Preisschock: Deutschlands neue Energiekrise

Es ist ein beunruhigend vertrautes Déjà-vu: Die Internationale Energieagentur (IEA) ruft dazu auf, verstärkt im Homeoffice zu arbeiten und Teilfahrverbote auf den Straßen einzuführen. Die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche warnt, dass binnen weniger Wochen der Kraftstoff an den deutschen Tankstellen knapp werden könnte.

Zum zweiten Mal binnen vier Jahren erlebt die Welt einen massiven Angebotsschock bei fossilen Energien. Anfang 2022 zu Beginn des Ukrainekriegs wurde die Abhängigkeit Europas von russischem Erdgas schlagartig zum Versorgungsrisiko. Heute hat die Blockade der Meerenge von Hormus im Nahen Osten dazu geführt, dass praktisch über Nacht rund ein Viertel des weltweiten Ölangebots weggefallen ist und rund ein Fünftel der Mengen an verflüssigtem Erdgas (LNG). Der Großhandelspreis für Erdgas in Europa hat sich schlagartig verdoppelt. Öl- und Kraftstoffpreise sind ebenfalls stark gestiegen.

IEA-Chef Fatih Birol spricht apokalyptisch von der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“. Denn trotz elektrischer Wärmepumpen, E-Autos, Windrädern und Solarboom auf den Hausdächern: Ohne die beiden wichtigsten fossilen Energieträger geht es nicht. Noch immer decken Öl und Gas mehr als 60 Prozent des deutschen Energiebedarfs. Ein Wert, der seit der Jahrtausendwende sogar noch gestiegen ist.

Der jüngste Kostenschub von den Energiemärkten ist gewaltig. Für ein Land wie Deutschland, das abgesehen von der Braunkohle keine nennenswerten Mengen an fossilen Brennstoffen selbst fördert, wird das teuer. Eine Zahl dazu haben die Volkswirte der staatlichen Großbank KfW für die F.A.S. errechnet: Sollten die Öl- und Gaspreise bis Jahresende auf dem derzeitigen Niveau bleiben, werden die Importkosten für die fossilen Energieträger Öl, Gas und Steinkohle im Vergleich zum Vorjahr voraussichtlich um 20 Milliarden Euro auf rund 92 Milliarden Euro nach oben schnellen. Und zwar auch dann, wenn angenommen wird, dass Deutschland wegen der hohen Preise den Verbrauch drosselt. Sonst drohen die Kosten laut KfW sogar um 27 Milliarden Euro zu steigen.

„Wir Europäer werden lernen müssen, mit volatilen Preisen für Öl und Gas zu leben“, sagt der Energieexperte Alexander Weiss, Partner der Unternehmensberatung McKinsey. Aber was bedeutet dieses neue Zeitalter der Energieunsicherheit für das Industrieland Deutschland? Wie kann sich das Land wappnen, um die Risiken einzudämmen? Und haben energieintensive Industrien hierzulande überhaupt noch eine Zukunft? Schließlich war Energie in Deutschland schon vor den jüngsten Preissprüngen deutlich teurer als in vielen anderen Ländern. Die F.A.S. hat darüber mit Energiefachleuten, Unternehmern und Managern gesprochen.

Hilft uns die Energiewende?

Das Argument leuchtet intuitiv ein: Wenn Autos und Heizungen mit Strom statt Benzin und Erdgas betrieben werden, wenn irgendwann Chemiefabriken und Stahlwerke aus Ökostrom erzeugten grünen Wasserstoff nutzen, dann dient das nicht nur dem Klimaschutz – Deutschland wird dadurch auch weniger anfällig gegen Angebotsschocks wie jetzt. „Den Ausbau der rrneuerbaren Energien voranzutreiben, hilft uns, resilienter zu werden“, sagt die Energieökonomin Karen Pittel vom Münchner Ifo-Institut. So sieht das auch Gunnar Groebler, Chef des Stahlkonzerns Salzgitter. „Diese Preisschocks bei fossilen Energien zeigen ganz klar: Wir brauchen einen weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien, um unsere Energieversorgung abzusichern,“ sagt der Stahlmanager, dessen Unternehmen zu den größten deutschen Energieverbrauchern zählt.

