Die Jobsuche, eine ohnehin kräftezehrende Zeit, die vor allem darin besteht, sich lange durch Stellenausschreibungen zu klicken, wurde 2019 für viele Pol:innen zusätzlich erschwert. Damals erklärten sich rund hundert polnische Gemeinden zu „LGBT-freien Zonen“. Fast 30 Prozent des polnischen Staatsgebiets gehörten zwischenzeitlich dazu. Vor allem katholisch geprägte Orte übernahmen diese Politik.
Organisationen, die sich gegen die Diskriminierung von queeren Personen einsetzen, wurde die finanzielle Unterstützung entzogen. Die Folge: Viele Pol:innen verließen ihre Heimatregionen und haben einer neuen Studie zufolge den Radius für ihre Arbeitssuche erweitert.
Zwar hob der letzte „LGBT-freie“ Bezirk seine Resolution im April 2025 auf, diese Regionen sendeten aber das Signal aus, wer dort willkommen ist und wer nicht. „Mich lässt das Wissen nicht los, dass scheinbar gute Menschen zu Schlechtem fähig sind“, erklärt der Aktivist Kuba Gawron aus Rzeszów, einer der ehemaligen „LGBT-freien Zonen“. „Dass zum Beispiel die nette ältere Dame aus der Nachbarschaft oder der hilfsbereite Kollege ohne zu zögern Politiker:innen wählen, die dazu aufrufen, Pride-Märsche aufzulösen und LGBTQ-Aktivismus zu bestrafen, schwirrt immer in meinem Kopf umher.“
Pol:innen auf Jobsuche fern der Heimat
Der Ökonom Paweł Adrjan untersuchte gemeinsam mit Jan Gromadzki, wie sich das durch die Resolutionen ausgelöste Klima auf den lokalen Arbeitsmarkt ausgewirkt hat. „Unsere Studie zeigt, dass Worte dazu in der Lage sind, Menschen räumlich zu verschieben – und das, obwohl die Rechtsprechung nicht verändert wurde“, so Adrjan.
Die Forschenden analysierten das Verhalten von Jobsuchenden auf der Plattform Indeed in Gemeinden, die sich als „Anti-LGBT“ ausgaben. Sie verglichen ihre Beobachtungen mit dem Suchverhalten in benachbarten Regionen ohne entsprechende Resolutionen und werteten so insgesamt 67 Millionen Klicks von polnischen Nutzer:innen zwischen 2016 und 2021 aus.
Ihr Ergebnis: Nach Einführung der „LGBT-freien Zonen“ suchten Pol:innen in den betroffenen Bezirken deutlich häufiger nach Arbeit außerhalb ihrer Heimatregion als in anderen Teilen des Landes. Die Suchanfragen nach Jobs in anderen polnischen Gemeinden stiegen um rund zwölf Prozent, die nach Stellen im Ausland um etwa 15 Prozent an. Ein herber Verlust von Talenten für den Arbeitsmarkt, so Adrjan. Dabei, so erklärt er weiter, habe sich der Effekt nicht gleichmäßig in alle Richtungen verteilt, sondern konzentriere sich auf die Regionen, die als toleranter gelten, vor allem größere Städte.
Gemeinsam mit weiteren Aktivist:innen hat Kuba Gawron damals den Atlas Nienawiści (deutsch: „Atlas des Hasses“) ins Leben gerufen, um die LGBT-feindlichen Zonen in Polen sichtbar zu machen, die sich offen diskriminierend positionierten. Die Initiative erregte über Polen hinaus Aufmerksamkeit und die EU reagierte, indem sie Fördermittel in Millionenhöhe für Gemeinden, die sich zu „LGBT-freien Zonen“ erklärten, einfror. Letztendlich führte das zu der Auflösung aller Resolutionen. Ein Schritt, der laut Gawron ausschließlich auf den finanziellen Druck zurückzuführen ist und nicht, weil ein echtes Umdenken vor Ort stattgefunden habe.
Ehe für gleichgeschlechtliche Paare: Nicht in Polen
Auch deshalb wirken die Resolutionen bis heute nach: Adrjan erklärt mit Blick auf seine Untersuchungsergebnisse, dass in ehemals „LGBT-freien“ Bezirken ein Bevölkerungsrückgang von etwa einem Prozent bei jungen Jobsuchenden zwischen 18 und 27 Jahren zu verzeichnen sei. Das klinge zwar nicht nach viel und die Studie gibt keine Auskunft darüber, wie viele Personen nach der Aufhebung der Zonen zurückgekehrt sein könnten, „aber auch eine Abwanderung von jungen Menschen für einen kurzen Zeitraum kann langfristige Folgen haben“.
