analyse
Steigende Ölpreise wegen des Iran-Kriegs nützen Russlands angeschlagener Wirtschaft. Kremlchef Putin inszeniert sich als Retter in Energiefragen. Verfängt sein Kalkül?
Zum Tod von Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei gab Kremlchef Wladimir Putin Beileidsbekundungen ab; sein politischer Apparat verurteilte die US-amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran: Sie könnten die gesamte Region destabilisieren und stellten einen Völkerrechtsbruch dar.
Das klingt zynisch angesichts dessen, was Russland seit vielen Jahren mit der Ukraine treibt. Aber das politische Moskau kennt sich aus mit Zynismus. Kremlsprecher Dmitri Peskow räumte das kurz nach Beginn des Angriffs auf das iranische Regime ein.
In einem seiner Medienbriefings sagte er: „Wir müssen die Folgen dieser globalen Erschütterungen für unsere Wirtschaft kleinhalten. Wir müssen dort, wo es möglich ist, Profite für uns sichern, was zynisch klingen mag.“
Ende der Sanktionen gegen Russland?
Diese Äußerungen gingen einher mit Meldungen, dass die US-Regierung eine Lockerung der Sanktionen gegen russisches Öl erwäge. Tatsächlich erlaubt Washington nun vorübergehend für 30 Tage den Verkauf von auf See befindlichem russischem Öl.
Fest steht: Der Ölpreis ist seit Beginn des Krieges um etwa 30 Prozent gestiegen, was Russland als ölproduzierendes Land freut.
Anfang der Woche hielt Putin eine Sitzung zur Situation auf den internationalen Energiemärkten ab. Es wurde zur Werbeveranstaltung für russische Energiequellen. Putin betonte, dass sich Staaten wie China und Indien, die trotz aller Sanktionen Öl und Gas aus Russland beziehen, auch weiterhin auf sein Land verlassen könnten.
Putin inszeniert sich als Retter
Den Europäern versicherte Putin ebenfalls, dass Russland bereit sei, mit ihnen in Sachen Öl und Gas zusammenzuarbeiten. Aber, so Putin weiter, „wir benötigen Signale von ihnen, dass sie bereit sind, mit uns zu kooperieren“. Er inszeniert sich so als vermeintlicher Retter in der Not.
Mit Blick aufs eigene Land fordert er: Zusätzliche Erlöse im Öl- und Gassektor sollten die russischen Produzenten nutzen, um ihre Schuldenlast und andere Verbindlichkeiten bei den Banken zu verringern.
Putin versucht gönnerhaft, Russland in gutem Licht dastehen zu lassen. Vor der Welt und vor allem in der eigenen Bevölkerung. Die leidet zunehmend unter dem Krieg gegen die Ukraine und den dadurch entstehenden Kosten. Vorläufig profitiert Russland von den gestiegenen Energiepreisen. Nur wie lange?
Putins weitere Profite
Darüber hinaus kann Putin andere Profite aus dem Krieg gegen das Regime in Teheran schlagen: Die Friedensgespräche zwischen Russland, der Ukraine und den USA sollen wieder aufgenommen werden, vielleicht schon kommende Woche. Aber noch sind sie ausgesetzt – und das dürfte Putin in die Hände spielen, spielt er doch selbst gerne: auf Zeit.
Auch von Vorteil für Putin ist, dass das Völkerrecht mit dem Iran-Krieg einmal mehr in den Hintergrund trat. Dafür gewinnen die, die das Recht des Stärkeren vertreten. Das dürfte Putin beizeiten für sich auslegen.
Weniger US-Waffen für Kiew?
Je nachdem, wie lange der Krieg dauert, dürften obendrein die USA Waffen, die an die Ukraine hätten gehen können, im Zuge des Iran-Krieges einsetzen. Das heißt, dass sie sie nicht an Kiew schicken, zum Beispiel Patriot-Luftabwehrraketen.
Apropos: Eine Zeit lang galt lran als Moskaus wichtigster Waffenlieferant. Nach dem Einmarsch in die Ukraine soll der Kreml begonnen haben, iranische Shahed-Drohnen zu kaufen, wenngleich das bis heute von keiner beteiligten Seite bestätigt wurde. Aber mittlerweile soll Russland selbst Drohnen nach Vorbild der Shahed produzieren und sie sogar optimiert haben.
Davon unabhängig schlossen Russland und Iran im Januar 2025 ein Partnerschaftsabkommen. Es schließt militärische Beistandsverpflichtungen aus. Aber das Abkommen umfasst ansonsten russisch-iranische Kooperationen in allen Lebenslagen: zum Beispiel in der Wirtschaft, der Forschung und im Energiesektor.
Fällt Irans Regime, bricht ein weiterer Verbündeter weg
Sollte das Regime in Iran kippen oder auch nur deutlich geschwächt werden, bräche nach Syrien und Venezuela ein weiterer Verbündeter des Kreml weg. Putin hatte in den zurückliegenden Jahren die Bildung einer neuen Weltordnung verkündet und erarbeitet, um dem Globalen Süden beizustehen.
Zeigen sollte sich Putins propagierte „Multipolarität“ in verschiedenen Foren, in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit oder im BRICS-Bündnis. Tatsächlich können die USA jedoch ungestraft Führer von Ländern des Globalen Südens eliminieren oder zumindest „kaltstellen“. Putin, der in diesem Teil der Welt nach Einfluss strebt, sieht unterdessen zu. Wortreich, aber ohne seinen Verbündeten mit Taten beizustehen.
Ob für Putin die Vorteile oder die Nachteile des US-amerikanisch-israelischen Angriffskrieges gegen Teheran überwiegen, ist noch nicht absehbar. Offiziell wünscht er sich ein schnelles Ende der Auseinandersetzungen.
Möglicherweise hat US-Präsident Donald Trump aber in einem seltenen Moment von Klarsichtigkeit eine gewisse Scheinheiligkeit bei Putin erkannt. Trump sagte jedenfalls nach einem jüngsten Telefonat mit Putin: „Wenn du den ukrainisch-russischen Krieg beenden würdest – das wäre hilfreicher.“
Source: tagesschau.de