Der Abend in Hamburg beginnt mit tosendem Applaus. Als Gisèle Pelicot die Bühne der ausverkauften Laeiszhalle betritt, begrüßen sie 650 Zuschauer mit hörbar großem Wohlwollen – ganz ähnlich wie man es in der vergangenen Woche auch in der Londoner Royal Festival Hall getan hat. Und genauso wie es vermutlich in Madrid, Mailand, Montréal, New York, Amsterdam und anderen Städten geschehen wird, in denen Gisèle Pelicot ihr Buch „Et la joie de vivre“ (das in Deutsch unter dem Titel „Eine Hymne an das Leben“ bei Piper erschienen ist) präsentieren wird.
In zweiundzwanzig Sprachen wurde das gemeinsam mit der französischen Journalistin Judith Perrignon verfasste Werk übersetzt, und Pelicot wird fast alle Länder besuchen, in denen es jetzt zeitgleich erscheint. Gisèle Pelicot bleibt sich treu: Sie entscheidet sich für die Öffentlichkeit.
Die enorme Fallhöhe ihrer Geschichte
Und die Öffentlichkeit interessiert sich enorm für diese zierliche Frau, 73 Jahre alt, die sich in Hamburg wach, höflich, ungebrochen zeigt und die nicht müde wird, ihre Geschichte zu erzählen, auch wenn sie selbst wie auch ihr neuer, sie auf der großen Lesereise begleitende Lebenspartner ein ums andere Mal wieder von ihr überwältigt werden.
Man weiß es zwar längst, aber kann doch kaum glauben, wie aus Gisèle Pelicot, die zehn Jahre lang von ihrem Mann sediert, vergewaltigt und anderen Männer zur Vergewaltigung überlassen wurde, eine so souveräne Frau geworden ist, die das Licht der Scheinwerfer für ihre Sache zu nutzen weiß. Und aus diesem Rätsel, aus der enormen Fallhöhe ihrer Geschichte, rührt wohl ein guter Teil der Neugierde ihrer Person gegenüber. Wie hat sie das geschafft?
Sich mit der Öffentlichkeit vor den Tätern schützen
Warum sie den Weg an die Öffentlichkeit wählte, liegt derweil auf der Hand. Es kommt auch an diesem von Sandra Kegel, Feuilletonchefin dieser Zeitung, moderierten Abend, einer Kooperationsveranstaltung von F.A.Z. und Thalia, zur Sprache: Die Scham muss die Seiten wechseln. Es tut gut, sich angesichts dieses mittlerweile fast zur Floskel gewordenen Diktums nochmal vor Augen führen zu lassen, was genau Pelicot dazu bewog, den im September 2024 eröffneten Prozess gegen ihre Peiniger nicht als huis clos zu führen.
Sie habe die vierhundert Seiten starke Anklageschrift ihrer Anwälte lesen müssen (sie nennt die beiden „meine Jungs“) und es angesichts der darin beschriebenen Grausamkeiten mit der Angst zu tun bekommen – Angst vor der schieren Zahl der 51 Täter, denen sie im Gerichtssaal allein gegenübersitzen würde; Angst zur Geisel ihrer Blicke, Lügen und Verachtung zu werden. „Ich habe mich gefragt, ob der Ausschluss der Öffentlichkeit diese Männer nicht mehr schützen würde als mich“, sagt sie jetzt in Hamburg. Und sie habe mit jeder Faser ihres Körpers gespürt, wie sehr sie den Rest der Welt in diesem Gerichtssaal brauche, um ihnen standzuhalten.