Ein Praxisbeispiel dafür ist in einem Gewerbegebiet am Stadtrand von Mannheim zu besichtigen. Die Spedition Schmitt, die dort ihren Hauptsitz hat, betreibt eine Flotte von rund hundert Lastwagen. Das Besondere: Unternehmenschef Rainer Schmitt ist in Deutschland ein Pionier beim Einsatz von schweren Elektro-Trucks, die große Batterien statt Dieseltanks haben. Rund die Hälfte seiner Lastwagen fährt elektrisch.

Ein Riesenvorteil sei das in Zeiten wie diesen, sagt der Fuhrunternehmer: „Die Stromkosten für unsere E-Trucks sind zwar auch etwas gestiegen, aber das ist marginal im Vergleich zur Preisexplosion beim Diesel.“ Und seine Strom-Laster schaffen auch lange Strecken. Schmitt transportiert mit ihnen Waren bis nach Wien.

Wird die Versorgungskrise bei Öl und Gas also der internationalen Energiewende Schub geben? Die Börse jedenfalls setzt darauf. Abzulesen ist das zum Beispiel an den steigenden Aktienkursen großer chinesischer Batteriehersteller. Die Notierung des Weltmarktführers CATL ist seit Kriegsbeginn um 16 Prozent nach oben geschnellt und damit stärker als die Kurse von Ölkonzernen wie Shell und Exxon Mobil. Batterien zur Stromspeicherung sind unerlässlich für die Energiewende, die in weiten Teilen darin besteht, Öl, Gas und Kohle durch erneuerbaren Strom zu ersetzen.

„Beim Heizen und im Straßenverkehr ist die Elektrifizierung die richtige Antwort“, sagt Leo Birnbaum, Chef des Essener Energiekonzerns Eon. Die Bundesregierung in Berlin allerdings hat Ende Februar, und damit nur Tage bevor am Persischen Golf die ersten Raketen flogen, eine Entscheidung getroffen, die heute wie aus der Zeit gefallen scheint. Sie stellte die Weichen dafür, dass auch in Zukunft neue Gasheizungen eingebaut werden dürfen. Sie sollen in Zukunft zwar mit einem wachsenden Anteil an Biogas oder grünem Wasserstoff statt Erdgas betrieben werden, doch dass diese Gase in den dafür benötigten großen Mengen bereitstehen werden, bezweifeln Fachleute stark.

In Brüssel zeichnet sich derweil eine Aufweichung des europäischen CO2-Preis-Regimes ab, das fossile Brennstoffe verteuert, um marktwirtschaftliche Anreize zur Umstellung auf klimaschonende Energieträger zu setzen. Das falsche Signal sei das, schrieb das wissenschaftliche Beratergremium von Wirtschaftsministerin Reiche diesen Monat in einem Papier mit Ratschlägen für die Energiekrise: „Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit und volatiler Energiepreise kann ein funktionierender CO2-Preis dazu beitragen, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern und die strategische Energieautonomie Europas zu stärken“, heißt es darin

Müssen jetzt Tabus fallen?

Stärker auf Elektrifizierung statt auf Öl und Gas zu setzen, hilft. Aber wo kommt der Strom dafür her? Nur mehr Windräder und Solaranlagen zu bauen, werde nicht reichen, sagt Eon-Chef Birnbaum: „Wir dürfen in der Energieversorgung nicht alles auf eine Karte setzen.“ Der Ausbau der Erneuerbaren sei zwar gut vorangekommen, „aber sie brauchen einen stabilen Partner“, mahnt Birnbaum. Denn die Erzeugung von Solar- und Windstrom schwankt mit der Tageszeit und Wetterlage. Damit Deutschland genug Strom hat, müsse der Stromverbrauch flexibler werden, und es brauche Stromspeicher. „Aber es wird in Deutschland auch ohne Gaskraftwerke nicht gehen“, sagt der Eon-Chef. Selbst wenn die Erneuerbaren zu 99 Prozent der Zeit verlässlich Strom lieferten, reiche das nicht rechnet der Eon-Chef vor: „Denn das bedeutet: Wir hätten vier Tage im Jahr Stromausfall. Was das für Folgen hätte, haben wir gerade in Berlin erlebt.“

