„Wenn schon Blut fließt, muss es nicht an uns vorbeifließen“, lautet ein Spruch zynischer Nachrichtenredakteure. Er lässt sich problemlos auf Wettmärkte anwenden. Allein auf der Plattform Polymarket haben Akteure 529 Millionen Dollar auf den Zeitpunkt gesetzt, wann die USA den Iran angreifen. Andere Wetter investierten im Januar in die Prognose, dass Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro in Kürze sein Amt verlieren würde. Millionen werden darauf gesetzt, dass die USA Kuba bis zum Jahresende attackieren.
Millionenwetten auf den Eintritt von Kriegsereignissen haben öffentliche Empörung provoziert und Politiker aufgestachelt, Gesetze zur Bändigung der Prognosemärkte anzukündigen. Gleichzeitig hat die öffentliche Aufregung das Interesse an Plattformen geweckt, die nach langem Schattendasein erblühen. Auf Kalshi und Polymarket, den bekanntesten Plattformen, betrug der kumulierte Wetteinsatz im Februar 18 Milliarden Dollar. Im November waren es zehn Milliarden Dollar.
Gewettet wird, dass Finnland den nächsten Eurovision Song Contest gewinnt, Bayer Leverkusen in der Champions League weiterkommt und Jesus bis Ende 2027 auf die Erde zurückkehrt. Fünf Prozent der Wetter setzten auf Letzteres. Die Vorhersage, dass Kamala Harris die nächste Präsidentschaftswahl gewinnt, fand weniger Unterstützung. Am Tag der Oscar-Verleihung setzten Mitspieler allein auf Kalshi 60 Millionen Dollar auf Hollywood-Themen: Wer wird zum besten Schauspieler, besten Film, besten Regisseur und so weiter gekürt?
Einer dieser Wetter ist „Domer“
Kalshi und Polymarket, die mit Abstand marktführenden Unternehmen hinter den Plattformen, werden von Investoren jeweils mit rund zwanzig Milliarden Dollar bewertet, berichtete das „Wall Street Journal“. Sie leben davon, dass immer mehr Leute – fast ausschließlich Männer – wetten und dafür eine kleine Transaktionsgebühr entrichten.
Einer dieser Wetter ist „Domer“. Seinen richtigen Namen will er nicht verbreitet sehen. In der blühenden Szene der sogenannten Prediction Markets oder Prognosemärkte ist er eine Legende. Keiner habe mehr Geld auf den Eintritt politischer Ereignisse gesetzt und damit gewonnen als er, behauptet er. So genau weiß man das nicht, weil Mitspieler anonym bleiben und auf Polymarket mit Stablecoins zahlen und ausgezahlt werden.
Für Domer hat es sich gelohnt: Er besitzt ein Haus in Irland, eines in Las Vegas und eines in Greenville, South Carolina, wo er den Reporter empfängt. Es ist der Tag nach Präsident Donald Trumps Rede. Wetter konnten darauf setzen, wie häufig die Wörter „Trillion“, „China“ oder „Biden“ fallen würden, wie lange die Rede dauern, wer als Gast anwesend sein und ob Trump das Wort „America“ mehr als 25-mal in den Mund nehmen würde. Domer hat mitgewettet und rund 20.000 Dollar verdient, wie er sagt. Er ist nach eigenen Angaben halb im Ruhestand.
Er weiß, wer ein Falke und wer eine Taube ist
Der Eindruck, dass ihm der Erfolg in den Schoß fällt, ist falsch. Wetten – zumindest so, wie Domer es betreibt – ist Arbeit. Er jagt dem „Edge“ nach, jenem kleinen Wissensvorsprung, der zwischen Sieg und Niederlage entscheidet. Während Domer seine Methodik erklärt, blinkt es regelmäßig auf den vier Bildschirmen, die er gleichzeitig verfolgt. Er wartet an diesem Tag darauf, dass das Weiße Haus die Nominierung von Kevin Warsh für das Amt des Federal-Reserve-Chefs an den Senat schickt. Mit seiner Wette auf Warsh gewann Domer 425.000 Dollar, sein zweitgrößter Gewinn überhaupt.
Im Gespräch wird deutlich, dass der ehemalige Verkaufsmanager einer Baufirma und frühere Online-Pokerspieler sich mehr Wissen über Geldpolitik, die Federal Reserve und die Vorlieben Trumps angeeignet hat als viele Experten. Er weiß, wer ein Falke und wer eine Taube ist, wessen Familie für Trump gespendet hat, wer seine Positionen angepasst hat, wer in seinem Auftreten den Wünschen des Präsidenten am nächsten kommt.
