Philosophin Maria-Sibylle Lotter: „Opfer bekommen mehr Aufmerksamkeit wie früher“

Frau Lotter, neigen wir heute vorschnell dazu, uns selbst und andere als Opfer zu sehen?

Opfer bekommen mehr Aufmerksamkeit als früher, was ja eine gute Sache ist. Sie werden aber auch viel schneller mit einem neuen Bild des Opfers als passiven, hilflosen und psychisch beschädigten Wesens identifiziert. Das hat mit einem Wandel des Menschenbilds zu tun: Das autonome, selbstverantwortliche Subjekt tritt in den letzten Jahrzehnten zunehmend hinter der Leitidee der Verletzlichkeit zurück.

Woran konkret machen Sie diesen Paradigmenwandel fest?

Einerseits haben sich die psychischen Krankheitsbilder wie etwa „Depression“ seit den Achtzigerjahren ständig erweitert, sodass der Eindruck entsteht, dass psychische Krankheiten zunehmen und die Menschen psychisch immer fragiler werden. Gleichzeitig hat der Traumabegriff die populäre Kunst und das Alltagsleben erobert – und prägt inzwischen sogar die Weise, wie wir die Geschichte wahrnehmen. Und auch moralische Begriffe im Zusammenhang von Verletzungen wie „Gewalt“, „Mobbing“, „Rassismus“ und viele andere haben sich rasant ausgedehnt. Vor ein paar Jahren hat der australische Soziologe Nick Haslam dazu eine Studie vorgelegt. Demnach ist die Kurve der Erweiterung von Begriffen der Verletzlichkeit besonders in den Neunzigerjahren steil nach oben gegangen.

Wie schlägt sich die Leitidee der Verletzlichkeit in Ihrem Alltag nieder?

Mein Alltag spielt sich ja weitgehend an der Universität ab – wo Plakate und Flyer zunehmen, die auf Sicherheitsbedrohungen besonders für Frauen hinweisen; dazu wird auch ausdrücklich rein Verbales gerechnet. Natürlich ist es wichtig, auf Gefahren hinzuweisen und sich zu überlegen, wie man mit Bedrohungen umgeht. Gleichzeitig hat das aber auch die Wirkung, dass die soziale Welt als eine Bedrohung wahrgenommen wird – zumal Frauen nicht als wehrhafte Personen, sondern als verletzliche Wesen angesprochen werden.

Maria-Sibylla Lotter lehrt Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum.Laif/Anna Ziegler

Aber Verletzlichkeit schließt Wehrhaftigkeit doch nicht aus. Denken Sie nur an MeToo.

Ich glaube nicht, dass sich die Emanzipationsbewegungen ins Gegenteil verkehrt haben. Auch die Betonung von Verletzlichkeit kann Selbstermächtigung fördern. Entscheidend ist jedoch, wie sie eingesetzt wird. Als in den Siebzigerjahren Frauen in den sogenannten Speak Outs erstmals öffentlich über sexuelle Gewalt sprachen, wurde die eigene Vulnerabilität betont, um sich von Scham und Stigma zu befreien und die Öffentlichkeit zu zwingen, sich mit den Gewaltverhältnissen auseinanderzusetzen. In dieser Tradition steht auch MeToo.

Sehen Sie den Fall Gisèle Pelicot auch in dieser Tradition?

Gisèle Pelicot hat sehr eindrucksvoll gezeigt, dass sich ein Opfer nicht mit der eigenen Verwundbarkeit identifizieren muss, sei die Gewalterfahrung auch noch so extrem und exzessiv. Pelicot ist im Prozess gegen ihre Vergewaltiger mit außerordentlicher Würde aufgetreten. Die moralische Bewunderung, die ihr deswegen entgegengebracht wurde, gilt ihr als selbstbestimmter Person und ist nicht zu verwechseln mit der Verehrung des passiven Opfers, die wir heute auch oft erleben und die ein hochproblematisches Identifikationsangebot darstellt.

Wie kam es dazu, dass die Idee der Vulnerabilität zum Paradigma einer, wie Sie schreiben, „neuen Therapiekultur“ werden konnte?