Auch unabhängig vom geplanten Neubau von Gaskraftwerken werde Deutschland noch lange viel fossile Energie benötigen, erwartet der McKinsey-Berater Weiss. „Der Bedarf wird unterschätzt“, warnt er. Das Land werde 2030 voraussichtlich etwa ein Drittel mehr Erdgas verbrauchen, als bislang in den Bedarfsschätzungen, aus den Zeiten der Ampel-Bundesregierung, vorgesehen sei – eine Lücke von bis zu 200 Terawattstunden im Jahr.

Doch dem Land fehle es an langfristig abgesicherten und diversifizierten Lieferbeziehungen, sagen Fachleute. „Faktisch hängt Deutschland beim Erdgas von nur zwei großen Lieferländern ab: Norwegen und den USA. Das ist riskant“, gibt Weiss zu bedenken. Hinzu kommt: Das Flüssigerdgas (LNG) aus den USA ist etwa dreimal so teuer wie früher das Pipelinegas aus Russland. „Die Zeiten des billigen Erdgases sind in Deutschland vorbei, und sie kommen auf absehbare Zeit nicht wieder“, sagt der McKinsey-Experte. Und das hat auch Folgen für die Strompreise. Denn in etwa der Hälfte der Zeit sind es in Deutschland die Gaskraftwerke, die den Preis am Strommarkt setzen. Das bedeutet: Ist das Erdgas teuer, steigt der Strompreis ebenfalls, wenn auch tendenziell nicht so stark.

Auch die Erschließung heimischer Erdgasvorkommen mithilfe der in Deutschland bislang verbotenen Fracking-Methode wird angesichts der Versorgungskrise wieder diskutiert. „Wir sollten im Sinne der Technologieoffenheit das Verbot aufheben und Fracking mit einer gut gemachten staatlichen Regulierung zulassen“, rät die Ifo-Ökonomin Pittel. Werden dann private Unternehmen in deutsches Frackinggas investieren? Pittel ist skeptisch, zu langwierig und teuer sei die Erschließung.

Bleibt als letzte Alternative das bislang größte Tabu der deutschen Energiepolitik: ein Wiedereinstieg in die Atomenergie. „Kernkraft könnte eine Ergänzung zu den Erneuerbaren sein“, sagt der Nuklearexperte Thomas Walter Tromm vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will in seinem Bundesland ein Klein-Atomkraftwerk, einen sogenannten Small Modular Reactor (SMR), als Pilotprojekt bauen. Eon-Chef Birnbaum hat dazu eine klare Meinung: „Kein privater Investor wird in Deutschland jemals wieder in den Bau neuer Kernkraftwerke investieren, das politische Risiko ist untragbar“, sagt er. „Wenn wir in Deutschland zurück zur Kernkraft wollen, dann müsste der Staat das organisieren. Anders geht es nicht.

Verlieren wir die energieintensive Industrie?

Wer an Unternehmen mit besonders hohem Energiebedarf denkt, hat vermutlich zuerst die Stahlwerke an Rhein und Ruhr im Kopf, Schwerindustrie, gern als Dinosaurier der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Von diesem Etikett ist es nicht mehr weit bis zu der Überlegung, dass ihre Zukunft nicht mehr glänzend sein dürfte.

