Post an Martenstein: „Sie wissen schon, dass Springer dasjenige Altenheim dieser Medienhelden ist?“

Harald Martenstein schreibt nach 24 Jahren seine letzte „Zeit“-Kolumne und wechselt zu „Bild“. Axel Brüggemann hätte vorher noch ein paar Fragen an ihn. In Form eines Briefs, was sonst


Axel Brüggemann bei der Premiere seines Films „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“ 2021

Foto: Angelika Warmuth/ Picture Alliance


Lieber Harald Martenstein,

vor 24 Jahren haben Sie mit Ihrer „Zeit“-Kolumne begonnen. Da war Harald Schmidt noch lustig, Peter Hahne leitete das ZDF-Hauptstadtstudio, und Matthias Matussek stand kurz davor, das Feuilleton des „Spiegel“ zu übernehmen. Man muss sagen, dass Sie im Gegensatz zu denen echt gut (und ziemlich langsam) gealtert sind!

Vielleicht liegt es daran, dass Sie eigentlich schon immer ein „alter weißer Mann“ waren – seit 24 Jahren, quasi der Prototyp eines Feindbildes, das erst viel später erfunden wurde.

Klar, da waren diese Ausrutscher vom Gender-No-No bis zum Judenstern. Als die vom „Tagesspiegel“ Ihnen – mitten in Corona – was gehustet haben: „War wohl nix, Apfel-X!“ Ihr Text wurde „entpubliziert“. Das hat Ihren Ruf als „Wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen-Onkel“ gestärkt wie eine blaue Pille!

So wurden Sie für die einen zum Kämpfer der Meinungsfreiheit, für die anderen zum „Mario Barth der ,Zeit‘-Leser“. Aber, hey, ist die „Zeit“ nicht eh zum eigentlichen Mainstream-Medium geworden, in das man seinen Bio-Rhabarber vom Wochenmarkt wickelt, um den Kofferraum seines SUV zu schonen?

In den letzten 24 Jahren haben wir so ziemlich alles über Sie erfahren, von den Demütigungen Ihrer Mutter bis zu Ihrer Hypochondrie und Ihrer Skepsis gegen den Obstzucker! Getröstet haben Sie sich meist selbst, sich Absolution erteilt, wenn die Viren oder die Welt mal wieder gegen Sie waren – sich vor unseren Augen in den Arm genommen und Ihre eigenen Wunden geleckt.

Jetzt wechseln Sie zu „Bild“. Endgültig zu Springer! Sie wissen schon, dass es auch bei Matussek und Hahne so anfing mit dem Älterwerden, oder? Springer ist das Altenheim der Medienhelden. Danach kommt oft nur noch das Irrenhaus oder die Intensivstation. Selbst Matussek war rumsbums weg vom Fenster und ist rechts vom Tisch aus dem Berliner Journalistenklub gepurzelt.

Aber Sie gehen ja nicht nur zu „Bild“, Sie werden der neue Franz Josef Wagner! Ein Mann mit Narrenfreiheit! Wagner hat seine Kolumnen zum Teil mit allerhand Promille vom Tennisplatz aus in die Redaktion telefoniert. Er war ein Kind unter lauter Anzugträgern. Sein Büro war ein gigantischer „Vielachser“, aber sein Luxus war es, nie drinzusitzen! Franz Josef Wagner ist „Bild“ niemals in den Arsch gekrochen, und übrigens auch nicht dem alten weißen Mann da draußen, oder dem, was einige Herausgeber sich darunter vorstellen.

Wagner war bis zu seinem Tod ein Nutella-Kind. Sind Sie das auch, Martenstein? Sind Sie auch so ein Anarchist mit einer Seele aus Schoko-Bart? Oder löffeln Sie in Wahrheit Müsli und sind ein kleiner Spießer, der dem Geld hinterherläuft? Bleiben Sie auch bei Springer bloß der OberstudienBARTH der „Zeit“?

Sie haben neulich bei Wagner angefragt, ob der im Himmel eine Flasche Rotwein mit Ihnen köpfen wird und Ihnen verrät, was er von Ihren Kolumnen hält. Dafür müssen Sie nicht so lange warten, Martenstein. Dafür müssen Sie nicht mal bei „Bild“ anfangen. „Was für ein Scheiß ist das“, hätte Wagner gesagt, „eine Kolumne Mail von Martenstein zu nennen und sie in einer Zeitung abzudrucken!“ Das ist, als würden Sie einen Newsletter ans Springer-Hochhaus nageln oder bei Markus Lanz Schreibmaschine tippen. Aber mit solchen Ideen fängt wohl das Altwerden an, Martenstein. Willkommen in Springers Pfründehaus!

Herzlichst,

Ihr Axel Brüggemann

Harald Martenstein übernimmt ab Februar die tägliche Kolumne des im Oktober 2025 verstorbenen Franz Josef Wagner bei Bild. Die Adressaten der Post von Wagner reichten vom Papst über Eisbär Knut bis Anne Will. An die „Liebe Angela Merkel“ schrieb Franz Josef Wagner allein 34 Mal. Seine Texte waren stets bissig, oft aber auch einfach geschmacklos. Aus Post von Wagner wird nun also Mail von Martenstein. Unser Autor Axel Brüggemann wendet sich aus diesem Anlass mit diesem Brief an ihn.

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