Der kommende Sturm? Stürmt es nicht schon? In der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten? Mit globalen Auswirkungen, die – zumindest wirtschaftlich – Stürmen ähneln? Odd Arne Westad kann als geopolitischer Sturmexperte gelten. Zur Ära des alten Kalten Kriegs, die ebenfalls von Stürmen gewaltsamer Art nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika, Asien und Lateinamerika, sondern auch im osteuropäischen Herrschaftsbereich der Sowjetunion geprägt war, hat der an der Yale University globale und internationale Geschichte lehrende Historiker 2017 ein weltweit viel beachtetes Standardwerk vorgelegt.
Nun widmet sich Westad abermals der Frage von Krieg und Frieden – dieses Mal bezogen auf Gegenwart und Zukunft. Aufhorchen lässt bereits direkt zu Beginn seines neuen Buchs, wie er die globale Stimmung zwischen den Weltkriegen beschreibt: Für viele sei die Welt zu einem schrecklichen Ort geworden. Neben der damals schon bekannten materiellen Verwüstung habe der Große Krieg, wie er damals genannt worden sei, auch eine Welt zerstört, in der viele Menschen an Fortschritt und allmähliche Entwicklung geglaubt hätten, und habe sie durch eine zynische und verzweifelte Welt ersetzt, in der andere Nationen und Ideologien als natürliche und unvermeidliche Feinde galten. So habe der Schaden, den der Erste Weltkrieg angerichtet habe, zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und zu dem auf ihn folgenden Kalten Krieg beigetragen. Nach dem „Krieg zur Beendigung aller Kriege“, wie einige seiner Befürworter ihn nannten, habe es mindestens drei Generationen gedauert, bis das durch ihn verursachte Leid verheilt gewesen sei.
Bei dieser Beschreibung kommt einem leicht die heutige Stimmung nicht zuletzt in Europa in den Sinn – nach nunmehr vier Jahren von Putins Vollinvasion der Ukraine und damit einer zeitlichen Länge des Ersten Weltkriegs, nach Trumps Angriff auf Venezuela und seinen inzwischen zwei Feldzügen gegen Iran. Bemerkenswert dabei erscheint, dass sich heute wieder eine Stimmung, wie von Westad für die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts beschrieben, breitmacht, obwohl, wie er feststellt, heute weniger als ein halbes Prozent der Weltbevölkerung noch einen Krieg zwischen Großmächten erlebt habe. Und obwohl ein sehr viel größerer Teil der Menschheit unter den verheerenden Folgen anderer Kriege gelitten habe, seien die meisten heutigen Erwachsenen in einer relativ stabilen Welt aufgewachsen, die entweder von einer oder von zwei Supermächten beherrscht worden sei.
Diese vergangenen Welten charakterisiert Westad nicht als friedlich, aber als in einem gewissen Ausmaß vorhersehbar. Die heutige Welt hingegen wirkt auch auf ihn komplexer und unsicherer: Man trete in eine Phase ein, in der mehrere Großmächte sowohl in bestimmten Regionen als auch bei bestimmten menschlichen Errungenschaften wie Nukleartechnologie, Künstlicher Intelligenz oder Raumfahrt um die Vorherrschaft kämpften. Der Handel, der zwei Generationen lang immer freier geworden sei und fast den Zustand erreicht habe, in dem er sich vor dem Ersten Weltkrieg befunden habe, werde heute wieder zunehmend beschränkt und fragil, und zwischen wichtigen Mächten brächen Handelskriege aus.
Diese gegenwärtige Welt bezeichnet Westad als „anders als alles, was irgendjemand von uns je erlebt hat“. Zugleich erscheint sie ihm recht ähnlich der Welt, die vor mehr als hundert Jahren, vom späten 19. Jahrhundert bis 1914, bestanden habe. Auch in der damaligen Welt hätten mehrere Großmächte miteinander konkurriert, die ihre jeweilige Region zu beherrschen suchten. Nationalismus und Populismus seien im Aufstieg begriffen gewesen. Viele Menschen hätten das Gefühl gehabt, dass ihnen die damalige Form der Globalisierung keinen Vorteil gebracht habe. Der Protektionismus habe zugenommen. Die Zölle seien erhöht worden. Immer mehr Menschen hätten die Bewohner anderer Länder für ihre Probleme verantwortlich gemacht. Immigration und Terrorismus hätten zu den großen Themen gehört. Überall hätten führende Politiker den Ausbruch von Kampfhandlungen gefürchtet, sich aber dennoch so auf einen Konflikt vorbereitet, dass eine Beteiligung der Großmächte beinahe sicher gewesen sei, falls in Europa Feindseligkeiten ausbrechen würden.
Diese alte Welt dient Westad als Spiegel der Gegenwart, wobei er das heutige gegenseitige Misstrauen als viel größer als vor dem Ersten Weltkrieg wertet: Viele Menschen, die in einer der Großmächte lebten, seien der Ansicht, dass die Bürger anderer Großmächte, oder wenigstens deren Führer, es auf sie abgesehen hätten. Im Jahr 2023 hätten zwei von fünf Amerikanern gesagt, dass die Vereinigten Staaten wahrscheinlich in den kommenden fünf Jahren Krieg gegen China führen würden. In China, wo es kaum verlässliche Daten aus Umfragen gebe, werde er häufig von Studenten gefragt, wann seiner Ansicht nach ein großer chinesisch-amerikanischer Krieg ausbrechen werde. Zwei Drittel der Russen wiederum glaubten, dass der Krieg in der Ukraine ein „zivilisatorischer Kampf“ auf Leben und Tod mit dem Westen sei. Und etwa der gleiche Prozentsatz der Inder habe eine ungünstige oder sehr ungünstige Meinung von China. In Europa würden drei Viertel der Deutschen und Franzosen die Volksrepublik in einem negativen Licht sehen.
