Die neue Bahnchefin Evelyn Palla will ihr Unternehmen völlig umkrempeln und erarbeitet dazu bis Dezember eine neue Struktur des Staatskonzerns. „Das Jahr 2026 wird das Jahr des großen Umbaus sein, in dem wir uns neu ausrichten“, sagte Palla auf ihrer ersten Pressekonferenz in Berlin. Ein „Weiter so“ sei unhaltbar, ein „disruptiver Umbau“ durch neue Strukturen unerlässlich, betonte sie. Ein wesentliches Ziel sei eine Dezentralisierung, die Konzernleitung will sie signifikant reduzieren. Dafür sollen regionale Führungskräfte mehr Entscheidungsfreiheit und Ressourcen bekommen. Gleichzeitig seien sie künftig auch dafür verantwortlich, wenn Dinge nicht funktionierten und die Qualität und die Wirtschaftlichkeit nicht stimmten. Palla spricht von „Unternehmertum vor Ort“. Die Managerin verwies als Beispiel etwa auf die Wartung und rechtzeitige Bereitstellung von Regionalzügen.
Mit der neuen Struktur orientiert sie sich an der Reform, die sie dem Unternehmen schon als Chefin von DB Regio verordnet hat, räumte allerdings ein, dass diese nur in eingeschränkter Form eine Blaupause sein könne. Wie etwa der Fern- und Güterverkehr dezentraler aufgestellt werden könnte, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Das Herunterbrechen auf regionale Einheiten funktioniere dort nicht ohne Weiteres, räumte Palla ein. „Trotzdem werden wir uns die Frage stellen, ob es möglich ist, unternehmerische Verantwortung im Fernverkehr stärker regional zu verankern, als das heute der Fall ist.“
Nicht Nikutta war das Problem, sondern der Staat
Palla steht seit Oktober an der Spitze des Konzerns, nachdem ihr Vorgänger Richard Lutz seinen Posten nach einigen Unstimmigkeiten mit dem Bundesverkehrsministerium räumen musste. Ihre Arbeit an der Spitze der Regionalverkehrssparte gab für Ressortchef Patrick Schnieder dabei den Ausschlag für ihre Wahl als neue Chefin des kriselnden Konzerns.
Auf dem Weg zu schlankeren Konzernstrukturen hat Palla in den ersten Wochen harte Einschnitte vorgenommen. Im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums wird der Vorstand von acht auf sechs Personen reduziert, außerdem wurde am Mittwoch bekannt, dass die Vorstandsvorsitzende der Güterverkehrssparte DB Cargo, Sigrid Nikutta, ihren Posten räumen soll. Am kommenden Donnerstag soll der Aufsichtsrat darüber entscheiden. Die Personalie sorgte auch am Donnerstag für anhaltenden Gesprächsstoff. So mahnte die Präsidentin der Familienunternehmer, Marie-Christine Ostermann: „Diese Personalentscheidung wird die DB Cargo nicht retten.“ Nicht die Person sei das Problem, sondern die grundlegende Geschäftsbehinderung dadurch, dass der Staat Eigentümer sei und selten auf Effizienz achte. „DB Cargo bleibt auch ohne Sigrid Nikutta gefangen in den schwerfälligen Strukturen.“
Palla hält an Lutz‘ Vorstößen fest
Der Karlsruher Netzwerkökonom Kay Mitusch sagte der F.A.Z., eine Auswechslung, die von der Gewerkschaft unterstützt und gefordert werde, erscheine ihm verdächtig in Hinblick auf die Entschlossenheit zur Cargo-Sanierung und Erfüllung der EU-Forderung schwarzer Zahlen von 2026 an. „Frau Palla sollte sehen, dass auch der Nachfolger entschlossen zur Sache geht. Es wird nicht ohne eine weitere Schrumpfung des Einzelwagenverkehrs gehen“, sagte Mitusch.
Während Palla beteuerte, den Konzern „auf links“ drehen zu wollen oder auch vom Kopf auf die Beine zu stellen, zeigte sie überraschend viel Konstanz bei Änderungen, die ihr Vorgänger Lutz angestoßen hat. Die im vergangenen Jahr begonnene Umstellung des Baustellenkonzepts auf regelmäßig wiederkehrende Instandhaltungscontainer sei sehr wichtig, um der ungeplanten Baustellen Herr zu werden, die derzeit den Fahrplan durcheinanderbrächten. „Deshalb ist es sehr wichtig, dass diese Container 2027 kommen.“
Am Sanierungsprogramm S3, mit dem der Konzern auf mehr Wirtschaftlichkeit und Pünktlichkeit getrimmt werden soll, will Palla ebenfalls grundsätzlich festhalten, allerdings plant sie Anpassungen. So sollen die Kennzahlen reduziert werden, anhand derer der Erfolg gemessen wird. Sie störe sich zudem an der Formulierung „Sanierung“ und ziehe den Begriff „Modernisierung“ vor, um ein positives Signal in die Belegschaft zu senden. Auch an der Generalsanierung zentraler Korridore wolle sie festhalten, diese Vorgabe hat allerdings auch schon das Bundesverkehrsministerium gemacht. Bis 2036 sollen rund 40 hoch belastete Strecken grundlegend saniert werden. Kurzfristig – so sieht es die neue Bahnstrategie des Bundes vor – sollen sich etwa die Sauberkeit und die Sicherheit an den Bahnhöfen verbessern.