Im unabänderlichen Parteiprogramm der NSDAP aus dem Jahr 1920 bekannte sich diese zum „Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden“. Die später tonangebenden Nationalsozialisten wie Martin Bormann, Joseph Goebbels, Hermann Göring, Heinrich Himmler, ganz zu schweigen von Alfred Rosenberg mit seinem „Mythus des 20. Jahrhunderts“, waren aber dezidiert feindlich gegenüber den christlichen Kirchen eingestellt. Adolf Hitler bewunderte die Organisation und Hierarchie der katholischen Kirche, aber er wollte ihren Einfluss in Deutschland zurückdrängen und letztlich die Kirche zerstören.
Zunächst einmal ging es jedoch um einen Modus Vivendi, der am deutlichsten im Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 zum Ausdruck kam. Den Regierungen der Weimarer Republik war es zuvor nicht gelungen, ein solches Reichskonkordat mit dem Heiligen Stuhl abzuschließen. Evangelischerseits scheiterte der mit der Installation von Reichsbischof Ludwig Müller erfolgte Versuch einer Zentralisierung durch die Gründung des Gegenpols der Bekennenden Kirche schon 1934. Die katholischen Bischöfe und der ehemalige Nuntius in Deutschland und nun zum Kardinalstaatssekretär aufgestiegene Eugenio Pacelli konstatierten dann zunehmend immer deutlichere Verletzungen des Konkordats, was sie gegenüber Hitler und in drastischen Worten in internen Beratungen zum Ausdruck brachten.
Das blieb auch den staatlichen und Parteistellen nicht verborgen. Außenamtsstaatssekretär Bernhard Wilhelm von Bülow warnte vor dem Verlust gerade gewonnener internationaler Reputation, und für die Lage im Inneren fürchtete man erhebliche Instabilität durch den Kirchenkonflikt. Also schuf man 1935 zur Beruhigung der Lage das Amt des Reichsministers für kirchliche Angelegenheiten, von dem im großen Spannungsfeld zahlreicher anderer kirchenpolitischer Akteure das vorliegende Buch des Kirchenhistorikers Daniel E. D. Müller handelt.
Hanns Kerrl (1887 bis 1941) schien prädestiniert für dieses Amt zu sein, und das nicht nur, weil er die gleiche Barttracht wie der „Führer“ pflegte. Kerrl war gläubiger Protestant, sah die Erfüllung der Religion tatsächlich aber im Nationalsozialismus. Der Justizbeamte im mittleren Dienst war bereits 1923 in die Partei eingetreten und 1932 zum ersten nationalsozialistischen Landtagspräsidenten von Preußen avanciert, blieb aber ohne Hausmacht und Hitler total ergeben, ja stilisierte diesen zu einem neuen Christus. Er wollte die Kirchen in der angespannten Lage 1935 zunächst einmal besänftigen und integrieren. Für eine erfolgreiche Kirchenpolitik fehlten ihm jedoch die Machtressourcen. Und genau das war laut seinem Biographen Hitlers Kalkül: ein strategisches Scheitern Kerrls, was aber durch dessen Persönlichkeit und dessen Ziele camoufliert wurde.
Kerrl empfand das Konkordat als „schwerste Last“, die der von ihm absurd überhöhte „Führer“ ihm aufgebürdet habe, und versuchte es auszuhöhlen und aufzuheben, gleichzeitig aber die Lage an der katholischen Kirchenfront zu beruhigen. Darüber hinaus strebten er und der Leiter der katholischen Abteilung im Ministerium, Josef Roth, die Schaffung einer deutsch-katholischen Nationalkirche an, schon begrifflich eine Contradictio in Adjecto. Von der von Michael Kardinal von Faulhaber mitverfassten Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von Papst Pius XI. zeigte sich Kerrl persönlich enttäuscht. Für die Protestanten versuchte er vergeblich, eine zentralisierte Reichskirche zu schaffen, die von den Deutschen Christen bis zur Bekennenden Kirche reichen sollte, was Kerrl erst über einen Reichskirchenausschuss, dann auf dem Verordnungswege zu erreichen suchte.
Mit alledem scheiterte er, ja laut dem Verfasser scheiterte er „mit jedem einzelnen seiner politischen Vorhaben auf ganzer Linie“. Genau das sei aber im Sinne Hitlers gewesen: die Kirchen und die Gläubigen besänftigen, die Polykratie, die Herrschaftskonkurrenz der zahlreichen staatlichen Institutionen und Parteistellen anheizen und auf sich ausrichten und das langfristige Ziel der Ausschaltung einer konkurrierenden Institution mit Totalitätsanspruch dabei nicht aus den Augen verlieren. Dementsprechend ließ Hitler Kerrl ins Leere laufen, er desavouierte ihn regelrecht in der Verfolgung der kirchenpolitischen Ziele.
Der Autor systematisiert die Verhältnisse der Akteure auf dem Feld der Kirchenpolitik sehr stark, was dem sprunghaften, situationistischen Charakter der nationalsozialistischen Herrschaft nicht ganz gerecht und sehr redundant dargeboten wird, zumal die Ereignisgeschichte nicht durchgängig chronologisch erzählt wird. Die Sittlichkeitsprozesse von 1936/37 gegen katholische Kleriker werden nur gestreift, der „Klostersturm“ von 1941 fehlt gänzlich. Beide Male wäre die Positionierung des Reichskirchenministers, um den es doch laut Buchtitel gehen soll, von Interesse gewesen. Als dieser dann Ende 1941 starb, wurde das Ministerium von Staatssekretär Hermann Muhs geleitet; es versank in die Bedeutungslosigkeit.
Der Verfasser versteht sein Buch als Beitrag zur Herrschaftssoziologie des Nationalsozialismus, was aber recht umständlich gerät und nicht so viel Neues bringt wie proklamiert. Letztlich kann er plausibilisieren, aber nicht eindeutig belegen, dass das Ausweichen vor Entscheidungen in der Kirchenpolitik einer Strategie Hitlers entsprang; dies kann aber auch, wie in anderen Politikfeldern, der Unfähigkeit und dem Unwillen zur Festlegung entsprungen sein, dafür gibt es keine eindeutigen Quellen.
Die vorliegende Dissertation ist als Band 150 der berühmten „Blauen Reihe“ der traditionsreichen, von den deutschen katholischen Bischöfen geförderten katholischen Kommission für Zeitgeschichte publiziert worden. Die Zuschüsse haben die Bischöfe nun gestrichen. Es wäre wünschenswert, wenn die geplante Überführung der Kommission an die Universität Bochum gelänge und ihre Zukunft finanziell abgesichert würde, damit dieser Band nicht zum Schlussstein einer ertragreichen Zeitgeschichte des Katholizismus wird. Denn auch dieses Buch zeigt, dass noch längst nicht alle Fragen der kirchlichen Zeitgeschichtsforschung beantwortet und alle Quellen gehoben sind.
Daniel E. D. Müller: Hitlers Reichskirchenminister. Nationalsozialistische Kirchenpolitik als strategisches Scheitern 1935 –1941.Brill Schöningh Verlag, Paderborn 2026. 384 S., 89,– €.
Source: faz.net