Eine neue Lust an der politischen Debatte scheint sich im Internet breitzumachen. Um Überzeugungsarbeit geht es dabei indes nicht, sondern um Clips, in denen der Gegner zur Minna gemacht wird und die viral gehen sollen. „Clipfarming“ nennt sich das. Ein Meister dieses Fachs war der Anfang September ermordete Charlie Kirk, andere eifern ihm jetzt nach.
Kirk suchte mit Auftritten an US-Unis die Debatte mit politisch Andersdenkenden. Sein Erfolg stützte sich darauf, dass er sich mit geschickt geschnittenen, sekundenkurzen Ausschnitten dieser „Debatten“ als Gewinner feiern ließ, der seine woken Gegner erledigte. Die Überschriften der von seiner Organisation Turning Point USA veröffentlichten Kurzvideos lesen sich entsprechend: „Charlie Kirk bringt woke Akademikerin aus der Fassung“, „Charlie Kirk zerstört den Mythos vom weißen Privileg“, „Charlie Kirk vernichtet Lib, der ein Mitglied der MS13-Gang verteidigt“ (Lib ist das Kürzel für linksliberal gesinnte Menschen).
Stets schwingt Häme mit, die Zuschauer sollen sich bestätigt, überlegen, amüsiert fühlen angesichts der vermeintlichen Inkompetenz der Andersdenkenden. Das funktioniert auch auf der anderen Seite. „Charlie Kirk von Student gedemütigt“, ist ein Video des „Majority Report“ des Podcasters Sam Seder überschrieben, der mit Kollegen im Studio in schrillen Jubel ausbricht, als Kirk in einem Disput über Geschlechterrollen ins Stottern kommt.
Leute, die meinen, die Erde sei eine Scheibe gegen Wissenschaftler
Solche „Debatten“ sind in den sozialen Netzwerken groß im Kommen. Der Youtube-Kanal „Jubilee“ mit 10,5 Millionen Abonnenten gründet darauf seinen Erfolg. In dem Format „Surrounded“ nehmen es 20 oder 25 Vertreter einer bestimmten Haltung mit einem einzigen, oft prominenten Vertreter der gegenteiligen Position auf; Kirk selbst war im vergangenen Jahr der Star von „Charlie Kirk gegen 25 woke Studenten“. Vor wenigen Monaten trat die Verschwörungstheoretikern Candace Owens gegen „20 Feministinnen“ an. Jubilee lässt Leute, die meinen, die Erde sei eine Scheibe, gegen Wissenschaftler antreten, Abtreibungsgegner gegen -befürworter, Journalisten gegen Verschwörungsrauner. Jason Lee, Gründer von Jubilee Media, will angeblich Brücken über politische Gräben schlagen, um das „Disney der Empathie“ zu bauen.
In Wahrheit geht es um eine Gladiatoren-Show. Der konservative Podcaster Michael Knowles veranstaltet seit Kurzem auf Youtube eine Sendung namens „Bar Fight“, bei der er sich vor johlendem Kneipenpublikum mit Progressiven streitet. „Das hat richtig Spaß gemacht“, schrieb ein Kommentator, „so sollten Debatten sein“. Bei Jubilees „Surrounded“ müssen die im Kreis um den „Protagonisten“ sitzenden „Gegner“ um die Wette sprinten, um den Debattenplatz zu ergattern; halten die anderen „Gegner“ genügend rote Flaggen hoch, muss der Platz einem anderen überlassen werden. Die Shows leben von Dauererregung.
So befand der rechtsradikale Fitness-Influencer Myron Gaines, dass die Dicken, die ihm gegenübersaßen, in ein Fitness-„Konzentrationslager“ gehörten. Bei Jubilee werde intern schon über eine „Debatte“ zwischen Holocaustüberlebenden und Holocaustleugnern diskutiert, berichtet der „Atlantic“. Es sei einer Gesellschaft nicht zuträglich, „irgendeine Gelegenheit zum Diskurs zurückzuweisen“, zitierte das Magazin den früheren Jubilee-Manager John Regalado. Jubilee-Chef Lee immerhin ist dagegen. Vielleicht auch, weil er sich die Chancen nicht verderben will, Gastgeber der Präsidentschaftskandidaten-Debatten 2028 zu sein, worauf er hofft.
Die politische Linke versucht, Fuß zu fassen
Derweil sucht auch die politische Linke in dem Format Fuß zu fassen. Steven Bonnell etwa livestreamt unter dem Namen „Destiny“ vor 850.000 Followern seine Auseinandersetzungen mit MAGA-Anhängern. Der Youtuber Adam Mockler, der 1,7 Millionen Follower verzeichnet, postet Videos, in denen er sich mit Konservativen verbal duelliert; zuletzt sah man ihn mehrfach als Studiogast bei CNN. Wer bei Youtube den Hashtag #debate eingibt, bekommt eine ganze Auswahl von Videos angeboten, die mit Fotos von Menschen mit wütenden Gesichtern, erhobenen Zeigefingern und plakativen Überschriften locken.
Auch Bonnell und Mockler formulieren ihre Videoüberschriften kämpferisch: „MAGA-Influencer fordert Destiny zur Debatte heraus und demütigt sich selbst“, oder: „Ich habe Trumps Freunde sprachlos gemacht“. Gleichwohl sind viele dieser Debattierer gut informiert und rhetorisch gewitzt; die plakativen Überschriften gehörten im Konkurrenzkampf eben dazu, meinen manche Beobachter.
Optimisten mögen sich angesichts der wachsenden Popularität politischer Auseinandersetzungen ermutigt fühlen. Wie die „New York Times“ berichtete, fand eine Umfrage von Priorities USA, einer Organisation der Demokraten, unter 1000 jungen Wählern über ihre Youtube-Gewohnheiten heraus, dass ebenso viele sich Debattenshows anschauten wie Videos über Schönheit und Kosmetik und Finanztipps. Die Befragten gaben an, sie fänden vor allem an der Authentizität des Formats Gefallen.
Das Kulturmagazin „Vulture“ indes urteilt, dass viele dieser Shows „als intellektuelle Übungen zwecklos sein mögen, aber sie sind das perfekte Auffangbecken für die kollektive Schadenfreude und unser Bedürfnis, jemanden unsere bevorzugte Version der Wahrheit artikulieren zu hören.“ Der „Atlantic“ meint, die Shows seien wenig mehr als eine aktualisierte Version der „Jerry Springer Show“, deren Gäste sich im Studio regelmäßig an die Gurgel gingen. Auch Steven Bonnell macht sich wenig Illusionen über die neue Lust am Diskurs. „Die Leute mögen es, andere Leute zu hassen“, sagte er der „New York Times“.
Source: faz.net