Astronauten erleben, was nun auch Elon Musk den Mondtouristen verspricht: einen Blick auf unseren Planeten aus dem All, der zugleich als Triumph des Menschen über die Natur gewertet werden kann. Die Perspektive eines Gottes oder Vogels ist eine, die in der Literaturgeschichte immer wieder fruchtbar gemacht wird. Man denke etwa an Samantha Harveys Umlaufbahnen, das 2024 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde.
Doch es gibt auch den weniger emphatischen Blick. In Natascha Wodins ergreifendem Roman Die späten Jahre heißt es: „Wir haben nicht weiter geschaut als bis zum Bauch einer Fliege, die auf einem Globus sitzt und sich die Flügel putzt.“ Grenzen stehen hier gegen das Unbegrenzte.
Dieses Spannungsfeld im Medium der Sprache auszuloten, wie es in der deutschsprachigen Lyrik jüngst Maren Kames in ihrem Band luna luna (2020) getan hat, dazu laden auch neue Gedichtbände ein, in denen Himmel und Erde, den Planeten und dem Universum zentrale Bedeutung zukommt.
Gestirne. Weltraumgedichte heißt der zweite Band des 1994 geborenen Alexander Schnickmann. Den Zusammenprall des Vokabulars vom Nächsten und Fernsten kann man in diesen – in hohem Ton gehaltenen – Versen besonders gut erkennen: „in der finstersten Ecke des Zimmers / im kalten Gestein und Gas und Staub / ich suche die Sterne auf Deiner Haut“.
Schnickmanns Liebes- und Sehnsuchtsgedichte bedienen sich des astronomischen, astrologischen und kosmologischen Denkens, Versuchen der Menschheit, im Blick auf das All und die Planeten Ordnungsprinzipien für das Leben auf der Erde abzuleiten, Zeichen zu deuten. Immer geht es darum, das Chaos zu ordnen, die eigene Geworfenheit einzufrieden, auch bei der im zweiten Jahrhundert entwickelten Temperamentenlehre, die in Gestirne ebenfalls eine gewichtige Rolle spielt. Unter den vier Temperamenten ist es der Melancholiker, zu dem hier eine Verwandtschaft des sprechenden Ichs und der Dichter hergestellt wird, wie das Gedicht „the history of melancholia includes all of us“ zeigt. Das Durchdeklinieren des Verhältnisses des Ichs zu den Planeten von der Sonne bis zum Saturn bildet den romantischen und schicksalhaften Unterstrom.
Gegen das Abgleiten in den Kitsch wappnen sich die Gedichte mit Rückgriffen auf die Physik. Eine Katze entpuppt sich als „Schrödingers Katze“. Jenes Gedankenexperiment weist nach, dass die direkte Anwendung der Quantenregeln auf große Objekte zu absurden Schlussfolgerungen führt. Etwas kann dann zugleich da und nicht da sein: „mir ist das nicht geheuer deine Katze / auf der Straße unzählige Katzen auf / allen Straßen die Stadt ertrinkt in Katzen“ heißt es im mehrteiligen Gedicht Schrödinger in Dublin.
Das harte Gegeneinanderschneiden zweier Position des sprechenden Ichs, von denen eine besagt: „Seht her, ich bin Teil eines kosmischen Prinzips“, und die andere: „Es gibt hier nichts zu sehen, wo man nach dem sprechenden und sehnenden Ich sucht“, stehen sich in Gestirne gegenüber: „ich schreibe ein Gedicht über die Sterne / sage ich zu nobody in particular sage ich von der Bettkante herab sage ich in den Staub und die Leere.“ All versus Leere. Das „Danke“ am Ende dieses Bandes wirkt demütig, ist mehr als ein leiser Gruß an die Lesenden, denen der Band mit den Worten „Für dich, wenn du nicht schlafen kannst“ zugeeignet ist. Es zeigt ein Ich, das tanzend zwischen Wahn und Wirklichkeit der Dichtung, zwischen dem Sagbaren und der Stille, und – ja – eben auch zwischen Grandiosität und Fliegenbauchschau seiner Stellung gewahr ist.
