Im Jahr 1972 erwarb das Kunstmuseum Den Haag drei Gemälde einer kaum bekannten britischen Künstlerin namens Marlow Moss. Das renommierte Haus wollte den enormen Einfluss des niederländischen Malers Piet Mondrian auf Künstler*innen belegen, die es unter ferner liefen verbuchte.
Wer jedoch heute das Kunstmuseum besucht, wird Moss’ Werke an prominentester Stelle finden, während ein ähnliches Werk des großen Mondrian hinter einer Säule versteckt ist. Wie kam es zu dieser Kehrtwende? Inzwischen hat die Kunstwelt anerkannt, dass Moss Mondrian mindestens ebenso sehr inspiriert hat wie er sie. Zumindest gilt das für die doppelten oder parallelen Linien, die er seit den 1930ern verwendet, um seinen harmonischen abstrakten Gemälden Spannung zu verleihen.
Moss, die 1958 mit 69 Jahren in Cornwall starb, wird sieben Jahrzehnte nach ihrem Tod nun umfassend wiederentdeckt. Da ist zum einen ebenjene Ausstellung ihrer Gemälde und Zeichnungen im Kunstmuseum Den Haag, ab April folgt eine Ausstellung ihrer Skulpturen im Georg Kolbe Museum in Berlin. Ihr Gemälde White, Black, Blue and Red wurde 2025 bei Sotheby’s in London für knapp 700.000 Euro verkauft. Das ist zwar weit von Mondrians Preisliga entfernt – aber ein Anfang.
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Für eine Künstlerin, der die Kunstwelt zeitlebens größtenteils die kalte Schulter zeigte, ist das eine außerordentliche Wende. Die Tate in Großbritannien zeigte kein Interesse an ihr. Als Moss nach Cornwall zog und sich in dem malerischen Fischerdorf Lamorna niederließ, versuchte sie mehrmals, Kontakt mit der Bildhauerin Barbara Hepworth und deren Mann, dem Maler Ben Nicholson, aufzunehmen. Die beiden ignorierten sie.
„Moss’ Zeit ist gekommen“, sagt Florette Dijkstra, Autorin einer kürzlich erschienenen Biografie. „Kunstgeschichte ist eine seltsame Wissenschaft“, sagt sie. „Die Karte kann sich komplett verschieben. Heute sind die Buzzwörter Inklusion und Diversität. Künstlerinnen rücken in den Vordergrund, ebenso queere Künstler*innen. Das erklärt – zum Teil – die Aufmerksamkeit für Moss.“
Marlow Moss nahm einen genderneutralen Namen an, blieb aber eine Sie
Marjorie Jewel Moss, so ihr Geburtsname, wurde 1889 in London geboren. Zunächst begeisterte sie sich für Tanz und Musik, studierte dann aber Kunst in Cornwall. Sie schnitt ihr Haar kurz und änderte ihren Vornamen zum genderneutralen Marlow, blieb aber eine Sie. In den späten 1920ern zog Moss nach Paris, wo sie Teil der Avantgarde-Szene wurde und der Gruppe Abstraction-Création beitrat, die abstrakte Kunst der gegenständlichen und dem Surrealismus vorzog.
Zugang verschaffte ihr ein früher Bewunderer: der wenige Jahre ältere Niederländer Mondrian. Moss’ Partnerin Netty Nijhoff, eine Schriftstellerin aus Zeeland, hatte sie einander vorgestellt. Moss und Nijhoff hatten sich im Café de Flore in Paris kennengelernt. Als Nijhoff ihren Sohn bat, der Dame einen Zettel an ihren Tisch zu bringen, fragte der Junge: „Welche Dame?“ Moss trug wie immer Herrenkleider. Nachdem sie ein Paar geworden waren, verkehrten sie beide in Paris in Herrenanzügen und Hüten. Nijhoff blieb mit dem niederländischen Dichter Martinus Nijhoff noch viele Jahre verheiratet, obwohl beide andere Geliebte hatten. Zeitweise hatten auch Moss und Nijhoff andere Partner*innen.
Die Reaktion auf dieses ungewöhnliche Paar fiel gemischt aus, selbst in der liberalen Pariser Kunstszene. „Einige akzeptierten sie“, sagt Dijkstra, „andere nicht.“ Mondrian bis zu einem gewissen Punkt – er interessierte sich weit mehr für Moss’ Kunst als für ihr Liebesleben.