Neben dem Effekt auf junge Jobsuchende erklärt Adrjan, dass Frauen in den betroffenen Bezirken signifikant häufiger auf der Suche nach Jobs außerhalb ihres Wohnortes waren. „Das deutet darauf hin, dass sich politische Resolutionen nicht nur auf die konkret adressierte Minderheit auswirken, die ausgeschlossen werden soll“, sagt der Forscher. Schließlich sei bekannt, dass eine negative Rhetorik gegenüber der LGBTQ-Community eng verbunden sei mit einer traditionellen, konservativen Weltsicht und einer entsprechenden Rolle von Frauen in der Gesellschaft.
Der Aktivist Gawron kennt Menschen, die zur Zeit der Zonen das Land verlassen haben. Oder solche, die zumindest ernsthaft darüber nachgedacht haben. Ihre Argumente seien immer wieder dieselben gewesen: das ausgrenzende Klima, Frustration darüber, dass Demokrat:innen tatenlos zusahen, immer schwieriger werdende familiäre Beziehungen oder gar der Wunsch, eine gleichgeschlechtliche Ehe einzugehen. In Polen ist das nicht möglich.
Annamaria Linczowska, Pressesprecherin der NGO Kampania Przeciw Homofobii KPH (deutsch: „Kampagne gegen Homophobie“) macht deutlich, dass man es in Polen wirklich schätzen sollte, „dass man Teil der EU ist“. Im November entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH), dass Polen im Ausland geschlossene Ehen anerkennen müsse. Bislang können gleichgeschlechtliche Paare zwar im EU-Ausland heiraten, doch wird die Eheschließung in Polen nicht anerkannt. Bei der Transkription eines Dokuments zur Heirat gibt das polnische Verwaltungssystem eine Fehlermeldung aus, sobald zwei Personen des gleichen Geschlechts als Ehepartner:innen eingetragen werden.
Diskriminierende Politik: Wer ist als Nächstes betroffen?
„Das Urteil hat unserer Arbeit noch mehr Wind in die Segel gesetzt“, so Linczowska. Ihre NGO will sich nun an verschiedenen Fronten für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen im polnischen Recht einsetzen. In den vergangenen Jahren habe sich auch schon vieles in eine positive Richtung entwickelt: Die Unterstützung für queere Menschen wächst und es gibt jedes Jahr mehr Pride-Paraden.
Und trotzdem: Die Ehe für alle hält die Aktivistin aus Warschau für kein realistisches Ziel, das in der nahen Zukunft erreicht werden kann. Selbst wenn die aktuelle Regierung eine Mehrheit für solch ein Vorhaben zustande bekommen würde, rechnet sie mit einem Veto des rechtskonservativen Präsidenten.
Denn auch die „LGBT-freien Zonen“ sind 2019 nicht im luftleeren Raum entstanden. Für Linczowska ist eine Erkenntnis aus der Zeit, „dass diskriminierende Politik ganz leicht und sehr schnell eingeführt werden kann“. Auch Kuba Gawron ist sich sicher: „Wir müssen aufmerksam bleiben und auf die Sprache von Politiker:innen achten, die bestimmte Gruppen ausgrenzt.“
Paweł Adrjan betont, dass die EU nicht immer wie im Fall der „LGBT-freien Zonen“ einschreiten könne, wenn diskriminierende Politik solche „weitreichenden Ausmaße“ annimmt. In dem konkreten Fall in Polen habe es Folgen für die LGBTQ-Community gegeben. Es sei aber nicht auszuschließen, dass so eine Politik auch andere Menschengruppen treffen könne. Je nachdem, gegen wen sich das politische Klima gerade wendet.
„Unsere Studie bezieht sich auf ökonomische Effekte der Resolutionen und den Arbeitsmarkt, aber wir dürfen andere, ethische Aspekte nicht außer Acht lassen“, so der Ökonom. Politiker:innen sollten alle Dimensionen von Resolutionen wie den „LGBT-freien Zonen“ bedenken – nicht nur die wirtschaftlichen Folgen. Sonst laufe man Gefahr, bloß Zahlen zu betrachten und abzuwägen, welche Kosten politisch tragbar seien. Dabei zeige die Studie deutlich, „dass Menschen an Orten leben wollen, an denen sie willkommen sind, gut behandelt werden und sich sicher fühlen.“