Um 20 Prozent ist die Produktion im energieintensiven Sektor in Deutschland in den vergangenen vier Jahren geschrumpft. Die Energiepreise gingen in dieser Zeit erst stark rauf, dann wieder runter, jetzt wieder rauf. Den Niedergang hat in dieser Zeit nichts gestoppt. Ob man das so geschehen lassen will, ist nicht allein eine wirtschaftliche Frage, es geht auch um Geopolitik. Der Rüstungskonzern Rheinmetall wolle nicht ohne Grund seinen Stahl verstärkt in Deutschland und anderen europäischen Ländern einkaufen, sagt Salzgitter-Chef Gunnar Groebler. „Uns muss klar sein, dass Resilienz einen Preis hat.“

Das mag man als legitimen Grund sehen. Effizient sei es jedenfalls nicht und wohl nur mit Subventionen realisierbar, glaubt Steffen Müller, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut IWH in Halle, der sich viel mit dem Strukturwandel beschäftigt. „Wenn das nicht passiert, werden diese Branchen weiter schrumpfen, wenn nicht ganz verschwinden.“

Insgesamt generiert die energieintensive Industrie direkt nur etwa vier Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Wäre das, abseits der Geopolitik, so ein Verlust? Die Unternehmen selbst sehen das selbstredend so. „Die Vorstellung, wir könnten in Deutschland auf die vermeintlich schmutzige Industrie verzichten und die vermeintlich saubere behalten, ist nicht zielführend“, sagt Carla Kriwet. Sie ist Chefin des Keramikherstellers Ceramtec aus Plochingen in Baden-Württemberg. Das Unternehmen stellt unter anderem künstliche Hüftgelenke und Zahnersatz her. Die Ausgaben für Energie sind, gemessen an den Herstellkosten insgesamt, höher als in manchen Metall- und Chemiefabriken.

Ökonomen plädieren für regional unterschiedliche Strompreise

Ceramtec habe seine CO2-Emissionen seit 2023 um 25 Prozent gesenkt. Gefragt seien Effizienz, Know-how und Innovationskraft. Was sich ändern müsse, sei nicht die Struktur der heimischen Industrie. Sondern der Zustand, dass Energie hierzulande doppelt oder gar dreimal so teuer sei wie in China oder in den Vereinigten Staaten.

Diese hohen Energiepreise hält Kriwet nämlich weder für gottgegeben noch langfristig wettbewerbsfähig. Sie spricht sich – kein Wunder – dafür aus, die bestehenden Strompreis-Entlastungen für energieintensive Unternehmen beizubehalten. „Aber noch wichtiger ist staatliche Unterstützung und Planungssicherheit für private Investitionen in erneuerbare Energie und energieeffiziente Prozesse.“

Von subventionierten Strompreisen halten Ökonomen derweil eher wenig. „Langfristige Subventionen, um Industrien im Land zu halten, funktionieren meistens nicht“, sagt Energieökonomin Pittel. „Die Steinkohleförderung in Deutschland wurde über die Jahrzehnte mit einem dreistelligen Milliardenbetrag unterstützt. Gebracht hat das nichts, es hat nur den notwendigen Strukturwandel in den Kohlerevieren verzögert.“

Stattdessen setzen die Experten auf marktwirtschaftliche Anpassungen. „Der Ausbau der erneuerbaren Energien wurde lange Zeit extrem teuer und ineffizient organisiert“, sagt der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest. Wind und Solarstrom seien völlig unabhängig vom Standort gefördert worden. „Das ist so, als würde man einem Currywurstbudenbesitzer sagen, du kannst dich auch in den Bayerischen Wald stellen, wo keiner vorbeikommt, und wir holen dann die Würste ab.“ Günstiger ließe sich der Ausbau etwa mit regional unterschiedlichen Strompreisen fördern, was die Bundesregierung aber ablehnt.

Und dennoch: Auch in Zukunft wird der Solarstrom in Spanien wohl günstiger zu produzieren sein als in Deutschland. Fuest zufolge muss das einer energieintensiven Industrie hierzulande nicht im Wege stehen. Wenn der europäische Strommarkt gut funktioniere und die Netzkosten überschaubar blieben, könne man Strom auch importieren. Wenn dann Deutschland mit anderen Wettbewerbsvorteilen glänzen kann, etwa einer gut ausgebildeten Bevölkerung, dann könne sich das trotzdem lohnen.

