Platonows „Staatsbewohner“: Und wenn sie nicht verzweifelt sind…

Man nehme einen jungen Mann, literaturbegeistert, mit solidem technischen Wissen und einer tüchtigen Portion Kapitalismuskritik im Gepäck, und lasse ihn in den ersten Jahren nach der Revolution in Sowjetrussland seinen Weg gehen. Kann es verwundern, dass er, 1899 geboren und damit bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch ein halbes Kind, sich nach seinem Ingenieurstudium für jenen Kommunismus begeistert, der sich laut Lenin aus Sowjetmacht plus Elektrifizierung ergibt? Mit dem Wissen von heute drängen sich Hohn und Ironie in die Frage, doch wer sich die damaligen Verhältnisse vergegenwärtigt, sollte Andrej Platonows Entscheidung nachvollziehen können.

Platonow kommt als Ingenieur und Journalist im Land herum. Der ersten Begeisterung folgt die Ernüchterung. Sofern Fortschritt „nicht mit Humanität gepaart ist“, seien seine Folgen tragisch. Mit diesen Worten umreißt Lola Debüser, eine frühe Wegbereiterin Platonows im deutschsprachigen Raum, dessen Desillusionierung. Nur ist Humanität leider ein rotes Tuch. Leonid Awerbach, hohes Tier im Verband proletarischer Schriftsteller, wirft Platonow vor, „unter der verlogenen Losung des Humanismus“ anzutreten. Damit schreibt er ihn quasi zur Nichtveröffentlichung aus.

Wer wird hier vom Autor aufs Korn genommen?

In den drei Erzählungen „Der Staatsbewohner“, „Makar, wie er zweifelt“ und „Zu Gute – Eine Armeleute-Chronik“ schickt Platonow seine Hauptfiguren jeweils aus, „überall das automatische Wachsen staatlichen Glücks“ zu schauen. Er formt einen eigenen ironisch-satirischen Märchenton, der in der Übersetzung Gabriele Leupolds hervorragend nachgebildet ist. Paradoxerweise zeigt gerade ihre Treffsicherheit eklatant die literarischen Schwächen. So trat ein Mann „mit Tränen in den Augen, mit Aufrichtigkeit und Charakterschwäche zur Verteidigung der Partei und der Revolution“ auf. Das illustriert vortrefflich, wie wenig die Menschen in der neuen Gesellschaft durchblickten, doch auf Dauer klingt die karikierende Sprache eintönig wie die karikierte.

Andrej Platonow: „Der Staatsbewohner“. Erzählungen.Verlag

Der Ton verlangt obendrein die Quadratur des Kreises. Die Satire sagt nach Tucholsky „Nein!“ – das Märchen am Ende aber kräftig Ja. In den drei Texten bleibt daher unklar, wen Platonow eigentlich aufs Korn nimmt. Wenn der zweifelnde Makar einen Milizionär bittet, dieser möge ihm „den Weg zum Proletariat“ zeigen, zielt das dann auf den Neusprech oder auf den einfachen Menschen, der gleich einem Eulenspiegel wörtlich nimmt, was er hört und liest? In „Zu Gute“ beklagen die Menschen den Ausfall ihrer elektrischen Supersonne. „Die Staatsmacht ist bei uns ganz wissenschaftlich, aber die Sonne scheint nicht!“ Folglich muss ein „Statut für den Betrieb der Elektrosonne im Kolchos Guter Anfang her“, das genaue Betriebszeiten regelt. Beispiele dieser Art öffnen zwei Lesarten die Tür: Entweder scheitert der sozialistische Aufbau an den landeseigenen Schildbürgern, oder die Kollektivierung ist schlicht überbürokratisiert.

Bei Entstehung der Texte um 1930 erschöpften sich die Schikanen des Systems indes längst nicht in Bürokratie (falls sie das je taten). Platonow wusste das. Mit Nikolai Gumiljow wurde 1921 der erste Schriftsteller ermordet, Repressionen standen seitdem auf der Tagesordnung. Die drei Geschichten üben verhalten Kritik und bemänteln diese zweideutig. Daraus ist Platonow kein Vorwurf zu machen. Er war jahrelang Schreibverboten und Angriffen ausgesetzt, sein Sohn wurde mit fünfzehn Jahren 1938 als faschistischer Spion ins Lager gesteckt.

Der Mangel an politischer Schärfe ist zudem kein literarisches Kriterium – dass die Figuren keine Entwicklung durchlaufen und Platonow Pointen verschenkt, aber schon. Als dem zweifelnden Makar im Traum ein „wissenschaftlicher Mensch“ auf einem Hügel erscheint, kraxelt er sofort zu ihm hoch, denn er war „ein rückständiger Mensch, nur mit neugierigen Händen und einem unmerklichen Kopf. Und mit der Kraft seiner neugierigen Dummheit kletterte Makar bis zu dem Höchstgebildeten und tippte leicht an seinen dicken gewaltigen Körper. Von der Berührung zuckte der unbekannte wie ein lebendiger und stürzte auf Makar, weil er tot war.“ Statt mit dieser Demaskierung zu enden, schickt Platonow seinen Makar weiter und weiter.

Stalin empfahl zum Wohle des Autors eine Bestrafung

So bleibt die Karikatur der neuen Sprache das Verdienst Platonows, der Individualist war in einer Zeit, da jedes Abweichen von der sprachlichen Generallinie mit dem Faschismusvorwurf quittiert wurde. Selbst wer Beschreibungen wie „Er atmete ungleichmäßig und selten, vergaß sich ständig in inneren Gedanken, und wohl kaum aß er genügend Nahrung“ scheußlich findet, hat kein Argument an der Hand, sie zu verbieten. Stalin mutmaßte gleichwohl, eine „Bestrafung“ käme dem Autor „zu Gute“. Schon Lenin forderte 1905 eine Presse, die „frei vom bourgeois-anarchischen Individualismus“ sei, Awerbach hält zu Platonow fest, dessen „nihilistische Verlottertheit“ sei der proletarischen Revolution ebenso fremd wie die „direkte Konterrevolution mit faschistischen Losungen“.

Mit seiner differenzierten Fortschrittsskepsis hätte Andrej Platonow bissige Satiren oder Schelmenstreiche schreiben können. Er hat sich für bürokratische Märchen entschieden, die im Grunde zum guten Ende kommen: Es stirbt niemand, und alle schauen und bauen weiter.

Andrej Platonow: „Der Staatsbewohner“. Erzählungen. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 207 S., geb., 25,– €.

Source: faz.net