Der Wiesbadener Helmuth-Plessner-Preis, der in diesem Jahr zum fünften Mal vergeben wird, geht an den amerikanischen Philosophen und kritischen Theoretiker Jay M. Bernstein. Er gehört seit Jahrzehnten zu den besten Kennern deutschsprachiger Philosophien in den USA und hat sich verstärkt mit Helmuth Plessners Philosophischer Anthropologie beschäftigt. Bernstein trug wesentlich dazu bei, Plessners Werk über den deutschsprachigen Raum hinaus, insbesondere in der angelsächsischen Welt, bekannt zu machen und seine Aktualität für gegenwärtige Debatten in Philosophie und Soziologie hervorzuheben.
An der Sitzung des Preiskuratoriums nahmen gleichberechtigt für die Helmuth-Plessner-Gesellschaft Prof. Dr. Gesa Lindemann, Prof. Dr. Julien Kloeg, Dr. Steffen Kluck, Prof. Dr. Volker Schürmann, die von der Stadt nominierten Mitglieder Prof. Dr. Robert Gugutzer, Jürgen Kaube, Prof. Dr. Andreas Brensing, sowie Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl teil.
Mit 20.000 Euro dotiert
Helmuth Plessner, 1892 in Wiesbaden geboren, war für die europäische Philosophie, Biologie und Soziologie ein bedeutender Impulsgeber und gilt bis heute als einer der wichtigsten Vertreter der „philosophischen Anthropologie“. Der Helmuth-Plessner-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird alle drei Jahre von der Landeshauptstadt Wiesbaden in Kooperation mit der Helmuth Plessner-Gesellschaft an eine renommierte Persönlichkeit vergeben, die sich um Aspekte des Plessner‘schen Werks in hervorragender Weise verdient gemacht hat.
Jay M. Bernstein ist Philosophie-Professor an der New School for Social Research in New York City, die für ihre Aufnahme vieler EmigrantInnen, die vor dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen mussten, berühmt geworden ist, und an der Helmuth Plessner 1962/63 der erste Inhaber der Theodor-Heuss-Professur war. Er lehrte 25 Jahre an der University of Essex in England und an der Vanderbilt University, wo er W. Alton Jones-Professor für Philosophie war. Bernstein promovierte 1975 an der University of Edinburgh; seine Dissertation befasste sich mit der Beziehung zwischen Physik und Biologie in Kants kritischer Philosophie.
Jay M. Bernstein ist gerade dabei, ein Buch mit dem Titel „Earth Justice” fertigzustellen. Es befasst sich mit der ethischen Herausforderung des Klimawandels und der Bedeutung des Anthropozäns für das Verständnis des menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde. Darin argumentiert er, dass der Mensch nicht nur als Teil der lebendigen Natur verstanden werden muss, wie in der philosophischen Anthropologie von Plessner, sondern dass er nun auch moralisch und politisch in die ökologische Gemeinschaft der Erdbewohner einzuordnen ist: „Das Anthropozän ist ein ethisches Ereignis; der Klimawandel hat der ökologischen Integrität der lebendigen Erde schweren Schaden zugefügt, und wir sind nun für ihr zukünftiges Wohlergehen, für ihre Wiederherstellung und Zukunftsfähigkeit verantwortlich. Wir können nur dann Verantwortung gegenüber und für andere Menschen, einschließlich zukünftiger Generationen, übernehmen, wenn wir Prinzipien der „Erdgerechtigkeit“ anwenden, darunter eine internationale Ökozid-Konvention, die denselben Stellenwert wie die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes hätte.“
Am Freitag, 4. September, wird der Preis im Rathaus im Rahmen eines Festaktes übergeben. Ergänzend zu der Preisverleihung sind ein Vortrag des Preisträgers und eine wissenschaftliche Tagung zum Werk des Preisträgers vorgesehen.
Source: faz.net