Einen so erfolgreichen Start ins neue Amt hätte sich Kyriakos Pierrakakis kaum träumen lassen. Schon nach dem ersten von ihm geleiteten Treffen der Eurogruppe konnte der griechische Finanzminister verkünden, wen seine Amtskollegen und er als neuen Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) nominiert hatten. Boris Vujčić, der bisherige Gouverneur der kroatischen Notenbank, soll nach dem Willen der Minister Anfang Juni den Spanier Luís de Guindos ablösen.
Dass sich die Eurogruppe schon im ersten Anlauf auf Vujčić verständigen konnte, war zweifelsfrei eine Überraschung – weil gleich sechs Kandidaten im Rennen waren und weil die Unterstützung von mindestens 16 der 21 Länder der Eurozone notwendig war, die mindestens 65 Prozent der Bevölkerung des Währungsraums repräsentieren.
Diesmal soll der EZB-Posten schneller nachbesetzt werden als 2012
Pierrakakis nannte die rasche Einigung denn auch einen „sehr wichtigen Erfolg“, der von der „institutionellen Reife“ der Eurogruppe zeuge, zumal die Mitbewerber des Kroaten, Mário Centeno (Portugal), Mārtiņš Kazāks (Lettland), Madis Müller (Estland), Olli Rehn (Finnland), Rimantas Šadžius (Litauen) ebenfalls exzellente Kandidaten gewesen seien – und zumal es mit erheblich weniger Bewerbern auch schon erheblich länger gedauert habe, bis ein Konsens gefunden worden sei. Das bezog sich auf das Jahr 2012, als die Eurogruppe ein halbes Jahr brauchte, um den Luxemburger Yves Mersch für das EZB-Direktorium zu nominieren.
Dem Vernehmen nach hat der neue Eurogruppenchef durch intensive Vorgespräche mit seinen Amtskollegen einen erheblichen Anteil an der zügigen Entscheidung. Noch wichtiger dürfte gewesen sein, dass die vier größten und damit in der Abstimmung einflussreichsten Länder Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien von vornherein Vujčić unterstützten.
Am Ende seien nur drei Wahlgänge nötig gewesen, berichteten EU-Diplomaten. Nach dem ersten zogen die baltischen Kandidaten, die von vornherein als chancenlos galten, zurück, nach dem zweiten Portugal (für Centeno). Nach der dritten Runde habe Rehn so weit zurückgelegen, dass auch Finnland seine Kandidatur nicht weiter aufrechterhielt.
Dass die vier Großen den Kroaten unterstützten, hatte einen simplen Grund: Seine Nominierung präjudiziert die Wahl für die Nachfolge Christine Lagardes an der EZB-Spitze, die Ende des kommenden Jahres ansteht, gar nicht. Wären Centeno oder Rehn Vizepräsidenten geworden, so wären klare Exponenten des Südens oder Nordens in dieses Amt gelangt, was den geographischen Proporz bei der Präsidentenwahl hätte vorbestimmen können. Vujčić dagegen lässt sich weder klar dem südlichen noch dem nördlichen Lager zuordnen. Er hat ein anderes, nicht weniger klares Profil: Erstmals zieht ein Notenbanker aus einem Land ins EZB-Direktorium ein, das bei Gründung der Währungsunion noch nicht dessen Mitglied war.
Für Vujčić sprach zudem, dass er anders als die beiden Ex-Politiker Centeno und Rehn ein altgedienter Notenbanker ist, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert die Geschicke der kroatischen Notenbank lenkt.