Wer hat’s erfunden? Marlow Moss verwendet die Doppellinie anders
„Er war beeindruckt“, ergänzt Dijkstra, „von ihren Experimenten mit ‚neoplastizistischen‘ Elementen – ihrer Verwendung anderer Materialien als Farbe, darunter Kork und Holz, und von ihrer Doppellinie, die zu dynamischeren Kompositionen führte.“ Mondrian ging als der Vater des Neoplastizismus in die Geschichte ein, der Kunst auf ihre einfachsten Komponenten reduzieren wollte, indem nur Linien und Formen mit einer reduzierten Farbpalette zur Anwendung kamen.
Als Mondrian sah, dass Moss die Doppellinie anders verwendete – nicht um andere Linien zu kreuzen –, weckte das sein Interesse, er schrieb ihr und fragte sie, was sie damit beabsichtige. Als sie ihm erklärte, sie betrachte das auf einer Linie basierende Raster, mit dem er seit über einem Jahrzehnt arbeitete, als „Einschluss und Beschränkung“ für eine Komposition, antwortete er, er könne ihr nicht ganz folgen, was sie damit meine.
Mondrian sollte jedoch für die Doppellinie berühmt werden. Clairie Hondtong, die Kuratorin der Den Haager Ausstellung, glaubt, dass sie sich aus dem Austausch der beiden entwickelte, und nicht etwa eine Erfindung von Mondrian war, die Moss dann adaptierte, wie Kunsthistoriker zuvor annahmen. „Lange Zeit galt er als der Initiator – aber, obwohl es unklar ist, wer sie zuerst benutzte, wissen wir heute, dass Mondrian fasziniert davon war, wie Moss Doppellinien verwendete.“
Feminist*innen wetteten darauf, dass Mondrian Moss bestohlen hat
Der Wind hat sich jedenfalls gedreht. 1972 ging man noch davon aus, dass Künstlerinnen wie Moss von Mondrians Doppellinie beeinflusst waren. Dann wurde entdeckt, dass Moss sie selbst verwendet hatte – und Feminist*innen wetteten darauf, dass er sie bestohlen hatte. Heute, sagt Hondtong, ist der Ansatz wieder ein neuer: „Viele Museen stellen Moss jetzt in den Vordergrund, aber anstelle des Narrativs ,Wer hat’s erfunden?‘ konzentrieren wir uns jetzt auf den Austausch von Wissen.“
Die Technik lässt sich in der Ausstellung in Den Haag in Moss’ Werk White, Black, Red and Grey von 1932 bewundern. Man kann sie auch mit Mondrians Composition of Lines and Colour von 1937 vergleichen.
Einige Kritiker*innen gehen aus einer LGBTQ+-Perspektive davon aus, dass Moss’ Einsatz von Doppellinien ihre Antwort auf eine Welt sein könnte, in der es keinen Platz für eine queere Frau gab, die sich maskulin kleidete. Da ihre Doppellinien keine anderen Linien kreuzten, öffnete sie einen neuen Raum auf einer Leinwand – einen, nach dem sie sich in der echten Welt gesehnt haben könnte. „Es könnte ein Ausdruck ihres Strebens nach Freiheit gewesen sein“, sagt Hondtong. „Und es könnte als eine innovative Antwort für Menschen interpretiert werden, die sich non-binär verorten.“ Wie passt Moss für sie in die aktuelle Transgender-Debatte? „Würde sie sich heute als trans identifizieren? Wir können es nicht wissen – und wir möchten ihr nichts in den Mund legen“, sagt Hondtong. „Großartig ist fraglos, dass sie für queere Künstler*innen heute eine Inspiration ist.“
Marlow Moss kehrte nach Cornwall zurück, als die Nazis die Niederlande besetzten
Mondrian zog 1940 nach New York. Moss, die zu jener Zeit mit Nijhoff in den Niederlanden lebte, kehrte zurück nach Cornwall. Als Jüdin war es für sie unmöglich, unter der NS-Besatzung zu leben. Mondrian drängte sie, ihm zu folgen, aber sie lehnte ab. Er starb 1944 in New York und sie trafen sich nie wieder. In Lamorna schien Moss Anerkennung zu finden und einen Ort, der für ihre Arbeit förderlich war. Nach dem Krieg fanden sie und Nijhoff wieder zusammen und sie blieb bis zu ihrem Tod 1958 an ihrer Seite. Ihr gemeinsames Leben bewegte sich zwischen Cornwall, Paris und den Niederlanden.