Mir erscheint diese Entwicklung als ungeplante Folge von ganz unterschiedlichen Prozessen, die sich wechselseitig verstärkt und verändert haben. Dazu gehören etwa die Emanzipationsbewegungen der Sechziger- und Siebzigerjahre, die Entwicklungen in der Psychiatrie, die durch die Situation der Veteranen nach dem Vietnamkrieg ausgelöst wurden. Von großer Bedeutung ist auch die Rezeption des Holocausts seit den späten Achtzigerjahren, die Auseinandersetzung mit den Zeugnissen der Überlebenden und die Entwicklung eines speziellen Bildes von Holocaustüberlebenden als „totalen Opfern“, das dann auf andere Opfer übertragen wurde. Im Zentrum dieses normativen und mentalitätsgeschichtlichen Wandels steht der Traumabegriff, der eine Synthese mit dem Opferbegriff einging und moralisch aufgeladen wurde. Er übt seine kulturelle Dominanz weniger in seiner ursprünglichen medizinischen Bedeutung, sondern eher in der Gestalt einer Laientheorie des Traumas aus.

Wie ging diese Ausweitung des Traumabegriffs vonstatten?

Das Phänomen eines Traumas, das mit panikartigen Flashbacks und anderen typischen Symptomen einhergeht und auf ein äußeres Ereignis zurückführbar ist, wurde schon vor 1900 nach Eisenbahnunglücken beobachtet. Da aber immer nur eine kleine Gruppe von Menschen solche Symptome aufwies, führte man sie auf eine spezielle Charakterdisposition zurück – eine Neurose, eine Charakterschwäche oder schlicht Drückebergerei. Das änderte sich erst durch die Arbeit von Psychiatern mit Veteranen des Vietnamkriegs in den USA. Sie setzten sich in den späten Siebzigerjahren dafür ein, dass die psychischen Folgeerscheinungen eindeutig als Kriegsschäden anerkannt wurden. Es ging nicht nur um Behandlungsmöglichkeiten, sondern auch um soziale Anerkennung und Rentenansprüche.

Und so entstand ein neues Krankheitsbild, das dann gesamtgesellschaftlich einflussreich wurde?

Maria-Sibylla Lotter: „Opfer“. Über Verwundbarkeit als SelstbildHanser

Um 1980 wurde die „posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) als offizielles Krankheitsbild eingeführt. Damit etablierte sich auch ein neues Verständnis von der grundsätzlichen Vulnerabilität des Menschen. Man ging nun davon aus, dass die PTBS durch ein Ereignis verursacht wird, das nahezu niemand verkraften kann. Das hat sich zwar wissenschaftlich nicht bestätigt, aber daran knüpft die Laientheorie an, dass Traumata quasi die automatische Folge schrecklicher Erfahrungen sind, etwa bei KZ-Überlebenden.

Sie kritisieren im Buch die moralische Überhöhung der Holocaustüberlebenden zum „totalen Opfer“. Wollen Sie damit behaupten, dass es den KZ-Überlebenden so furchtbar schlecht nun auch wieder nicht gegangen sei? Finden Sie das nicht problematisch?

Ich möchte keineswegs das unermessliche Leid der KZ-Insassen bestreiten. Meine Kritik richtet sich gegen die Tendenz, Menschen, die Schreckliches erlebt haben, auf ihren Opferstatus zu reduzieren und ihnen gerade daraus moralische Autorität zuzuschreiben. Problematisch ist nicht die Anerkennung des Leidens, sondern seine moralische Überhöhung, da sie die Betroffenen auf eine eindimensionale Rolle festlegt. Mich hat interessiert, wie sich dieses Deutungsmuster etabliert hat. Dabei spielt offenbar ein dekonstruktivistischer Zweig der Literaturwissenschaften eine wichtige Rolle. Im Buch befasse ich mich mit einer Arbeit der Literaturwissenschaftlerin Shoshana Felman, die um die Jahrtausendwende die Zeugnisse von Holocaustüberlebenden im Eichmann-Prozess von 1961 identitätspolitisch rekonstruiert hat. Sie interpretierte diese Aussagen als einen Vorgang der kollektiven Heilung dieser „totalen Opfer“ von Sprachlosigkeit, traumatischem Gedächtnisverlust und dissoziativer Ohnmacht. Dieses Bild des totalen Opfers ist jedoch eine dekonstruktivistische Fiktion – in Wirklichkeit konnten sich gerade die traumatisierten Holocaustüberlebenden sehr genau an die Grausamkeiten erinnern, die ihnen angetan wurden.

Wurde Felmans Arbeit kritisiert?