Er hat sich nicht nur in die Geldpolitik hineingedacht, sondern auch in Trumps Auswahlkriterien. Damit eröffnet er eine Prognosedimension, die Ökonomen, die sorgsam geldpolitische Aussagen bewerten, oft verschlossen bleibt: Domer bezog in sein Kalkül ein, dass Trump Loyalität und souveränes Auftreten verlangt. Letzteres ist keine Petitesse: Trump hatte Janet Yellen nicht als Fed-Chefin verlängert, weil sie ihm zu klein war. „Trump besetzt Ämter, als würde er einen Film casten.“
Zur Abrundung des Bildes gehört, dass Domer dennoch nicht nur auf Warsh wettete, sondern auch auf den Notenbankgouverneur Christopher Waller, bei dessen Nominierung er eine Million Dollar eingesackt hätte.
Der Vorteil von Prognosemärkten ist nicht Weisheit, sondern Selektion
Ein „Edge“ kann die Information sein, von wo die Flüge kommen, die Ende August in einem bestimmten Zeitfenster in Dayton, Ohio landen. Einer kam aus Alaska, woraus Domer schloss, dass der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain die Politikerin Sarah Palin aus Alaska zur Kandidatin für die Vizepräsidentschaft machen würde. Ein „Edge“ kann es sein, dem Klang eines Namens Bedeutung zuzumessen, weil Trump auf so etwas achtet. Domer hatte Geld darauf gesetzt, dass J. D. Vance Vizepräsident würde: „Ein Teil meiner Vance-Wette beruhte auf etwas scheinbar Lächerlichem: Sein Name klingt und wirkt ähnlich wie Pence.“ Manchmal müsse man bereit sein, auf etwas zu setzen, das völlig dumm aussieht.
Die Prognosemärkte bekamen ihren ersten großen Schub, als sie 2024 recht präzise den klaren Wahlsieg Trumps vorhersagten, während die meisten Demoskopen mit ihren abwägenden Fernsehgesichtern ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Kamala Harris prophezeiten. Wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl hatte Kalshi überdies vor Gericht die Erlaubnis politischer Wetten gegen die staatliche Aufsichtsbehörde durchgesetzt.
Warum Wahlforscher, die erhebliche Teile des Vorwahlfernsehens mit ihren Beiträgen füllen, schlechter abschneiden als Prognosemärkte, erläutert Harry Crane, Professor für Statistik an der Rutgers University, so: Der Vorteil von Prognosemärkten ist nicht Weisheit, sondern Selektion. Wer Unsinn wettet, wird arm. Wer richtig liegt, setzt sich durch. Deshalb können Märkte den wahrscheinlichen Ausgang großer Wahlen oft besser abbilden als Umfragen – jedenfalls dann, wenn genug Aufmerksamkeit, Risiko und Kapital im Spiel sind. Genau deshalb funktionieren sie bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen oft erstaunlich gut. Hinzu kommen die unterschiedlichen Ansätze von Demoskopen und Wettern: „Umfragen fragen: Wen wählen Sie? Prediction Markets fragen: Wer wird gewinnen? Das sind unterschiedliche Fragen – und manchmal führen sie zu zwei unterschiedlichen Antworten.“ Bei kleinen Wahlen dagegen fehlt meist das Geld, die Liquidität und damit die disziplinierende Kraft professioneller Marktteilnehmer.
Die jüngste Präsidentschaftswahl brachte auch den ersten großen Verdacht hervor, dass ein Wetter versucht haben könnte, das Ergebnis zu manipulieren. Domer und einige der aktiven Mitstreiter auf den Prognosemärkten begannen im September zu registrieren, dass von bis dahin unbekannten Kundenkonten große Summen darauf gesetzt wurden, dass Trump die Wahl gewinnt. Die Einsätze waren so aggressiv, dass sie die Quoten bewegten. Domer fand heraus, dass sich hinter der vermeintlichen Schwarmbewegung ein einzelner, wohl französischer Spekulant verbarg. Dieser hatte seine Einsätze über verschiedene Krypto-Wallets verteilt, die aber alle aus derselben Kryptoquelle gespeist wurden.
Die Versuchung steigt, die Wetten zu manipulieren
Ein erster Verdacht lautete, da seien Trumps Milliardärsfreunde am Werk. Domer suchte den Kontakt über eine Chatfunktion der Plattform. „Im Gespräch mit ihm habe ich diesen Verdacht aber weitgehend verworfen, weil er einfach wie ein glühender Trump-Anhänger wirkte, der glaubte, einen enormen Wissensvorsprung zu haben“, erzählt Domer. „Er trat zudem sehr arrogant auf – auf eine fast klischeehaft französische Art. Jedenfalls begann die Geschichte irgendwann schlüssig zu werden: Da war offenbar jemand, der sehr vermögend ist, fest an seine These glaubt und schlicht sehr viel Geld auf Trump setzen wollte.“
Deshalb ließ er angeblich für rund eine Million Dollar sogenannte Neighbor Polls durchführen – Umfragen also, in denen nicht nach der eigenen Wahlabsicht, sondern nach der mutmaßlichen Präferenz des Umfelds gefragt wird. Diese Methode ist umstritten, soll ihm aber bestätigt haben, dass Trumps Unterstützung systematisch unterschätzt wurde. Er setzte rund 50 Millionen Dollar und erhielt 80 Millionen Dollar zurück, schätzen Insider.
