Glaubt man den Älteren, dann besteht die Jugend von heute aus gehirnlosen Handyzombies. Tatsächlich erlebt das Lesen gerade in der Generation Alpha ein Comeback. Erstaunlich ist dabei, was und wie gelesen wird.
Kapuzenpulli, viel zu weite Hose, Noise-Cancelling-Kopfhörer in den Ohren und das wohl Wichtigste: ein blau leuchtender Handydisplay in der Hand. So stellt sich der Großteil der Bevölkerung die heutigen Jugendlichen vor.
Immer neue Artikel, Berichte und Studien kommen darüber heraus, wie die Generationen Z und Alpha nur noch am Smartphone hängen, die Aufmerksamkeitsspanne fatal sinkt und die Handysucht überhandnimmt. Und, ja, Social-Media-Apps wie TikTok, Instagram oder Snapchat haben in Deutschland Millionen Nutzer, wovon etwa auf TikTok laut der JIM-Studie vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest mehr als die Hälfte zwischen 12 und 19 Jahren alt sind.
Die Jugendlichen, die nur noch am Handy hängen, verlernen angeblich handwerkliche Tätigkeiten und leben sich nicht mehr so kreativ aus, wie das nach der „Früher war alles besser“-Ideologie mal der Fall war. Nur die wenigsten Jugendlichen kämen von den GRWMs mit Storytime (eine Abkürzung für „Get ready with me“, einem Videoformat, in dem sich Leute beim Schminken und Anziehen filmen), den Reise-Vlogs oder Tanzvideos weg und würden überhaupt noch zu Stift, Zeichenblock oder zu einem Buch greifen.
Und tatsächlich, dass das Lesen zurückbleibt, bekräftigt auch die JIM-Studie – zumindest teilweise. Das regelmäßige Lesen ging ab 2017 immer mehr zurück und war während der Pandemie an einem Tiefstwert angelangt. Ab 2023 ging es jedoch wieder spürbar aufwärts und liegt trotz eines leichten Rückgangs in 2025 noch immer deutlich über dem Tief. Trotzdem bekommen Jugendliche immer noch den Satz zu hören, dass die eigene Generation gar nicht mehr lesen würde. Und dass alle Jugendlichen gehirnlose Handyzombies seien.
Dass wieder gelesen wird, dürfte auch auf BookTok, eine Untercommunity von TikTok, zurückzuführen sein. Dort finden Nutzer mehr als 70 Millionen Videos rund um Bücher. Seit 2019 dort das erste Video unter dem Hashtag gepostet wurde, erlangt die Community immer mehr an Popularität und verändert den Buchmarkt bis heute. Jugendliche nehmen wieder Bücher in die Hand, und in etlichen Buchläden kann man die riesigen Aufsteller, Bücherregale und -tische der auf BookTok berühmten Bücher nicht übersehen.
Der neue Hype um Bücher geht auch an den älteren Generationen nicht vorbei – der Großteil der Meinungen ist jedoch negativ. Millennials und Boomer freuen sich nicht einfach darüber, dass Jugendliche überhaupt wieder mehr lesen, sondern beschweren sich lieber über die Qualität der Bücher. Etwa, dass es nur Liebesromane seien. Als ob die heutigen Siebzigjährigen in ihrer wilden Jugend nur Dostojewski, Kafka und Tolstoi gelesen hätten.
BookTok hat viele valide Kritikpunkte, die angesprochen werden sollten, aber Jugendliche haben wenigstens wieder Spaß an Büchern. Doch statt dies anzuerkennen, wird es scheinbar nicht ertragen, dass das Klischeebild, das die Älteren über die Jungen hegen und pflegen, Risse bekommt. Offenbar handelt es sich doch nicht nur um aussichtslose Fälle. Außerdem hat BookTok damit das geschafft, woran Eltern, Lehrer und andere Erwachsene gescheitert sind. Bitter.
In den letzten Jahren gab es eine Vielzahl an negativen Entwicklungen in den sozialen Medien: Hass und Hetze, Sucht, politische Beeinflussung und Fake News. Trotzdem ist die vermeintliche Lösung, Social Media bis zu einem gewissen Alter rigoros zu verbieten, weder realistisch noch zielführend. Denn Beispiele wie BookTok zeigen, dass Social Media ein Teil der Lösung für jene Probleme sein kann, die es selbst hervorgebracht hat.
Unsere Schülerpraktikantin Emma Mozzato ist 14 Jahre alt und besucht das Berliner Paul-Natorp Gymnasium.
Source: welt.de