„Polizeiruf“ aus Magdeburg: Ein Puzzle aus zwei Teilen

Eine junge Frau radelt durch Magdeburg und kollidiert tödlich mit einem Auto. Einen Augenblick später ist schon Hauptkommissarin Brasch (Claudia Michelsen) zur Stelle und beschwert sich: „Was mache ich hier? Das ist ein Verkehrsunfall.“ „Nee, schauen Sie mal“, sagt der Einsatzleiter, der das durchgeschnittene Bremskabel präsentiert: „eindeutig Sabotage“.

Dieser Einstieg in die „Polizeiruf 110“-Episode „Your Body My Choice“ ist vielsagend in seiner Umweglosigkeit, denn genauso „eindeutig“ geht es weiter. Die kleine Nebelkerze mit der libyschen Staatsbürgerschaft des Opfers („vielleicht handelt es sich um eine rassistisch motivierte Tat“) erweist sich bald als solche, denn der Anschlag scheint nicht mit ihrer Person, sondern mit ihrer Arbeit als Medizinische Fachangestellte in der Frauenarztpraxis von Doro Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily) zusammenzuhängen. Weil die Ärztin unter anderem Schwangerschaftsabbrüche vornimmt – nach deutschem Recht rechtswidrig, aber straflos unter bestimmten Voraussetzungen –, wird sie seit Langem von militanten Abtreibungsgegnern angegriffen.

Die Drohungen drücken unverhohlenen Hass auf Frauen aus

In den Morddrohungen kommt unverhohlener Frauenhass zum Ausdruck: „Mörderin, Fotzen, Ihr werdet dafür bezahlen. Ihr werdet verrecken.“ Das hatte just am Morgen des Unfalls in einer anonymen Mail gestanden. Vor der Praxis demonstriert ein Grüppchen religiöser „Lebensschützer“. Ein größeres Treffen dieser Vereinigung zeigt ziemlich authentisch – nämlich mit Widerrede mancher Teilnehmer –, wie ein rechtspopulistischer Parteivertreter die fundamentalistischen Christen umgarnt, bevor eine halb nackte „My Body My Choice“-Protestgruppe die Versammlung sprengt. Tatsächlich gibt es diese (von der Rechten gesuchte) Nähe zu christlichen Gruppen, und das selbst im Osten Deutschlands, wo über 75 Prozent der Menschen konfessionslos sind. Darauf haben Soziologen wie Felix Schilk vielfach hingewiesen.

Kommissarin Doro Brasch (Claudia Michelsen) erkennt: Das war kein Unfall.MDR/Britta Krehl

Spätestens hier wird klar, dass dieser „Polizeiruf 110“ gar kein Krimi sein will, dessen Konventionen er nur lax erfüllt, sondern eine gesellschaftspolitische Stellungnahme zum Weltfrauentag, verpackt in kleine Spielszenen. Drei weitere Personen stehen dabei im Fokus: zwei selbstbestimmte und deshalb kämpfen müssende Frauen sowie der gehemmte, aber umso gefährlichere Maik (Sebastian Jakob Doppelbauer), ein Zwangscharakter, der sich wie viele der Männer in diesem Film berechtigt fühlt, Entscheidungen für und über Frauen zu treffen. Offenbar gab es, darauf deutet ein Foto hin, früher eine Frau und ein Kind in Maiks Leben. Jetzt wirkt er wie ein Incel, ein unfreiwillig zölibatär Lebender, der seiner alten Nachbarin bei Einkäufen hilft. Die Regie lässt ihn – nicht allzu subtil – ein Raubtierpuzzle puzzeln und rentnermäßig die Geranien auf dem Balkon seiner spießigen Plattenbauwohnung gießen. Männer und Frauen: ein Puzzle aus zwei Teilen, die nicht zusammenpassen.

Die Aktivistin hat die Balance verloren

Auf der anderen Seite steht die Aktivistin Lara (Luna Jordan), die stärkste und auch am eindrücklichsten gespielte Figur in diesem Drama. Sie hat selbst Gewalt erlebt und begleitet als „Abortion Buddy“ Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben. Im aktuellen Fall ist das die polnische Schülerin Dania (Nicola Magdalena Lüders), die betrunken schwanger geworden ist und danach die schwere Entscheidung zu treffen hatte, wie sie mit dieser Situation umgeht. In Polen ist ein Abbruch noch viel schwieriger, deshalb kam sie nach Magdeburg, nur um auch hier festzustellen, wie singende Christen sie von einem „Mord“ abzubringen versuchen.

Die Praxis von Doro Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily) wird belagert.MDR/Britta Krehl

Lara ist deshalb eine interessante Figur in dem ansonsten übereindeutigen Tableau, weil sie in ihrem mutigen Kampf für die eigenen Überzeugungen selbst die innere Balance verloren hat. Ihr Aggressionspotential gegenüber Männern ist hoch. Auch die Staatsgewalt erscheint ihr eher als Feind denn als Helfer. Einzig Brasch kann Laras Vertrauen auf emotionaler Ebene gewinnen. Mit Braschs Vorgesetztem Uwe Lemp (Felix Vörtler) liefert sich die Kratzbürste ein sehenswertes Scharmützel nach dem anderen.

Die Dialoge wirken gestellt

Annika Tepelmann (Buch) und Franziska Schlotterer (Regie und Buch) sind ein Wagnis eingegangen mit ihrem bis in den Titel durchsichtigen, ganz auf die Illustration einer Botschaft abstellenden Quasikrimi. Die Dialoge wirken gestellt. Viele transportieren Empörung („5000 Jahre Patriarchat“), andere sind einfach misslungen. Soll man glauben, dass rechte Schläger, die nachts eine Feministin verfolgen, lautstark brüllen: „Die schnappen wir uns“? Oder wie im Comic: „Scheiße, die Bullen. Lass abhauen. Los, weg hier.“ Aus Genresicht könnte man das ebenfalls schon als Sabotage bezeichnen. Wohl und Wehe des Films entscheiden sich damit allein über das darstellerische Gespür für realistische Situationen, für mimische Nuancen und unaufdringliche Zwischentöne – und tatsächlich überzeugen die Darsteller hier von Anfang bis Ende.

Ein nicht durchweg unsympathischer Fundamentalist wirkt so greifbar echt wie die gedankenverloren, aber dann doch nicht hilflos durch die Handlung treibende Schülerin; die Nöte der Ärztin sind ebenso nachvollziehbar wie die Probleme der Aktivistin mit ihrer eigenen Radikalität. Und wann, wenn nicht am Weltfrauentag, sollte darüber nachgedacht werden, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn sich Männer (und einige Frauen) dazu ermächtigt fühlen, über den Körper von Frauen zu bestimmen. „Da waren wir schon mal sehr viel weiter“, sagt Brasch zu Recht. Und sie hat dabei wohl insbesondere den deutschen Osten vor Augen.

Der Polizeiruf 110: Your Body My Choice läuft am Sonntag, um 20.15 Uhr, im Ersten.

Source: faz.net