Pierre Michons neues Buch: Das menschliche Leben, traurig und schön

Pierre Michons schmales, aber ungemein wichtiges Werk steht im Zeichen des Christentums – zum Glauben selbst hat der französische Schriftsteller jedoch ein heikles Verhältnis. Sicher, seit dem Erstling „Leben der kleinen Toten“ (so übersetzte Anne Weber die „Vies minuscules“ von 1984) arbeitet er mit der Heiligen­legende als anpassungsfähiger Form. Auch die Verwandlung des Einfachen in Erhabenes, des Irdischen in Transzendentes lässt Michon fortan nicht mehr los. Schon der Titel „Wintermythologien“ markiert jedoch Distanz, da er Heiligenviten zu heidnischen Sagen erklärt.

„Drei Wunder in Irland“, der erste Teil, bestätigt den Eindruck: Er erzählt die frühchristlichen Legenden von Brigid, Columbkill und Suibhne neu; die dritte hatte schon Flann O’Briens Roman „In Schwimmen-zwei-Vögel“ (1939) grandios revitalisiert. Die drei Prosaminiaturen stecken das Feld ab, untersuchen jene transgressiven Beimischungen des Heiligen, die den Band insgesamt prägen: Brigid sucht nach Gott, weil sie der inzestuösen Anziehung zum Vater entkommen will; Columbkills fanatische Begeisterung für einen Psalter treiben ihn zu Mord und Totschlag; Suibhne wird über seine Kriegstaten wahnsinnig und zum „Waldclochard“, der singend-verstrubbelt in den Bäumen lebt.

Wie Heiligenlegenden entstehen

Gewalt des Wortes und der Tat, Lust, Wahn – diese Elemente gehen bei Michon alchemistische Verbindungen mit dem Glauben ein. Sein Vorgehen changiert zwischen Magie und Wissenschaft und ist dabei spürbar von Gustave Flaubert inspiriert. Der verteidigt die Religion gegen die Aufklärung, sieht sie als „das natürlichste und poetischste Gefühl der Menschheit“ und ergänzt: „Ich ent­decke darin Notwendigkeit und Instinkt; daher respektiere ich den Neger, der seinen Fetisch küsst, ebenso sehr wie den Katholiken zu Füßen des Herz Jesu.“ Dieses anthropologisch-literarische Interesse, 1857 in einem Brief provokant pointiert, setzen Flauberts „Drei Geschichten“ um.

Michon folgt Flaubert, wie auch der zweite Teil „Neun Wanderungen über die Causses“ zeigt. Die neun Kurzerzählungen spielen auf den Kalkplateaus des südlichen Zentralmassivs und spannen zeitlich den Bogen vom vierten ins zwanzig­ste Jahrhundert. Dennoch entstehen dichte Verbindungen, denn Michon setzt das Kloster der heiligen Enimia, die durch Quellwasser von der Lepra geheilt wurde, ins geographische und thematische Zentrum. Er beginnt mit einem Anthropologen des neunzehnten Jahrhunderts und dessen Knochenfunden, geht zum ersten Einsiedler Saint Hilère zurück und durchläuft dann die Jahrhunderte. Spannend sind die Texte nicht zuletzt deshalb, weil sie Heiligenlegenden im Entstehen zeigen: In der Geschichte „Simon“ greift der gleichnamige Bruder, „der lesen kann und die erhabene Sprache meisterhaft beherrscht“, die vorher bereits erzählte Geschichte „Enimia“ auf. Im Auftrag seines Abtes verwandelt Simon sie so, dass aus einer fernen Adeligen, die nur Pfründe einstreicht, eine örtliche Heilige, eben „Santa Enimia“, wird. Er betreibt eiskalte Erinnerungspolitik: Die örtlichen Barone sollen vom Recht des Klosters überzeugt werden.

Diese Epoche liebt die Knochen

Spätestens angesichts dieser unbarmherzigen Genealogie im Geiste Friedrich Nietzsches fragt sich dann doch, wie Michon es mit der religiösen Erfahrung hält. Alles Hokuspokus? Sein Übersetzer Wolfgang Matz bemerkt im klugen Nachwort – es handelt sich um die Preisrede, die Matz auf Michon zum Petrarca-Preis 2010 gehalten hat –, die Texte seien „vollkommen unzeitgemäß schon durch Michons jeden postmodernen Ironiezwang ignorierendes Pathos“. Matz hat weitgehend recht: Michon ist ein emphatischer Autor, postmodern-verspielt sind seine Texte nicht. Dennoch: Ironie kann man ihnen nicht absprechen. Michon bemerkt schon einmal lapidar „Egal“ oder schießt Sätze raus wie: „Diese Epoche, das ist bekannt, liebt die Knochen“, und zwar „Knochen, die man mit einem Text bekleiden kann“. So nonchalant kann man Reliquienverehrung resümieren.

