Porträt einer Romandebütantin: Von Wölfen und Frauen beim Schreiben

Mit zehn schrieb Clara Leinemann ihren ersten Roman. Er handelte von Wölfen. Genauer gesagt, von guten und bösen Wölfen sowie einer dramatischen Entführung einschließlich Rettung: eine klassische Heldenreise. Um die hundert Manuskriptseiten umfasste die Geschichte, die sie nach der Schule eifrig auf dem Notebook ihres Vaters tippte. Jeden Tag habe sie sich darauf gefreut, weiterzuschreiben. „Das war wie spielen für mich“, erzählt die heute Einunddreißigjährige.

Doch im Grunde sei es sogar noch früher losgegangen. In der ersten Klasse, so Leinemann, habe ihr Schreiben angefangen. Kleine Erzählungen seien es damals gewesen. Eine Geschichte, das weiß sie noch genau, über ein geflügeltes Pferd habe ihre Mutter ausgedruckt und als gebundene Heftchen in der Schule verteilt. Jetzt, rund zwanzig Jahre später, ist sie für den Debütpreis der lit.Cologne nominiert. Nicht für böse Wölfe oder geflügelte Pferde, aber für gelbe Monster. So heißt der Roman. Und ihre Eltern unterstützen sie auch heute noch, als Fanclub im Publikum.

Gelbe Monster, das klingt verspielt, fast kindlich. Das Thema, das die Autorin darin behandelt, ist es hingegen ganz und gar nicht. Es geht um Charlie, eine junge Frau, die an einem Antiaggressionstraining teilnimmt, weil sie ihrem Exfreund Valentin gegenüber gewalttätig geworden ist. Es geht um emotionale Abhängigkeit und tradierte Liebesideale. Es geht um weibliche Gewalt, um Gewalt an sich und um die Frage, wo sie überhaupt anfängt. Das hört sich nicht unbedingt nach einem Buch an, dass man abends im Bett lesen möchte. Doch das täuscht: Einmal aufgeschlagen, will man es gar nicht mehr weglegen. Eloquent und witzig schreibt Leinemann über Charlies toxisches Wechselspiel aus Wut, Schmerz und Scham. Und erschafft eine liebenswerte Antiheldin.

Zum „Kreativen Schreiben“ fand sie durch eine Zeitungsnotiz

Die entspannte Leichtigkeit, mit der Leinemann erzählt, ist eine, die sie auch selbst ausstrahlt und die sofort auffällt. Wir sind im Kölner Comedia Theater verabredet. Sie kommt herein, verstaut noch schnell die Retro-Kopfhörer in ihrem Jutebeutel und strahlt bis über beide Ohren. Ihr Look wirkt lässig. Die Trainingsjacke, die sie trägt, habe sie bei einer Kleidertauschparty mitgenommen, erzählt sie nach dem Gespräch. Wir umarmen uns, und es erscheint uns beiden als die natürlichste Reaktion von allen. Wir suchen einen ruhigen Ort für unser Gespräch. Es ist Sonntagnachmittag, viel los ist hier nicht. Eine Veranstaltung des lit.Cologne-Kinderprogramms ist gerade vorbei, ein paar Kleine schwirren noch mit ihren Eltern durchs Gebäude. Doch die Vorbereitungen für die Preisverleihung am Abend laufen schon.

Im leeren Theatersaal haben wir Glück. In diesen Reihen wird das Publikum in ein paar Stunden entscheiden, wer den Debütpreis mit nach Hause nehmen darf. Neben Clara Leinemann dürfen auch die Autorinnen Son Lewandowski und Nefeli Kavouras auf die mit 2222 Euro dotierte Auszeichnung hoffen. Das Besondere: Alle drei Debüts haben etwas mit Köln zutun. Entweder, weil sie dort spielen oder die Autorin selbst aus der Stadt kommt. Oder wie bei Leinemann: beides.