Und wenn sich das Ende der energieintensiven Industrie doch nicht verhindern ließe? Zu den Anlagen, die dann sehr schnell abgeschaltet werden müssten, zählen die sogenannten Steamcracker von Chemiekonzernen wie BASF. In diesen riesigen Spaltöfen wird Rohbenzin unter hohem Druck und bei höllischer Temperatur in Ethylen, Propylen und andere Basischemikalien umgewandelt. Warum sparen sich BASF & Co. den Aufwand nicht schon längst und importieren diese simplen Grundstoffe, um sie dann hierzulande zu hochwertigen Lacken, Farben, Schäumen und Harzen weiterzuverarbeiten?

Henrik Meincke, der Chefvolkswirt des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), antwortet mit einer Kompaktvorlesung. Erstens handelt es sich um Millionen von Tonnen, mit entsprechend hohen Transportkosten. Das würde nach Meinckes Meinung recht bald dazu führen, dass auch die nächsten Verarbeitungsschritte nicht mehr in Deutschland stattfänden, sondern in der Nähe der Öl- und Gasquellen. Die großen Chemiefabriken, die in den vergangenen Jahren in Qatar entstanden sind, sprechen für diese These. Zweitens werden in der Chemie aus den Rohstoffen nicht einzelne Endprodukte hergestellt, sondern ganze Sortimente von Zwischenprodukten, die in weiteren Schritten verfeinert werden. Ammoniak ist dafür ein gutes Beispiel. Das stechend riechende Gas wird unter enormem Energieeinsatz hergestellt. Es ist ein Grundstoff für die Düngemittelindustrie, auch die Ad-Blue-Produktion hängt daran.

An welcher Stelle diese Wertschöpfungskette reißt, wenn die erste Stufe nicht mehr in Deutschland oder zumindest in Europa stattfindet, lässt sich kaum vorhersagen.

Die deutsche Chemieindustrie macht dem VCI zufolge heute etwa die Hälfte ihres Umsatzes mit Basischemikalien. Die Produktionsmenge ist in den vergangenen sieben Jahren um rund 30 Prozent zurückgegangen. „Unsere Prognose war, dass die Menge über mehrere Jahrzehnte um etwa 15 Prozent zurückgehen würde“, sagt Meincke. Damit hätte sich die Industrie arrangieren können, der beschleunigte Rückgang dagegen sei deutlich schwieriger zu bewältigen.

Energieintensive Unternehmen stehen im harten Wettbewerb

So oder so ist der hohe Energiepreis nicht allein das Problem, auch in der sogenannten energieintensiven Industrie. Tatsächlich ist nämlich nur ein kleiner Teil der Kosten, die diesen Unternehmen entstehen, auf Energie zurückzuführen. Der Industrieökonom Oliver Falck vom Ifo-Institut hat auf dem Höhepunkt der letzten Energiekrise 2022 ausgerechnet, dass die Energiekosten vor der Krise 3,6 Prozent der Bruttowertschöpfung ausmachten. Zum Problem wird das, weil die Margen dieser Unternehmen winzig sind, meist nur um ein Prozent. Ein Anstieg der Energiepreise kann dann den Unterschied machen zwischen profitablem Wirtschaften oder nicht.

Aber genau hier liegt der Clou. Der Grund für die niedrigen Margen liegt darin, dass die energieintensiven Unternehmen im harten Wettbewerb stehen. Es gibt ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu kaufen, man könnte sie durchaus importieren. IWH-Ökonom Steffen Müller hat sich genau das angeschaut, als 2022 das russische Erdgas ausfiel. 300 Produkte waren damals für 90 Prozent des Gasverbrauchs verantwortlich. Aber: Je mehr Gas ein Produkt benötigte, desto weniger Umsatz brachte es ein. Eine Produktionseinschränkung habe deshalb überschaubaren Schaden bedeutet.