Heute bestehen in der Wahrnehmung von Westad derart viele strukturelle und politische Konflikte zwischen den Großmächten, dass ein großer Krieg für ihn zu einem wahrscheinlichen Szenario wird. Dabei weist er unterschiedlichen Formen von Nationalismus eine immer wichtigere Rolle in der Politik zu – ähnlich wie in der Zeit vor 1914: Von Xi Jinpings Bestreben, Chinas „alte Herrlichkeit“ wiederherzustellen, über Wladimir Putins Versuche, ein neues russisches Imperium zu errichten, bis hin zum Aufkommen populistischer, ausländerfeindlicher Haltungen in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Deutschland und Frankreich würden vielen Konflikten in der heutigen Welt negative Ansichten über andere Menschen zugrunde liegen.
Derlei Einstellungen machen nach der historischen Analyse von Westad einen großen Krieg wahrscheinlicher, weil sie es selbst den vernünftigsten politischen Führern erschwerten, vor den Auswirkungen eines internationalen Konflikts zu warnen. Unter solchen Umständen würden nur wenige Verantwortliche ihre politische Karriere riskieren wollen, indem sie Spannungen mit anderen Ländern abbauten. Als ein Beispiel dafür führt Westad den Konsens der beiden großen amerikanischen Parteien an, was die Konfrontation mit China betreffe. Darüber hinaus würden sich die politischen Eliten in Russland und China und teilweise auch in den USA zu autoritären Programmen bekennen, obwohl vielen Politikern persönlich bewusst sei, dass sie zu einer Katastrophe führen könnten.
Eine weitere Ähnlichkeit zwischen der heutigen Gegenwart und der Vorkriegswelt von 1914 erkennt Westad in der Vermengung der Vorwürfe, die Großmächte gegeneinander erheben. Dies gilt für ihn insbesondere für die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und China. Sowohl in Peking als auch in Washington werde alles, was das andere Land tue, als Beweis für seine aggressiven Absichten interpretiert, gleichgültig, ob es sich um die strategische Haltung, die Marinepolitik, Bündnisse und Freundschaften, die Handelspolitik oder die Förderung neuer Technologien handele. In beiden Hauptstädten versuche kaum jemand, einige dieser Bereiche voneinander zu trennen, wodurch die Spannungen leichter zu bewältigen seien. Eine solche Vermengung verschiedener „Quellen des Hasses“ zählt Westad bereits für 1914 zu den wichtigsten Kriegsursachen.
Vor diesem Hintergrund erscheint wenig beruhigend, was Westad bezüglich militärischer Abschreckungsfähigkeit anmerkt. Er ruft in Erinnerung, dass während des alten Kalten Kriegs Atomwaffen und andere Massenvernichtungsmittel meist als stabilisierend oder sogar friedenserhaltend galten. Die Drohung gegenseitiger garantierter Zerstörung hält auch er für entscheidend für die Vermeidung eines Krieges. Allerdings sei dasselbe Argument schon vor 1914 vorgebracht worden, wenn auch damals in Bezug auf chemische Waffen, Schlachtschiffe, weitreichende Artillerie und Flugzeuge.
Für die komplexere Welt von heute mit ihrer wachsenden Zahl von Atommächten nimmt Westad an, dass die Drohung mit einem Atomkrieg nicht mehr dieselbe abschreckende Wirkung hat wie in der bipolaren Welt des alten Kalten Kriegs. Wie sich 1914 erwiesen habe, seien die damaligen Massenvernichtungswaffen für die Großmächte kein hinreichender Grund gewesen, einen Krieg zu vermeiden. Daher befürchtet er, dass die Drohung mit atomarer Vernichtung, die in einer bipolaren Welt zur Erhaltung des Friedens zwischen den Großmächten beigetragen haben möge, heute nicht mehr absolut abschreckend wirke.
Zieht also bereits der nächste Sturm auf? Ist ein weiterer großer Krieg unvermeidbar? Westad wirkt nicht fatalistisch. Im Gegenteil: Er möchte sein neues Buch als Plädoyer verstanden wissen, Kompromisse zwischen den Großmächten anzustreben – „keine Einigung, keine Konvergenz, keine moralische Gleichwertigkeit, sondern lediglich vorsichtige Absprachen wenigstens über einige der Probleme, die heute konfliktverschärfend wirken“.
Dazu zählt Westad, bei Problemen von Souveränität oder Territorialität, wie zwischen China und Taiwan, China und Indien oder im Südchinesischen Meer, wenigstens vorübergehend Kompromisse zu schließen. Als weitere Faktoren nennt er, aktuelle Kriege wie in der Ukraine oder – bereits weitgehend erfolgt – im Gazastreifen zu beenden, Rüstungswettläufe zu begrenzen, den Welthandel nicht durch Zölle und Embargos zu ersticken sowie Kooperation, wo Kooperation möglich sei, etwa in Umweltfragen, bei Pandemien oder bei der Erkundung des Weltraums.
Die – zumindest erklärte – Waffenruhe im jüngsten Irankrieg und die Verhandlungen zwischen Teheran und Washington wirken hier wie ein weiterer Testfall für die von Westad genannten Bedingungen eines weiter anhaltenden Friedens zwischen den Großmächten beziehungsweise einer weiteren Abwesenheit von – direktem – Krieg zwischen ihnen. Global spürbar stürmt es schließlich schon.
Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 272 S., 26,– €.
Source: faz.net