wollen nicht nur Hausfrau sein, nehmen ihren Beruf viel ernster als früher? Die „Tradwifes“ und ihre digitalen Accounts belegen doch das Gegenteil!

Wie Umfragen medientauglich gemacht werden

Mit zugespitzten, suggestiv vorgegebenen Aussagen im Fragenkatalog und der für Netzdebatten typischen, binären Aufforderung zur eindeutigen Positionierung („Stimme zu, stimmt nicht zu“) wollen die Institute klare und medientaugliche Botschaften produzieren.

Die Redaktionen, oft unterbesetzt und unter Zeitdruck, folgen willig der erwünschten Interpretation. Ohne jede kritische Distanz kauen sie das Narrativ wieder, das ihnen die aktuelle Umfrage in einer Pressemitteilung oder Agenturmeldung vorgesetzt hat. Recherche, Faktencheck, fundiertes Wissen über Kriterien für valide Studien? Fehlanzeige.

Das Thema „Tendieren junge Männer wirklich nach rechts, sind sie rückwärtsgewandt?“ wird in der Wissenschaft durchaus seriös bearbeitet. Ein Beispiel sind die seit mittlerweile zwei Jahrzehnten publizierten Autoritarismus-Studien an der Universität Leipzig. Auch der jüngste Männergesundheitsbericht, der sich explizit mit der Lebenslage der jungen Generation befasst hat, und eine von Carsten Wippermann vorgelegte Untersuchung des Penzberger DELTA-Instituts für Sozial- und Ökologieforschung greifen die Fragestellung auf.

Die letztgenannte Expertise im Auftrag des Bundesfamilienministeriums beschreibt anschaulich, dass die Alterskohorte der „Gen Z“ viel mehr als ihre Vorgängerinnen unter der wachsenden gesellschaftlichen Polarisierung leidet. Multiple Krisen sind für sie zum Normalzustand geworden. Angesichts von Klimawandel, Migration, Corona-Pandemie und den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten wachsen Gefühle der Verunsicherung.

Die Hoffnung auf eine positive Zukunftsperspektive schwindet. Die von nicht betroffenen älteren Politikern durchgesetzte Wiedereinführung der Wehrpflicht durch die Hintertür und deren ständige Appelle an „Kriegstüchtigkeit“ tragen auch nicht gerade zu jugendlichem Optimismus bei.

Gen Z ist vielfältiger, als ihr Ruf vermuten lässt

Die resignative Grundstimmung der Jungen, so ein zentrales Ergebnis Wippermanns, drohe in Aggression umzuschlagen. Anders als oberflächliche Umfragen zeichnet der bayerische Sozialforscher jedoch kein einheitliches Bild. Die Männer der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren sind nach seiner Analyse „äußerst heterogen“.

Beim Thema Geschlechterrollen reicht das Spektrum von vor allem im Internet präsenten, durch radikale Blogger wie Andrew Tate angeheizten frauenfeindlichen und antifeministischen Strömungen bis hin zu einer sehr empathischen, toleranten und sozial hochengagierten männlichen Teilgruppe.

Diese reale Vielfalt taucht in Befragungen von Instituten wie Ipsos nicht auf. Wenn journalistische Berichte die publizierten Ergebnisse dann trotzdem als „Studie“ adeln, machen sie vor allem eines: kostenlose Werbung für ein kommerziell ausgerichtetes Unternehmen, das keineswegs gemeinnützige Interessen verfolgt.

Um Desinformation zu verbreiten, ist es gar nicht nötig, Lügen zu erfinden. Es reicht schon, die methodischen Standards wissenschaftlichen Arbeitens konsequent zu ignorieren. So entstehen provokative „Bad news“, die in einer vom permanenten Spektakel geprägten Medienlandschaft dankbare Abnahme finden.

AfDAggressionAndersBerichterstattungBildBotschaftenCarstencoronaCorona-PandemieDemoskopieDesinformationDeutschlandErnstFernsehenForschungFrauenGeneration ZInternetJungenKlimawandelKrisenLeipzigMännerMigrationNewsPersonenRadioStudienUkraineUmfrageUmfragenUnternehmenWehrpflichtWeilWerbungWissenWissenschaftZZeitungenZur