Eine, deren Sprache Demut transportiert, ist die 1979 geborene, im Münchner Umland als Yogalehrerin arbeitende und eindringlich dichtende Theresa Klesper. Moos und Trompeten heißt ihr Debüt, der erste Zyklus im Band trägt den Titel Die Sonne sieht uns. Ganz zart sind die Bewegungen von Klespers Sprache, hin und wieder nimmt sie Anleihen an fernöstliche heilige Schriften wie die Bhagawadgita. Die Schauplätze sind Wälder, das Krankenbett eines Vaters. Haut und Fleisch heißt ein Zyklus über den Abschied der Tochter vom Vater, dessen „Gehirn schlüpft in Welten / zwischen Fliehkraft und Schwerkraft“ zerfällt. Hier spricht ein Ich, das sich zwar der Metaphorik der Raumfahrt zu bedienen weiß, das aber wahrlich anderes im Sinn hat, als aus der geschützten Distanz zu sprechen. Stattdessen lässt sie die Natur selbst sprechen: „wer hat für Wolken den Himmel gebaut / wer lässt sie immer wieder aufs Neue / ihren Platz einnehmen // sie schreiben auf den Himmel ihre Reime aus Licht / weiter, höher: meereckig rund“.
Still, aber wissend geht es auch in dem neuen Band des lyrischen Grandseigneurs Joachim Sartorius zu. Die besseren Nächte schreitet viele der Orte ab, die man aus früheren Bänden des Weltreisenden und Diplomaten kennt. Immer wieder Syrakus, dazu Requisiten, die von einem Leben künden, in dem es vornehm zuging und man sich der „Vielwissenheit stummer Dinge“ (Heimito von Doderer) erfreut, der Bakelitdose, der Eidechse aus Bronze auf dem Schreibtisch, wie in Gegenstände des Arbeitszimmers. Wer nun mit dem Vorwurf der Prätention um die Ecke kommen möchte, dem sei gesagt: Es sind auch geklaute Kacheln, die in diesem Gedicht das All ins Übersichtliche hineinordnen.
Viele der Gedichte schlagen existenzielle Töne an. Im Kapitel Krieg heißt es in dem Gedicht Das weinende Meer: „Heute habe ich die Sonne wie leichte Erde / auf mir gefühlt ich hatte Lust zu brüllen / das Meer war vor meinen Augen da // es immer noch da gleißnerisch mit Wogen verkehlt mit langen grauen Wasserbahnen rollenden Grabkammern // Jetzt ist da die Furcht vor dem Offenen / groß sind die Küsten / von rettender Bedeutung // nachts bäumt das Meer sich auf / seine Rufe hören wir nicht doch legen die Wolken den Himmel frei“.
Hier kommen Überblicks- und Fliegenbauchperspektive spannungsreich zusammen, zeigt sich einer, der versteht, wie Szenarien zu arrangieren, große Fragen elegant zu inszenieren sind.
Ganz und gar unweltmännisch, aber auch nicht gerade geerdet ist die Perspektive der englischen Autorin Charlotte Mew, deren Gedichte nun in der Übersetzung von Wiebke Meier vorliegen. Mew, die von 1869, dem Geburtsjahr auch Else Lasker-Schülers, bis 1928 lebte, war zu ihrer Zeit eine Ausnahmeerscheinung, die jedoch im Kreis der Imagisten mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Lediglich 30 Gedichte erschienen zu Mews Lebzeiten, es sind monologische Gedichte aus der Perspektive von Sonderlingen, in denen die Verschiebung der Perspektive, die in der Literatur so viele Spielarten kennt, noch einmal ganz anders vonstatten geht. In Die Braut des Bauern redet eine junge Frau, die gegen ihren Willen verheiratet wird, mit den Tieren im Stall. Sie flieht, wird wieder eingefangen und eingesperrt auf dem Hof. Sie tut ihre häusliche Arbeit, aber sie hält den Mann fern und will überhaupt mit Männern nichts zu tun haben. Oft sind es Außenseiter, Verrückte, die in diesen eigenwilligen und innerlich höchst angespannten Gedichten schrieben. Mew, die aufgrund der familiären Veranlagung zur Schizophrenie kinderlos blieb, nahm sich selbst das Leben. Dass in ihrer Imagination das All greifbar schien, zeigen diese Verse: „Ich will nicht in die frühe Welt hinter den offenen Augen blicken, / Oder quälend ängstigen, was ich am meisten liebe. Doch ich will dein Leben, ehe meins verblutet – / Hier – nicht im himmlischen Jenseits – bald, –/ Ich will dein Lächeln an diesem Nachmittag, / (Mein jüngstes Laster, pflegten nette Leute zu sagen, / Ich wollte und manchmal bekam ich – den Mond!“, heißt es im Gedicht Auf der Straße zum Meer.
Gestirne Alexander Schnickmann Matthes & Seitz 2026, 98 S., 20 € Moos und Trompeten Theresa Klespe r Ginsterpress 2026, 80 S., 13 € Die besseren Nächte Joachim Sartorius Kiepenheuer &Witsch 2026, 80 S., 22 € Alle belebten Dinge halten den Atem an Charlotte Mew Wiebke Meier (Übers.), C.H. Beck 2026, 176 S., 22 €