Sie verbrennen die Flagge der Islamischen Republik. Sie rufen „Tod dem Diktator“ und liefern sich Rangeleien mit Unterstützern des Regimes. Seit Tagen demonstrieren iranische Studenten an Universitäten in Teheran, Maschhad und Isfahan. Sie trotzen der Angst vor einer Festnahme und der Gefahr einer Exmatrikulation, um Kommilitonen zu ehren, die bei den Protesten im Januar getötet wurden. Sie fordern die Freilassung derer, die im Gefängnis sitzen und denen teilweise die Todesstrafe droht.
„Wir wollen nicht, dass all das vergessen wird“, sagt eine Studentin der Universität Teheran. „Das ist das Wenigste, was wir für die tun können, die uns genommen wurden“, sagt eine Studentin der Frauenuniversität Alzahra. Fünf Studenten von vier verschiedenen Hochschulen haben der F.A.Z. in Sprachnachrichten die Lage auf ihrem Campus geschildert. Sie haben über ihre Erwartungen an den amerikanischen Präsidenten, über die neue Welle des Nationalismus und die Einschüchterungsversuche des Regimes gesprochen.
Begonnen haben die Universitätsproteste am vergangenen Samstag. An dem Tag begann das neue Semester. Zum ersten Mal seit zwei Monaten gab es Präsenzunterricht. Im Dezember hatten die Hochschulen unter dem Eindruck der Basarstreiks auf Online-Unterricht umgestellt.
„Die Basidschis lügen. Wo ist euer Studentenausweis?“
Als die Studenten am Samstag in ihre Wohnheime zurückkehrten, ging es ihnen zunächst um Trauerzeremonien für getötete Kommilitonen. Die Trauer schlug schnell in Wut um, als das Regime versuchte, seine Version der Ereignisse durchzudrücken. „Wir haben die Fotos der Unterdrücker umgerissen, die als ‚Märtyrer‘ vor der Kunstfakultät aufgestellt wurden“, berichtet eine Studentin. Ein Student der Schahid-Beheschti-Universität sagt: „Während des Unterrichts kamen sie in unseren Fachbereich. Sie zündeten Kerzen an, zitierten den Koran, spielten ihre Trauerhymnen und behaupteten, nicht wir, sondern sie seien die wahren Trauernden.“ Sie hätten die Getöteten verächtlich gemacht, berichtet ein anderer.
Sie – das sind Mitglieder der regimetreuen Basidsch-Miliz, die an allen Universitäten in der Studentenschaft vertreten sind. Allerdings äußern viele den Verdacht, dass zusätzliche Basidschis von außen eingeschleust worden seien, um sich den demonstrierenden Studenten entgegenzustellen. Eine Parole lautet deshalb: „Die Basidschis lügen. Wo ist euer Studentenausweis?“ Eine junge Frau schätzt: „Es waren drei- bis viermal so viele, wie es Basidsch-Mitglieder an unserer Universität gibt.“ Eine andere sagt, sie habe auf ihrem Campus noch nie so viele Frauen im Tschador gesehen. Die Basidschis würden von der Universitätsleitung offen unterstützt. Sie hätten Zugriff auf Lautsprecheranlagen und würden am Eingang nicht kontrolliert.
Iranische Universitäten haben eigene Sicherheitsdienste. Laut Gesetz dürfen bewaffnete Kräfte wie Polizei, Militär und Geheimdienst nur in Notsituationen und mit Zustimmung der Universität den Campus betreten. Mehrere Studenten berichten, dass dennoch Sicherheitskräfte in Zivil von außen eingesetzt worden seien. Der Druck auf die Studenten wird bislang aber nur langsam erhöht. Offenbar wollen die Behörden eine Eskalation vermeiden, damit der Funke nicht von den Campussen zurück auf die Straße überspringt.
Die Angst kommt abends zurück
Die Regierung kündigte an, sich die Forderungen der Studenten anzuhören. Die Universitäten teilten mit, die Studenten hätten ein Recht zu protestieren, wenn auch nicht, die Flagge der Islamischen Republik zu entweihen. Trotzdem wurde etlichen politisch aktiven Studenten der Zugang zum Campus verweigert. Die Amirkabir-Universität kündigte Disziplinarstrafen an. Der oberste Staatsanwalt des Landes droht inzwischen mit Strafverfahren. Die Angst, festgenommen zu werden, komme abends zurück, sagt ein Student. Auf den Versammlungen tagsüber weiche sie der Wut und dem Schuldgefühl, überlebt zu haben. An der Kunstuniversität wurden am Mittwoch drei Studenten festgenommen, nachdem dort eine vorrevolutionäre iranische Fahne enthüllt worden war.
