Philosophie | Sie war Hannah Arendts einzige Doktorandin: Was lernen wir von Elisabeth Young-Bruehl?

Hannah Arendt inspiriert inzwischen Generationen von Philosophen und prägt für viele das Bild dessen, was das überhaupt ist: eine Philosophin. Aber obwohl sie die letzten 15 Jahre ihres Lebens an verschiedenen Universitäten an der amerikanischen Ostküste lehrte – zuletzt und am längsten an der New School in New York –, hatte Arendt doch im engeren Sinne nur eine einzige Schülerin. Niemand außer Elisabeth Young-Bruehl hat je bei ihr promoviert.

Dieses Betreuungsverhältnis darf man sich weder nach den Maßstäben der anonymen Massenuni noch nach denen serviceorientierter Eliteinstitutionen vorstellen, sondern folgendermaßen: Nachdem Young-Bruehl ein Jahr als Doktorandin eingeschrieben war, trafen sich die beiden zur ersten Besprechung. Arendt lud zum Abendessen in ein gediegenes Restaurant. Erst beim Nachtisch fragte sie nach dem Stand der Dinge.

Elisabeth Young-Bruehl referierte ihre Idee, den zoroastrischen Einflüssen auf die antike Philosophie nachzugehen und damit die Trennung von abendländischem Denken und östlichen Traditionen infrage zu stellen. Arendt sprach daraufhin folgendes Machtwort: „Das wäre revolutionär, wenn es stimmte, meine Liebe. Aber es stimmt nicht.“

So jedenfalls hat Elisabeth die Geschichte unzählige Male wiedergegeben. Sie schien auch ganz versöhnt damit, letztendlich mit einer Überblicksdarstellung zum Werk von Arendts Lehrer Karl Jaspers promoviert zu haben, was Arendt für eine sinnvollere Idee hielt. Sehr viel mehr Geschichten habe ich nicht, weil ich mir zu Beginn unserer Freundschaft gelobte, Elisabeth nicht als Medium zu ihrer Doktormutter anzusehen.

Young-Bruehl schrieb eine monumentale Biografie über Anna Freud

Vielleicht widerstrebte mir auch in dieser ersten Geschichte schon etwas. Und ich dachte, für weitere wäre im Zweifel ja später noch Zeit. Nach Elisabeths jähem Tod am 1. Dezember 2011 erschien mir das vorübergehend als Fehler. Aber die Geschichten sind vielleicht nicht die aufschlussreichste Weise, in der Elisabeth etwas über Arendt zu vermitteln vermochte. Und Arendt nicht das Wichtigste, was Elisabeth zu vermitteln hatte.

Natürlich ist Young-Bruehl genau dafür, als unübertroffene Geschichtenerzählerin über ihre übergroße Lehrerin, in Deutschland bekannt. Ein Jahr nach Young-Bruehls Promotion, 1975, starb Arendt überraschend an einem Herzinfarkt. Arendts Nachlassverwalterin Lotte Köhler überzeugte Elisabeth, die erste Arendt-Biografie zu verfassen. Das Buch erschien 1982 und machte Young-Bruehl schlagartig bekannt.

Young-Bruehl schrieb im Anschluss eine weitere monumentale Biografie über Anna Freud. Dass sie sich im Zuge der Arbeit über Arendt ein geschichtliches Panorama des 20. Jahrhunderts und als Hintergrund zu Anna Freuds Werk die gesamte Geschichte der Psychoanalyse angeeignet hatte, war einer der Aspekte, die jedes Gespräch mit Elisabeth verblüffend aufschlussreich machten.

Ihr zufolge gibt es zwei Grundtriebe

Aber es gab da noch eine andere Dimension, die der Identifikation. Nicht, dass Elisabeth sich mit ihren Vorbildern verwechselt hätte. Mir erschien die Abgrenzung sogar manchmal zu kategorisch. „Ich habe früh verstanden, dass Hannah Arendt ein Genie war und ich nicht. Das hat mich vor vielen Dummheiten bewahrt.“

Aber Elisabeth pflegte einen Denkstil, den Arendt zum Kennzeichen guten Urteilens erhoben hatte: ein Sprechen in Anwesenheit anderer – und zwar auch solcher, die nicht da sind. In einem besonders eindrücklichen Aufsatz geht Young-Bruehl der Frage nach, ob weibliche Philosoph:innen anders dächten als die Männer.

Die Antwort lautet „Nein! Aber“: Da es in patriarchalen Gesellschaften so ungleich schwerer ist, sich aus der femininen Position heraus in die Höhen der Abstraktion vorzukämpfen, würden Philosophinnen ihre eigenen Lehrer:innen, also jene, die sie gegen den Strom ermutigt hätten, sehr viel deutlicher erinnern. Ihr Denken hielte fortgesetzt Kontakt mit diesen Stimmen, sei dialogischer und perspektivreicher. Bessere Philosophie, im Grunde.

In Young-Bruehls gesamtem an die Biografien anschließenden Werk steht das Thema der Identifikation im Mittelpunkt. Sie vertrat einen objekt-theoretischen, also auf Beziehungen fokussierten Ansatz in der Psychoanalyse und schloss an die frühe, von Freud selbst verworfene Triebtheorie an. Ihr zufolge gibt es zwei Grundtriebe, die beide libidinös, also Lebenstriebe sind: ein Begehren nach Lust, der Trieb des Es. Und einen Trieb des Ego, das wachsen will und sich identifikatorisch auf Objekte bezieht.

Was macht Menschen für den Faschismus anfällig?

Um Identifikation, oder vielleicht besser Fehl-Identifikation, geht es Young-Bruehl zufolge aber auch in den finstersten Tendenzen sozialen Zusammenlebens. Ihre 1996 erschienene, preisgekrönte Studie The Anatomy of Prejudice aktualisierte, was die Frankfurter Schule die „Theorie des autoritären Charakters“ nennt. Es geht um die Frage, welche inneren Regungen Menschen für den Faschismus anfällig machen.

Laut Young-Bruehl sind es „Lustideologien“, die darauf beruhen, eigene, gefürchtete Impulse mit aller Macht auf andere Gruppen zu projizieren und seinen leidenschaftlichen Hass dann in dämonisierenden Narrativen zu rechtfertigen. Die „Anatomie des Vorurteils“ ist gewissermaßen der umgekehrte Weg des gesunden Wachstums. Anstatt dasjenige außer einem selbst, das man bewundert, in das Innenleben aufzunehmen, wird das, was einen zu sehr herausfordert, abgespalten und verfolgt. Dagegen hilft vor allem eins: weiterwachsen. Hoffentlich mit guten Lehrerinnen.

Eva von Redecker ist Autorin und Philosophin. Als sie 22-jährig überlegte, ihr Studium abzubrechen, traf sie Elisabeth Young-Bruehl auf einer Konferenz und besann sich eines Besseren. Aus der ersten Begegnung entwickelte sich ein reger Austausch. Auch Eva von Redeckers Faschismustheorie Dieser Drang nach Härte, die am 11. März im S.Fischer Verlag erscheint, schließt an Young-Bruehls Werk an

AndersAnnaAntikeArbeitArendtBeziehungenBildBiografienBuchDeutschlandElisabethEvaFaschismusFischerFreudFreundschaftGenerationenGeschichteHannahHintergrundKarlKöhlerLehrerLernenLiebeLustMANMännerPhilosophiePsychoanalyseSSchuleSelbstStromStudiumTodUniversitätenWeilWeiseWillZeit
Comments (0)
Add Comment