New York, dessen rasterförmig angelegte Straßen Mondrians Werke spiegelten, verhalf ihm unterdessen zu Weltruhm und er ging – neben Van Gogh und Rembrandt – in die Kunstgeschichte als einer der drei größten niederländischen Maler aller Zeiten ein. Er gilt als der Pionier auf dem Weg von der gegenständlichen zur abstrakten Kunst und in den USA korrelierte sein Werk mit dem Jazz- und Boogie-Woogie-Zeitalter. 2022 wurde sein Werk Composition No. II für 51 Millionen Dollar verkauft – der bisherige Rekord für einen Mondrian.
Plötzlich tauchte ein Koffer mit Werken von Marlow Moss auf
Moss hingegen wurde zu einer Fußnote der Kunstgeschichte, was durch den Umstand verschlimmert wurde, dass ein Großteil ihres Werks zerstört wurde, der in einem Haus in der Normandie lagerte, das 1944 von Bomben der Alliierten getroffen wurde. Den Anstoß zur Ausstellung in Den Haag gab die Entdeckung eines Koffers voller Zeichnungen. „Er war in den Niederlanden zurückgelassen worden“, erzählt Hondtong. „Das Kunstmuseum kaufte ihn 2025 an.“ Viele Arbeiten darin waren undatiert, aber man geht davon aus, dass einige aus den frühen 1940ern stammen. Es gibt ein paar wenige Skizzen, die viel über ihren Denkprozess verraten.
„Wir können sehen, wie sie mathematische Kalkulationen anstellte, um ihre geometrischen Gemälde zu planen“, so Hondtong. „Darin unterscheidet sie sich sehr von Mondrian. Sie war sehr präzise und ihre Bilder arbeitete sie vorher genau aus, während Mondrian intuitiver vorging.“ Im Koffer befanden sich außerdem der Écriture automatique zuzuordnende Zeichnungen, die eine andere Ebene von Moss’ Werk entdecken lassen.
Hondtong hofft, dass der Inhalt des Koffers ein neues Kapitel im Umgang mit Marlow Moss’ Vermächtnis aufschlagen wird – stärker auf ihr Werk fokussiert und weniger auf ihre Lebensgeschichte. Lucy Howarth forscht seit den frühen 2000er Jahren zu Marlow Moss. Seither hat sich viel verändert, sagt die Kunsthistorikerin. „Damals musste ich in Abstellkammern und Hinterzimmern nach ihren Werken suchen. Heute hängen Moss’ Bilder an den Wänden und sind begehrte Leihgaben für Ausstellungen“. Howarth ist auch Co-Kuratorin der Ausstellung ihrer Skulpturen im Georg Kolbe Museum in Berlin. „Moss arbeitete mit Metall, Stein und Holz. Etwa zehn Werke werden wir zeigen können“, sagt sie. „Wir werden aber auch Fotografien von Skulpturen ausstellen, die verloren gingen.“
Marlow Moss könnte verändern, wie Kunstgeschichte geschrieben wird
Anders als der Maler Mondrian war Moss eine Konstruktivistin, die eine breite Palette an Materialien und Methoden benutzte. Die neue Ausstellung, so die Hoffnung, soll den Fokus darauf lenken. Nijhoff beschrieb ihre Partnerin einmal als eine Künstlerin, bei deren Arbeit es immer um Raum, Bewegung und Licht ginge. Für ihre Skulpturen gelte das allemal, sagt Howarth.
Am spannendsten aber ist der Gedanke, dass der zeitgenössische Fokus auf Moss die Kunstgeschichte verändern könnte. Jahrhundertelang ging es dabei um einzelne Männer, um Genies, die mit ihrer einzigartigen Brillanz den Kanon in eine neue Richtung lenkten. „Jetzt stellen wir fest, dass die Kunstgeschichte deutlich interessanter ist“, sagt Howarth. „Mondrian war ein fantastischer Künstler, aber er war nicht der einzige, der neoplastizistisch arbeitete. Es ist so interessant, weniger bekannte Künstler*innen zu entdecken und ihren Einfluss zu erforschen – dass so viele von ihnen Frauen oder queer waren, ist keine Überraschung. Durch sie wird die Geschichte komplizierter. Aber sie bereichern sie – für uns alle.“
Räume schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss Georg Kolbe Museum, Berlin, 2. April bis 26. Juli 2026