Clara Leinemann ist hier geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur probierte sie sich erst am Studium der Kunstgeschichte und Romanistik, auch das in Köln, aber nur ein Semester lang. Sie habe schnell gemerkt, dass sie „total überfordert mit der Materie“ sei. In einer Zeitung habe sie vom Studiengang „Kreatives Schreiben“ in Hildesheim erfahren und sofort gewusst, dass dies genau das Richtige für sie sei. Also zog sie um und macht seitdem eigentlich nichts anderes mehr als kreativ zu schreiben. Mit Dramen-, Prosa- und Hörspieltexten bahnte sie sich ihren Weg in den Literaturbetrieb; ihr Theaterstück „Buddeln“ wurde mehrfach ausgezeichnet und in verschiedenen Häusern in Deutschland gespielt. Sie erhielt diverse Stipendien, darunter das des Berliner Senats, und inzwischen lebt die Schriftstellerin seit sechs Jahren in Berlin, bezeichnet sich selbst aber immer noch als Kölnerin.

Es gab beim Roman nicht die Glühbirne, die plötzlich anging

In Berlin entstand dann ihr erstes Buch, „Gelbe Monster“. Eine Prosa-Werkstatt des Literarischen Colloquiums war es, die den Weg bereitete. Autoren und Autorinnen, die noch keinen Roman veröffentlicht haben, erhalten dort die Möglichkeit und den Raum, an ihrem Manuskript zu arbeiten. So auch Leinemann, die aus zwanzig Seiten zunächst fünfzig und schließlich einen fertigen Romanentwurf machte. Bei der Abschlusslesung der Werkstatt sei dann eine Agentur auf sie zugekommen, die dann einen Verlag für das Buch fand. Suhrkamp.

Die Idee für den Roman sei länger gewachsen. „Ich hatte nicht direkt vor, über eine Frau zu schreiben, die gewalttätig in ihrer Beziehung wird.“ Da war keine „Glühbirne, die anging“, sagt die Autorin lachend. Es habe mit der Perspektive ihrer Protagonistin Charlie angefangen: „Ich wollte eine Figur schreiben, bei der ganz viel drinnen passiert, während sich draußen, in der Welt, diese Dinge nicht erfüllen. Es passt nicht zusammen.“ Dabei habe ihr vor allem das Entwickeln einer weiblichen Figur Spaß gemacht. Und letztlich sei es das gewesen, was sie immer weiter in ihre Geschichte gezogen habe: „Die Diskrepanz zwischen Charlies inneren Vorstellungen und dem, was außen passiert, ihren Wünschen und Ängsten, zeigt, dass ganz viel mit internalisierter Misogynie zusammenhängt.“ Dieses Muster äußere sich in Charlies Verhalten, wenn sie über sich und andere Frauen verachtende Sachen denkt, erläutert Leinemann. Eine heterosexuelle Beziehung schien für sie dann der Weg, diese Misogynie darzustellen: „Es gibt eben Wirkmechanismen, die auch an das Verhalten von Cis-Männern gebunden sind.“

Sie legt die Hände in den Schoß, überlegt einen Moment. „Ich wollte zeigen, dass es für Gewalt bei Frauen auch Auslöser wie patriarchale Strukturen geben kann, in denen Frauen immer denken, sie müssten irgendeiner bestimmten Rolle entsprechen. Man kann hier nicht die gleiche Geschichte erzählen, indem man die Geschlechter einfach tauscht.“ Es sei einfach etwas anderes, wenn Frauen gewalttätig werden. Das solle nicht Charlies Verhalten entschuldigen, aber es begründen.

Die Kernfrage des Buchs: Wo fängt die Gewalt an?

Eigenverantwortlichkeit spielt im Roman eine große Rolle. Charlie, die sich anfangs gar nicht als gewalttätig einordnet, nimmt nur deshalb an einem Anti-Aggressionskurs teil, weil ihre Freundin Ella sie dazu drängt. Sie selbst sieht sich nicht als eine „Schwerverbrecherin“ wie die anderen Frauen aus dem Kurs. Wo also fängt Gewalt an? „Das ist die Kernfrage meines Romans, das habe ich beim Schreiben festgestellt“, sagt Leinemann: „Eine pauschale Antwort gibt es darauf aber nicht. Es konstituiert sich immer an der Person, die Gewalt erfährt.“

Das Spektrum physischer und mentaler Gewalt bildet Leinemann mit den Szenen des Anti-Aggressionstrainings ab, in denen ganz verschiedene Frauen ganz unterschiedliche Geschichten von Gewalt erzählen. Für diesen Teil habe sie mit verschiedenen Psychologiestudierenden gesprochen, schließlich auch mit einer Psychologin, die ein Anti-Aggressionstraining leitet. Allerdings eines für Männer.

