Im Obstgarten von Robert-Pierre Cecchetti hängen Äpfel, so weit das Auge reicht. Während er mit der Ernte von Granny Smith und anderen Sorten vor diesem sonnigen Herbsttag längst begonnen hat, bleiben seine Pink Lady bis in den Winter hinein an den Bäumen. „Ihre ideale Reife ist Ende Oktober, Anfang November erreicht“, sagt Landwirt Cecchetti, der in Mudaison in Südfrankreich auf insgesamt knapp 120 Hektar Äpfel und Birnen anbaut. Von Ende September an würden um die Pink Lady herum erst einmal noch die Blätter entfernt. Das soll sie der prallen Sonne aussetzen und stressen.
Dass es sich bei den Äpfeln hier um Pink Lady handelt, ist der Farbe nach nicht offensichtlich. Charakteristisch rosarot wie im Supermarkt sind sie nicht, eher rot-gelb wie Braeburn. Doch das sei zum Herbstbeginn noch völlig normal, erklärt Cecchetti auf einem Rundgang durch seinen Obstgarten. Erst wenn die Temperaturen nachts unter zehn Grad fielen, begännen sich Pink Lady rosarot zu färben. Während die Sonne tagsüber die Zuckerbildung der Äpfel fördere, stimulierten die kühlen Nächte den Aufbau der Farbstoffe. Ohne die große Temperaturamplitude blieben die Äpfel blass.
Die sehr lange Reifezeit über mindestens sieben frostfreie Monate hinweg und die späte Ernte mit erhöhtem Wetterrisiko, aber auch die hohen klimatischen Voraussetzungen machen Pink Lady zu einer herausfordernden Apfelsorte. In Europa werden sie deshalb nur in Frankreich, Spanien und Italien in nennenswertem Umfang angebaut. Mehrfache Pflückdurchgänge sind zudem Usus, da sich die Äpfel in einem Obstgarten unterschiedlich schnell rosarot färben.
Höherer Aufwand als mit anderen Sorten
„Man hat mit Pink Lady einen höheren Aufwand als mit anderen Sorten“, räumt Cédric Modica-Amore, Marketingdirektor des europäischen Pink-Lady-Verbands, unumwunden ein. Seinen Angaben zufolge müsse man je Hektar 700 Arbeitsstunden veranschlagen. Das seien etwa 20 Prozent mehr als bei anderen Sorten, und das im Übrigen zu einem Gutteil bei Oktober- und Novemberwetter, das bekanntlich schon mal ungemütlich sein kann.
Erschwerend hinzu kommt ein beträchtliches Verlustrisiko: Als Clubsorte ist der Anbau von Pink Lady streng geregelt. Landwirte müssen dafür beim Verband eine Lizenz beantragen. Diese erhält nicht jeder. Bei zu großen Klimarisiken im Anbaugebiet verwehrt sie der Verband beispielsweise.
Wer die Lizenz erhält und Pink Lady anbauen will, muss sich an die Vorgaben für Produktion, Vermarktung und Abnahme halten. Verbandseigene Qualitätskontrollen überprüfen ihre Einhaltung. Äpfel, die keine rosarote Farbe aufweisen, aber auch nicht die vorgegebene Größe haben, dürfen Landwirte wie Cecchetti nicht als Pink Lady verkaufen. Im Durchschnitt fallen rund 30 Prozent je Baum durch das Raster. Regnet es viel, können es aber auch schnell 50 Prozent sein, von Verlusten durch Vögel, Insekten und Pilzbefall ganz zu schweigen.
Kritik am Clubmodell
Das Clubmodell stößt immer wieder auf Kritik. Moniert wird, dass es Landwirten in die Abhängigkeit des Verbands treibt und ihnen hohe Lizenzkosten und große Risiken aufhalst. Die Pink-Lady-Vertreter halten dagegen: Die Sorte biete Bauern durch die klaren Vorgaben und Abnahmegarantie zu einem festgelegten Preis eine Einkommenssicherheit, während es bei „freien“ Sorten wie Braeburn und Elster keinerlei Garantie gebe. Dass Pink Lady am oberen Ende der Preisskala angesiedelt sei, mache ihren Anbau zudem wirtschaftlich interessant. Auch profitierten die Landwirte von den regen Marketingaktivitäten des Verbands.
Cecchetti haben das Modell und die Besonderheiten von Pink Lady früh überzeugt. Auf dem Hof, auf dem seine Eltern einst Wein anbauten, stieg er 1995 in den Anbau der Sorte ein. Heute macht sie knapp 30 Prozent seines Apfelbestands aus. Cecchetti gehörte damit zu den Pionieren, schließlich kam Pink Lady um das Jahr 1995 herum überhaupt erst nach Europa, nachdem der australische Züchter John Cripps Anfang der 1970er-Jahre die Sorten Lady Williams und Golden Delicious gekreuzt hatte. Cripps Pink, heute vermarktet unter Pink Lady, sollte mild-süßsauer schmecken, auch nach langer Lagerzeit knackig bleiben und sich gut transportieren lassen. Heute gibt es knapp 3200 Landwirte in Europa, die auf 6600 Hektar Pink Lady anbauen, davon liegt etwas mehr als die Hälfte in Frankreich.
In Deutschland immer beliebter
Im Club zeigt man sich erfreut darüber, dass nicht zuletzt unter deutschen Verbrauchern Pink Lady in den vergangenen Jahren immer besser ankommen. Neben Pink Lady und Granny Smith hätten sonst nur wenige Sorten neue Käufer auf einem insgesamt schrumpfenden Markt gewonnen, betonen die Verbandsvertreter mit Verweis auf Zahlen der Marktforscher von Kantar. 12,8 Millionen deutsche Haushalte griffen zu Pink Lady, nur Elstar, Braeburn und Gala seien noch beliebter. Laut den Marktforschern von Europanel lag der Marktanteil der rosaroten Äpfel in Deutschland nach Volumen zuletzt bei 9,3 und nach Wert bei 12,5 Prozent.
Gerade weil der Apfelkonsum in Europa – entgegen allen Appellen zur gesunden Ernährung mit regionalen Lebensmitteln – sinke, seien aber nicht andere Sorten die Konkurrenz, sagt Modica-Amore. Das seien vielmehr Snack- und Schokoladenhersteller. Der Marketingdirektor von Pink Lady mahnt zur Zusammenarbeit. „Die eigentliche Herausforderung heute lautet, den Obstkonsum insgesamt zu steigern“, erklärt er.
Junge Menschen nimmt man in der Marketingabteilung von Pink Lady dabei besonders in den Fokus. Man wolle das Apfelessen zu einem „coolen“, genussvollen Erlebnis machen, sagt Modica-Amore. Es sei unbestreitbar, dass man das aktuell in aller Regel eher mit anderen (Süd)Früchten assoziiert, wenn überhaupt mit Obst. Der durchschnittliche Apfelkonsumenten ist laut Pink-Lady-Verband zwischen 50 und 60 Jahre alt. Modica-Amore ist überzeugt, dass sich das Image ändern ließe und davon die ganze Branche profitierte. Speziell bei Äpfeln zeigten Marktforschungen, dass Verbraucher ein Interesse an anderen Sorten entwickelten, wenn sie einmal zu einer Sorte gegriffen hätten.