Moskau will nicht länger kasachisches Öl durch seine Druschba-Pipeline in Richtung Deutschland leiten, damit die Bundesregierung Kiew dazu bringt, die Drohnenangriffe auf russische Ölumschlaghäfen einzustellen. Das folgt aus den russischen Einlassungen zu einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters vom Dienstag, wonach Russland den Transit schon vom 1. Mai an einstellen werde. Betroffen davon ist insbesondere die PCK-Raffinerie im ostbrandenburgischen Schwedt. Sie ist wichtig für die Versorgung Berlins, großer Teile der östlichen Bundesländer sowie Westpolens mit verschiedenen Kraftstoffen.
Dmitrij Peskow, der Sprecher des russischen Herrschers Wladimir Putin, bestätigte den Reuters-Bericht am Mittwochabend und erklärte die „Entscheidung“ mit „technischen Momenten“. Peskow fügte hinzu: „Alle Interessen unserer kasachischen Freunde werden auf anderen Lieferwegen gewährleistet werden.“
Auch der für Energie zuständige stellvertretende Ministerpräsident Alexandr Nowak sagte, die Lieferungen, die zuvor über den nördlichen Strang der Druschba-Pipeline nach Deutschland gelangt seien, würden vom 1. Mai an „in andere logistische Richtungen gehen“ – in solche, die verfügbar seien. „Das hängt mit den technischen Möglichkeiten zum heutigen Tage zusammen.“ Nowak fügte hinzu: „Die Deutschen haben auf russisches Öl verzichtet, das heißt, bei ihnen ist alles in Ordnung.“
Russland will sich weiter als „zuverlässiger Lieferant“ darstellen
Der Hinweis auf „technische“ Aspekte steht in Moskau regelmäßig für politische Erwägungen, wenn es darum geht, Druck aufzubauen. Ganz ohne „technische“ Probleme fließt über den durch die Ukraine führenden, südlichen Strang der Druschba-Pipeline nun – nach der Reparatur durch Kiew – wieder russisches Öl in Richtung Slowakei und Ungarn. Zu beiden Ländern will der Kreml seine bisher auskömmlichen Beziehungen pflegen.
Welche anderen Lieferwege für kasachisches Öl nach Deutschland gemeint sind, erklärten Putins Funktionäre nicht. Offenkundig, um der im Rohstoffbereich weiter gepflegten Darstellung Russlands als „zuverlässigem Lieferanten“ treu zu bleiben, stellte eine andere – nicht offizielle, aber offiziöse – Stimme den Zusammenhang zum Krieg her: Igor Juschkow.
Kremlnahe Zeitungen führten ihn nun als „Experten der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation“ ein. Zudem verbreitet Juschkow als Kolumnist für die Staatsnachrichtenagentur Tass regelmäßig Kreml-Narrative. Für die Europäer bedeute der vorläufige Verlust des Transits aus Kasachstan über die Druschba-Pipeline, dass die Abhängigkeit von Lieferungen über russische Häfen steige, zitierte das Blatt „Wedomosti“ Juschkow. Damit „werden sie mehr daran interessiert sein, dass die Angriffe seitens der Ukraine aufhören“.
Transport über russische Häfen
Der Pipeline-Transit aus Kasachstan nach Russland gehe weiter, aber das Öl werde dann auf Tanker im Schwarzen Meer oder in der Ostsee verladen, zitierte der „Kommersant“ denselben Mann. Komme es zu „irgendwelchen Vorfällen“ an der Hafeninfrastruktur, werde sich das Rohstoffdefizit auf dem europäischen Markt vergrößern. Daher werde Deutschland daran interessiert sein, diesen Lieferweg aufrechtzuerhalten, so Juschkow. Berlin habe einen „finanziellen Hebel“, um Kiew unter Druck zu setzen: Es könne weitere Hilfen versagen, wenn sich die Lage verschärfe – doch auch das garantiere den russischen Häfen nicht völlige Sicherheit.
Anonyme Quellen des „Kommersant“ hoben zudem hervor, dass die 2,1 Millionen Tonnen kasachischen Rohöls, die 2025 durch die Druschba-Pipeline nach Deutschland gekommen sind, weniger als drei Prozent des Gesamtexports des zentralasiatischen Landes ausmachten. Sie könnten über den Schwarzmeerhafen Noworossijsk und die Ostseehäfen von Ust-Luga und Primorsk nach Deutschland geliefert werden, doch werde sich Russland mit Blick auf das Verhältnis zum Westen „wohl kaum damit beeilen, den Transit über diese Richtung wiederherzustellen“, hieß es weiter. Die drei Häfen sind in jüngster Zeit durch ukrainische Drohnen beschädigt worden.
Das erklärt, warum Russlands seegebundener Ölexport Mitte April auf den niedrigsten Stand seit Sommer 2024 gefallen ist. So könnten die russischen Ölunternehmen nicht in vollem Umfang von der infolge des Irankriegs gestiegenen Nachfrage profitieren, berichtete der „Kommersant“. Der kasachische Energieminister Jerlan Akkenschenow bestätigte, dass der russische Transitstopp „wahrscheinlich an den jüngsten Angriffen“ der Ukraine liege, und hob hervor, man werde die entsprechenden Ölmengen über andere Wege verteilen.
Unterdessen wachsen Russlands Umweltschäden, insbesondere an der Schwarzmeerküste. Nach Drohnenangriffen auf eine Raffinerie und den Hafen ist in der Stadt Tuapse mit Öl versetzter Regen niedergegangen. Auch ins Meer ist Öl gelangt, die Luft ist verschmutzt. Einwohner von Tuapse veröffentlichten Fotos von schwarz besudelten Haustieren in sozialen Netzen. Sie klagten, dass sie nicht wüssten, wie sie Gesundheitsschäden vermeiden sollten, und fragten, warum der Unterricht in den Schulen nicht ausfalle.
Schon seit zwei Wochen breitet sich zudem ein weiterer Ölteppich im Schwarzen Meer aus, dessen Ursache vermutlich ein Drohnenangriff auf den Tanker Sofia der sogenannten Schattenflotte war. Umweltschützer sehen die russische Schwarzmeerküste vor den Badeorten Anapa, Tuapse und Sotschi sowie Jalta auf der ukrainischen, russisch besetzten Krim bedroht.
Source: faz.net