Gewalt führt zu immer mehr Gewalt – das ist ein Satz, den man immer wieder hört. Und der wahr ist. Das zeigt Leinemanns Buch meisterhaft. Charlies Gewaltausbrüche verstärken sich wie durch einen zyklischen Effekt. „Sie verzweifelt letztlich mehr daran, als dass es ihr irgendeine Befriedigung gibt. Gewalt kann nicht die Lösung zu sein“, erklärt die Autorin das zentrale Motiv ihres Romans. „Gleichzeitig war es mir ebenfalls wichtig, zu zeigen, dass verschiedene Dinge zu Gewalt führen können, ohne eine spezielle Antwort finden zu müssen.“

Kürzen fällt Leinemann nicht schwer, im Gegenteil

Steckt Autobiographisches im Roman? „Nicht so viel“, sagt Leinemann, „ich glaube aber, dass alle Menschen in ihrem Leben in irgendwelchen Formen Gewalterfahrungen machen.“ Autobiographisch sei das Buch dennoch nicht: „Nichts davon hat in meinem Leben so stattgefunden.“ Sie habe versucht, Gefühle wie Wut oder Eifersucht beim Schreiben noch einmal verstärkt nachzuempfinden. „Komplett alles ausdenken geht ja eh nicht, deswegen steckt in manchen Figuren ein Mix aus zehn meiner Freunde drin.“

Zu Beginn umfasste der Romanentwurf noch um die dreihundert Seiten, geworden sind es dann 192. Kürzen fiel der Autorin nicht schwer, im Gegenteil: „Ich mag das Kürzen tatsächlich, weil es so befreiend ist. Es ist wie Aussortieren von Altlasten.“ Leinemann pflegt einen entspannten Umgang mit ihren Texten, das fällt im Gespräch immer wieder auf. Auf die Frage, wie sie auf den Titel „Gelbe Monster“ gekommen sei, antwortet sie: „Keine Ahnung, er war dann einfach da.“

Ein gutes Jahr hat sie an der Geschichte geschrieben. Am liebsten in der Staatsbibliothek Unter den Linden. Und wenn sie nicht schreibt? Dann gehe sie gerne „klassischen Hobbys“ nach, wie sie es nennt: lesen, kochen, Freunde treffen. „Und Kino“, schiebt sie hinterher. Solange das mit dem Schreiben funktioniere, möchte sie es weiterverfolgen: „Ist ja immer ein bisschen wie Pokern.“ Ansonsten könnte sie sich auch wieder in einer Buchhandlung sehen, wo sie für eine Zeitlang ausgeholfen hat.

Richtig glauben an ihren Sieg mag die Autorin erst einmal nicht

Am Abend dann die Preisverleihung. Leinemanns langjährige Freundin und Mitbewohnerin Charlie (die nichts mit der Hauptfigur im Buch zu tun hat, wie Leinemann mehrfach betont) steht auf der Bühne des roten Saales und hält eine Rede. Das ist der Freundschaftsdienst, der in der Tradition des Debütpreises von den Nominierten gefordert wird: Sie sollen jemanden als Fürsprecher auf die Bühne holen. Charlie erzählt dem Publikum zuallererst von Leinemanns „Passt schon“-Attitüde, die die Autorin wie kaum jemand andere an den Tag lege. Dieser Vergleich ist wohl nicht ganz weit hergeholt. „Ein Buch zu veröffentlichen ist so eine große Ehre. Da sollte man auch mit den Erwartungen auf den Teppich bleiben“, sagt Leinemann vor der Preisverleihung.

Vielleicht ist es gerade diese sympathische „Passt schon“-Art, die ihr dazu verholfen hat, den Debütpreis mit nach Hause zu nehmen. Das Publikum hat so entschieden, aber richtig glauben mag die Gewinnerin es nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass am Bücherstand im Foyer bereits in der Pause fast alle „Gelbe Monster“ verkauft sind. An ihrem zweiten Roman schreibt Leinemann bereits. Worum es geht, darf sie nicht verraten. Aber was soll man sagen? Wird schon passen.

Source: faz.net