Die fehlende empirische Fundierung der literaturwissenschaftlichen Traumatheorie, wie nicht nur Felman sie vertrat, wurde in der empirischen Psychologie durchaus kritisiert, aber das hat ihren Erfolg in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht geschmälert, noch hat es die ständige Erweiterung des Traumabegriffs verhindert. Er wird inzwischen so inflationär gebraucht, dass er semantisch völlig entleert ist. Die Laientheorie des Traumas hat dazu geführt, dass „Personen mit einer traumatischen Vorgeschichte“ heute vor Romanen oder Serien gewarnt werden, die „retraumatisierende“ Szenen enthalten. Diese sogenannten Triggerwarnungen sind eher schädlich.

Inwiefern können Triggerwarnungen denn schaden? Die verhindern doch höchstens, dass eine traumatisierte oder meinetwegen „nur“ sensible Person sich die Serie mit dem potentiell belastenden Inhalt ansieht.

Wer wirklich an einer PTBS leidet, könnte auch durch alle möglichen Reize wie einen Geruch oder ein scheinbar harmloses Wort getriggert werden. Psychologen würden einer solchen Person andererseits aber auch nicht zu Vermeidungsverhalten raten. Der Nutzen für wirklich Traumatisierte ist also nicht erkennbar. Gleichzeitig werden alle durch Triggerwarnungen darauf hingewiesen, dass ein Film oder ein Buch gefährlich sein könnte – und fühlen sich dann vielleicht tatsächlich verletzt. Das ist der psychologische Nocebo-Effekt, der genauso effektiv ist wie der Placebo-Effekt. Auch für das Verständnis von Kunst können solche Hinweise schädlich sein, weil man dann die betreffenden Szenen nicht mehr in ihrer Funktion für das künstlerische Ganze wahrnimmt, sondern herausgelöst als Gewalt- oder Sexszene.

Sie lehren an einer Universität, also an einem Ort, der auch ein Labor für theoretische Experimente ist, wo junge Menschen sich ausprobieren. Besteht da nicht die Gefahr, dass eine perspektivische Verzerrung in Ihre Diagnose der „Therapiekultur“ hineinkommt? Womöglich ist das gesamtgesellschaftlich gar nicht so stark ausgeprägt.

Meine Perspektive ist sicher nicht repräsentativ für die Mehrheit der Menschen. Aber der Einfluss akademischer Entwicklungen auf die Gesamtgesellschaft ist beträchtlich, weil ja alle Personen, die dann an der Schule lehren, in den Medien oder in der Politik tätig sind, dort ausgebildet werden. Und auch wenn der geisteswissenschaftliche Normenwandel vielleicht nur sehr begrenzt bei, sagen wir, einer Gruppe von Handwerkern in Görlitz ankommt, geht die Ausweitung der psychiatrischen Kategorien an den wenigsten vorbei. Wenn eine Person heutzutage nach einem Schicksalsschlag, nach dem Ende einer Partnerschaft oder dem Tod des Elternteils, tieftraurig ist und erst mal nicht mehr richtig im Alltag funktioniert, dann kann bei ihr sehr schnell eine Depression diagnostiziert werden.

Sie zitieren den Philosophen Nicolai Hartmann: „Jeder Wert hat – wenn er einmal Macht gewonnen hat über eine Person – die Tendenz, sich zum alleinigen Tyrannen aufzuwerfen, und zwar auf Kosten anderer Werte.“ Das gilt dann auch für den klassisch liberalen Wert der Autonomie, den Sie in Ihrem Buch hochhalten?

Ich möchte auf keinen Fall für eine Tyrannei des Werts der Autonomie und Selbstverantwortung werben. Fraglos ist die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten ebenso wie die Entstigmatisierung von Opfern sexueller Gewalt eine positive Entwicklung. Auch die Akzeptanz von Verletzlichkeit bei sich selbst und anderen ist wichtig, ebenso wie eine gewisse Freude an der Selbstverantwortung.

Wir leben im Jahr vier nach Ausrufung der „Zeitenwende“. Hierzulande wird über Militarisierung und Wehrhaftigkeit diskutiert. Ist das Vulnerabilitätsparadigma nicht ohnehin längst auf dem Rückzug? Wird die Gesellschaft gerade nicht wieder deutlich robuster?

Ja, das ist eine offene Frage. Russlands Überfall auf die Ukraine und die kaum noch berechenbare Machtpolitik der USA machen in der Tat eine neue politische Robustheit erforderlich. Aber die intellektuelle Einsicht in das, was nötig wäre, muss erst emotional umgesetzt werden. Einen wirklichen Paradigmenwechsel, der dazu führte, dass Selbstverantwortung heute für die meisten wieder eine wirklich attraktive Vorstellung ist, sehe ich noch nicht.

Source: faz.net