Und dann ist da die Frage, ob womöglich etwas ganz anderes den Ausschlag für die Abwanderung aus Europa gibt. Ökonom Oliver Falck hat zumindest Zweifel daran, dass die Energiekosten der ausschlaggebende Grund sind. Stattdessen rücke die Industrie schlicht näher an ihre Absatzmärkte – und die liegen nun mal inzwischen oft außerhalb Europas. Dass sich dieser Trend umkehrt, ist unwahrscheinlich: „Es wird ein massiver Strukturwandel stattfinden. Die europäischen Absatzmärkte werden alleine aufgrund des demographischen Wandels einfach kleiner werden.“ Aber Falck hat auch einen Lichtblick im Angebot: „80 Prozent der Entwicklung findet auch bei BASF noch in Ludwigshafen statt. Wir sehen seit Jahren, dass die Zahl der Jobs in IT und Naturwissenschaften im verarbeitenden Gewerbe massiv steigt.“ Anders gesagt: Die Produktion in den energieintensiven Branchen selbst schrumpft zwar, der Anteil an der Wertschöpfung aber bei Weitem nicht so stark.

Derselbe demographische Wandel ist auch der Grund, warum Ökonomen einem solchen Strukturwandel gelassener entgegensehen als früher. Es werde zwar auch in diesen Branchen Verlierer geben. Aber die Altersstruktur ist dort ohnehin schon heute eher hoch. „Die Diskussion, die wir noch von der westdeutschen Steinkohle kennen, greift heute nicht mehr. Wir haben keine Massenarbeitslosigkeit“, sagt IWH-Ökonom Steffen Müller.

Wie kommen wir das raus?

Wie Deutschlands Wirtschaft in Zukunft aussieht, hängt auch davon ab, welche Unternehmen neu gegründet werden. Damit kennt sich kaum einer so gut aus wie Helmut Schönenberger, der Geschäftsführer des Gründerzentrums der Technischen Universität München. Es ist die erfolgreichste Start-up-Schmiede der Republik mit allein 140 Neugründungen im vergangenen Jahr.

Den klugen Köpfen in den Seminaren und Kursen sei allen klar, dass Strom hierzulande teurer sei als in anderen Weltgegenden, sagt Helmut Schönenberger. Das führe aber keineswegs dazu, dass sich keiner der hoffnungsfrohen Gründer für die energieintensive Industrie mehr interessiere. Schönenberger weckt den Eindruck, eher das Gegenteil sei der Fall. „Die neue Generation von Unternehmern nimmt sich dieses Themas auf unterschiedlichen Wegen sehr intensiv an“, sagt er.

So gebe es eine Reihe von Neugründungen, die an technischen Innovationen arbeiten, mit denen sich der gegenwärtige Wettbewerbsnachteil deutscher Produzenten verringern lassen könnte. „Reverion baut supereffiziente Biogaskraftwerke, Stabl rüstet alte Fahrzeugbatterien zu Energiespeichern für die Industrie um“, zählt Schönenberger einige Hoffnungsträger auf. „Und falls es Proxima Fusion gelingt, das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland ans Netz zu bringen, dann ist das Spiel plötzlich komplett gedreht, weil wir dann auf einmal sehr viel günstige Energie zur Verfügung haben.“ Noch ist die Fusionsenergie freilich Zukunftsmusik. Aber Ambitionen haben sie in München.

Etwa jedes siebte Gründerteam beschäftige sich zurzeit mit Geschäftsideen aus diesem Themenfeld, überschlägt er. Viele stammen übrigens aus einem schon seit etlichen Jahren gemeinsam mit den amerikanischen Elitehochschulen Stanford und MIT angebotenen Kurs, dem „Climate Venture Program“. Der Titel ist nicht mehr so in Mode wie vor fünf oder zehn Jahren. Aber der Inhalt hat an Relevanz nichts eingebüßt. Denn was dem Klima hilft, weil es die Abhängigkeit der Unternehmen von Öl und Gas mindert, verbessert zwangsläufig die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. So entstehen womöglich gerade aus einem der großen Probleme der deutschen Wirtschaft neue Geschäftsmodelle.

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