Immer wieder ehrt und ermuntert das Hamburger Publikum Madame Pelicot mit Szenenapplaus. Manchmal kommen ihr die Tränen. Es sind keine Tränen der Verzweiflung, eher solche des Schmerzes und der Rührung beim Blick zurück auf die eigene Geschichte, deren Auszüge an diesem Abend die Schauspielerin Maria Furtwängler vorträgt. Vier Jahre lang habe sie den Opferstatus getragen, sagt Pelicot, aber sie habe ihn ablegen wollen. Sie habe sich selbst geheilt und erlaubt, wieder glücklich zu sein. „Heute bin ich stark.“ Das war nicht immer so, natürlich. „Ich wusste: Wenn ich meinen Schmerz nicht teile, würde ich in ihm untergehen.“
Pelicot ist so etwas wie eine Überlebende. Sie selbst bezeichnet sich als éveilleuse, eine Aufklärerin – dieses Wort zieht sie dem vielfach an sie herangetragenen Begriff der Ikone vor. So oder so verkörpert sie eine unwahrscheinliche Wiederauferstehung, und daran dürfte es liegen, dass es trotz der Singularität des Verbrechens, dessen Opfer sie wurde, so viele Frauen (auch Männer) gibt, die in ihrer Geschichte Anschlusspunkte finden.
Nicht, weil ihnen selbst Ähnliches widerfahren wäre (hofft man zumindest), sondern weil Fragmente des Geschehens vertraut sein mögen: sexuelle Gewalt, Manipulation, Verrat, Ohnmacht und die Erfahrung von Kipppunkten im Leben, an denen alles bis dahin Gewesene zusammenbricht. Es ist deswegen auch bedauerlich zu sehen, dass wieder deutlich mehr Frauen als Männer an diesem Abend den Weg in die Hamburger Laeiszhalle gefunden haben.
Königin Camilla ist „sprachlos“ nach der Lektüre ihres Buches
Gisèle Pelicot nutzt diese Aufmerksamkeit trotzdem unbeirrt, um andere Opfer sexueller Gewalt zu ermutigen. „Man darf nicht zweifeln, man ist nicht schuldig, es ist ganz wichtig, das zu sagen.“ Szenenapplaus. Ihr gar nicht kämpferisch, eher beharrlich-still vorgetragenes Ansinnen zielt dabei längst über das individuelle Schicksal hinaus ins Gesellschaftspolitische. Immerhin hat ihr Prozess in Frankreich dazu geführt, dass die Definition von Vergewaltigung im Strafgesetzbuch um den Begriff der (Nicht-) Einwilligung erweitert wurde, wobei jetzt explizit darauf hingewiesen wird, dass diese Einwilligung „niemals aus dem Schweigen oder einer fehlenden Reaktion des Opfers abgeleitet werden kann“.
Und als Pelicot in der vergangenen Woche nach London reiste, stellte sie dort eben nicht nur ihr Buch vor und traf Queen Camilla zum Tee, die verlauten ließ, Pelicots Buch habe sie speechless zurückgelassen. Sie hielt auch eine Rede im House of Lords, um für besseren Opferschutz zu werben.
Denn neben den Gesetzen, das ist ihr auch in Hamburg wichtig, hofft sie, bestimmte Mentalitäten verändern zu können. Was in einer Zeit, in der fast täglich neue Dokumente aus den Epstein-Files ein verheerendes Ausmaß an routinemäßiger Geringschätzung und Gewaltbereitschaft jungen Frauen gegenüber zum Vorschein bringen, viel dringlicher scheint als man für möglich hielt. Auch wie sicher sich die vielen Täter vor Strafverfolgung gefühlt haben müssen, macht Staunen.
Das gilt für die Jedermänner, die auf den Anklagebänken des Pelicot-Prozesses in Avignon saßen nicht weniger als für die mächtigen Männer aus Epsteins Dunstkreis. Gisèle Pelicot hat Recht, wenn sie darauf beharrt, dass es neben besseren Gesetzen auch um eine Geisteshaltung geht. Und es ist richtig, wie sie es tut, wieder und wieder daran zu erinnern, dass Haltungen sich aus Vorbildern und Erziehung speisen. Das sind keine neuen Erkenntnisse. Sie werden aber offensichtlich auch nicht alt. Und in Hamburg gibt es dafür standing ovations.
Source: faz.net