Der Fall zeigt: Wenn Wetten auf Prediction Markets zunehmend als belastbare Prognosen akzeptiert werden und in der Medienberichterstattung klassischen Umfragen den Rang ablaufen, dann steigt die Versuchung, die Wetten zu manipulieren. Gleichzeitig aber locken falsche Quoten Gegenspieler an, die gegenhalten. Wer einen Markt bewusst verzerren will, schafft damit oft vor allem eine Gewinnchance für besser informierte Händler.
Ein Händler mit dem Namen „Magamyman“ gewann 553.000 Dollar
Für Statistikprofessor Crane ist Marktmanipulation auf Prediction Markets ein reales, aber oft überschätztes Problem. Gefährlich wird es für ihn dort, wo Akteure nicht nur mehr wissen als andere, sondern den Ausgang eines Ereignisses beeinflussen oder kontrollieren können. Der Normalfall sei jedoch meist profaner: kein finsterer Eingriff in den Markt, sondern ein Informationsvorsprung, den andere zu spät erkennen. „Das Spiel besteht immer darin, Informationen zuerst zu haben – und man muss davon ausgehen, dass jemand anderes sie vielleicht früher hat als man selbst.“ Gerade darin liegt für Crane die Stärke, aber auch die politische Verwundbarkeit dieser Märkte.
Der Verdacht, dass manchmal echte Insider am Werk sind, liegt trotzdem nahe. In den Stunden vor dem gemeinsamen amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran wurden auf Prognosemärkten Wetten auf einen möglichen Militärschlag gekauft und verkauft. Ein Händler mit dem Namen „Magamyman“ setzte groß und gewann 553.000 Dollar. Ein anderer anonymer Nutzer auf Polymarket verdiente mehr als 400.000 Dollar, indem er nur wenige Stunden vor dem Ereignis auf den Sturz des venezolanischen Präsidenten Maduro wettete. Ein Nutzer auf Polymarket gewann fast eine Million Dollar, indem er korrekt auf Googles „Year in Search“-Ranglisten und Produktankündigungen setzte, was den Verdacht auf Insiderwissen auslöste.
Gleichzeitig gibt es den Reflex, jeden überraschend treffsicheren Einsatz auf Prognosemärkten sofort als Marktmanipulation zu deuten. „In der Rückschau sieht ein erfolgreicher großer Trade oft nach Insiderhandel aus. Aber wir sehen eben nicht all die großen Wetten, die krachend verloren gehen“, sagt Crane. Aus seiner Sicht werden in der Debatte häufig drei Dinge vermengt: echte Manipulation, echter Insiderhandel und bloßer Informationsvorsprung. Nicht jeder spektakuläre Treffer sei das Ergebnis eines Komplotts; oft handele es sich schlicht um Händler, die öffentliche Signale schneller lesen, besser recherchieren oder als „man on the spot“ näher am Geschehen sind.
Auf Kalshi können sich amerikanische Wetter einfach anmelden; das Unternehmen wird von der Commodity Futures Trading Commission reguliert. Das gilt seit November vorigen Jahres zumindest theoretisch auch für Polymarket. Doch die meisten Polymarket-Wetter sind über ein virtuelles privates Netzwerk, ein sogenanntes VPN, mit Polymarket verbunden. Damit verschleiern sie ihre IP-Adresse und ihren Standort. Das ist auch die Methode, die Deutsche nutzen, um an den in ihrer Heimat verbotenen Prognosemärkten mitzuwirken.
In Amerika kämpfen die Prognosemärkte um ihre komplette Legalisierung – auch gegen Bundesstaaten, die sie unter ihre Kontrolle bringen wollen, um sie wie Sportwetten besteuern zu können. Seit dem Regierungswechsel haben die Wettplattformen aber die Bundesaufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission auf ihrer Seite. Sie beansprucht die Regulierungshoheit.
Hilfreich dürfte sein, dass Präsident Trumps Sohn Donald Trump Jr. über seine Venture-Capital-Firma in Polymarket investiert hat und strategischer Berater von Kalshi ist. Eine faszinierende Wette wäre, ob die Prognosemärkte einen politischen Machtwechsel überleben würden.