Das Paradoxe ist, dass diese Ironie emotionale Wucht nicht ausbremst: Michon beerbt die erfolgreichen geistlichen Wortschmiede, die er schildert. In „Bertran“ setzt er die Forderung des Bischofs an den Schreiber selbst um: „Was du schreiben wirst, muss absolut sein wie die Kraft Gottes, klar wie das Wasser von Burle und sichtbar wie ein Baum oder ein Teller Linsen.“ Die sinnliche Unmittelbarkeit wird teuer erkauft: „Die Wahrheit, die du ins Herz deiner Lüge legst, sie allein erteilt dir einst die Absolution.“ Diese komplexe Mischung aus Wahrheit und Lüge aber ist der Kern der Literatur.

Die Fischerin mit den Marmorfüßen

Ein weiteres, ähnlich packendes Gleichnis findet sich in der letzten der „Wintermythologien“, die Édouard Martel, dem Begründer der Speläologie, gewidmet ist: Der ehemalige Gerichtsschreiber erforscht 1927 eine gigantische Karsthöhle. Sein Pionierwerk ist erst in dem Moment wirklich abgeschlossen, als es ihm gelingt, die Naturwunder mit einprägsamen Worten zu bezeichnen: „Nein, da sind nicht nur bleiche, nutzlose, spitze Steine im Dunkel, es sind Gegenstände, die einen Sinn haben und einen Namen im Mund der Menschen.“ Ähnlich benennt Michon die Dinge, die sein Schreiben der Dunkelheit der Geschichte entreißt.

Pierre Michon: „Wintermythologien“.Verlag

Zum Glück endet der Band hier nicht: Er enthält noch „Äbte“, im französischen Original 2002 erschienen, fünf Jahre nach den „Wintermythologien“. Michon publiziert wenige, sehr schmale Bücher: Das und die thematische Nähe rechtfertigen die Zusammenlegung. „Äbte“ erzählt drei Geschichten aus der mittelalter­lichen Vendée. Ebalus baut die Benediktiner-Abtei Saint-Michel-en-l’Herm auf, schläft dabei mit einer jungen Fischerin mit „Marmorfüßen“ und zeugt ein Kind. Emma, die Frau von Wilhelm Eisenarm, begründet in der Nähe ein zweites Kloster, das der Konvertit Theodelin aufbaut; es scheint ihr wie Ebalus zum Ruhm zu gereichen – bis sie sich an einer Rivalin grausam rächt. Hugo schließlich gewinnt dank eines gestohlenen Zahns aus dem Schädel Johannes des Täufers eine Rednergabe, die ihn jedoch wieder verlässt, als sich herausstellt, dass die Reliquie unecht ist. Das Interesse am Jenseits hat neuerlich eine eminent irdische Seite, es geht um fehlgelesene Zeichen und falsche Reliquien, um „Ruhm und Fleisch“.

Was Michon am Glauben wirklich packt, ist, dass er ständig mit widerspen­stiger Materie zu kämpfen hat. Der Sinn kommt und geht, wie er will, wie jene Himmelsfarbe, der Columbkill hinterherjagt: „Er sitzt auf der kahlen Insel Iona, frei und am unterm Himmel, und manchmal ist der blau.“ Unentwegt sperren sich die Dinge, wie im Sumpfland um die Abtei Saint-Michel: „Deshalb ist es weder das richtige Meer noch der freie Fluss, was Ebalus vor Augen hat, sondern etwas Verdrehtes und Gemischtes: tausend ­Arme Süßwasser, ebenso viel Salzwasser, ebenso viel Wasser, das weder süß ist noch salzig, umschlingen tausend Flecken von blauem bloßen Schlick, rosa und grauem bloßen Schlick, rotbraunem Schlick, wertlosem Sand, und dort geht der Teufel, also nichts, seinen Trott.“ Ebalus versucht, Land und Wasser zu trennen, wie der Herr an Tag zwei der Schöpfung; obwohl fruchtbare Ländereien entstehen, lassen sich Himmel und Hölle nicht unterscheiden, siegen die „gemischten Dinge“. Es wundert nicht, dass der lüstern-heilige König David zu den vielen Querverbindungen des Bandes gehört.

Michon beerbt also Kleriker, Höhlenforscher, Anthropologen. Er wirft große Themen auf, fragt, was Glaube, Sinn und Ruhm seien. Er tut das handfest, mittels konkreter Motive wie Linsen, Haare, Wasser, Knochen, in knappen, komprimierten Essenzialsätzen, von Matz knorrig-elegant übertragen. Man liest es und liest es wieder: Wie bei Flaubert ent­hüllen sich immer neue Schichten. Man lacht, trauert, sieht Größe und Misere des menschlichen Lebens; hinterher meint man, es ein bisschen besser verstanden zu haben. Was soll man sagen? Pierre ­Michon schreibt halt große Literatur.

Pierre Michon: „Wintermythologien“.
Aus dem Französischen und Nachwort von Wolfgang Matz. Wallstein Verlag, Göttingen 2026. 134 S., geb., 22,– €.

Source: faz.net