Die Proteste gehen trotz der Strafandrohung weiter, weitere Universitäten wollen sich anschließen. Bislang gibt es aber keine Hinweise darauf, dass andere Gesellschaftsgruppen folgen. „In fast jeder Familie gibt es mindestens eine Person, die getötet, verletzt oder festgenommen wurde“, sagt eine Studentin. „Angesichts des Preises, den sie schon gezahlt haben, glaube ich nicht, dass sie sich uns im Moment anschließen werden.“ Viele Leute hätten, auch wegen der Abschaltung des Internets, seit Wochen nicht gearbeitet und stünden unter großem wirtschaftlichen Druck.
Manchen Studenten geht es auch darum, Donald Trump an sein Versprechen zu erinnern, den Demonstranten zu Hilfe zu eilen. „Die meisten Studenten hoffen mehr auf eine amerikanische Intervention als darauf, dass sich die Bevölkerung ihnen anschließt“, sagt eine junge Frau. Andere haben diese Hoffnung schon aufgegeben. „Wir sind mit der Erwartung auf die Straße gegangen, dass wir ausländische Hilfe bekommen. Aber nichts ist passiert.“ Den Verhandlungen zwischen Iran und den USA, die an diesem Donnerstag in Genf fortgesetzt werden sollen und womöglich über Krieg oder Frieden entscheiden, begegnen viele Studenten mit Unverständnis.
Wachsende Unterstützung für Reza Pahlavi
An den Universitäten zeigt sich ein neuer Trend, der sich bei den Straßenprotesten schon abzeichnete. Viele Regimegegner suchen ihr Heil im Nationalismus. Statt dem arabischen Wort „Salam“ nutzen sie das persische Wort „Dorood“ zur Begrüßung. Sie nennen ihre Universitäten bei ihren alten Namen, die nach der Revolution von 1979 geändert wurden. Und sie berufen sich auf eine Zeit vor der Islamisierung Persiens. Solche Strömungen gab es schon immer, aber noch nie waren sie an den Universitäten so sichtbar. „Wir wollen die Nation wiedererwecken, die wir einmal waren“, sagt eine Studentin. „Unsere nationale Kultur wurde unterdrückt und arabische Kultur und Islam wurden uns aufgedrängt.“ Ein anderer geht so weit zu sagen: „Wir könnten das erste Land sein, das den Islam hinter sich lässt.“
Die nationalistischen Töne gehen einher mit wachsender Unterstützung für den früheren Kronprinzen Reza Pahlavi, der in den USA lebt und sich als Anführer eines Übergangs präsentiert. Nur ein Teil seiner Unterstützer wünscht sich die Monarchie zurück. „Die meisten denken wahrscheinlich nicht darüber nach, was danach passiert. Sie glauben, dass nichts schlimmer sein könnte als das jetzige Regime“, sagt eine Studentin. In linksgerichteten Kreisen, die in den künstlerischen und sozialwissenschaftlichen Fachbereichen stärker sind, trifft diese Haltung auf entschiedenen Widerspruch. Sie wehren sich gegen eine „Vereinnahmung der Studentenbewegung“ und skandieren Parolen wie „Weder Monarchie noch Oberster Führer; wir wollen Demokratie und Gleichheit.“ Doch sie scheinen zunehmend in der Minderheit.
Der Historiker Sadegh Zibakalam, der sich regelmäßig als politischer Kommentator betätigt, schreibt dazu auf X: „Als Professor, der dreißig Jahre lang die moderne Geschichte der iranischen Politik gelehrt hat, hätte ich mir nicht einmal im Traum vorstellen können, dass eine Universität, die seit dem 7. Dezember 1953 Parolen gegen die Pahlavis skandierte, nach 82 Jahren aus Wut und Hass zu ihnen zurückkehren würde. Was haben wir in diesen 47 Jahren mit unseren jüngeren Generationen gemacht?“
Source: faz.net