Peter Schneider: Marx im Nacken, die Freiheit vor Augen

Bekannt wurde er als Aktivist der Studentenbewegung von 1968, berühmt wurde er mit einer Novelle, die 1973 bei Rotbuch erschien und vom Befremden des Einzelnen an der Bewegung erzählte: In „Lenz“ distanziert sich ein junger Mann, der unter der Trennung von seiner nur als „L.“ vorgestellten Freundin leidet, allmählich von den Idealen und Zielen seiner Umgebung, seit er bemerkt, dass sie ihm etwas abverlangen, das er nicht mehr zu geben bereit ist. Den Moment, in dem diese Entwicklung beginnt, bringt der Erzähler in ein seither viel zitiertes Bild: Lenz wacht morgens in seinem Zimmer unter einem Marx-Porträt auf, schaut dem Philosophen, dem „alten Besserwisser“, in die Augen und fragt ihn, ob er eigentlich „glücklich“ sei.

Die Frage ist naturgemäß weniger an Marx als an Lenz und seinen Autor selbst gerichtet. Sie wirkt jedenfalls in einem Umfeld, in dem das private Glück und das Streben danach oft genug unter Generalverdacht stehen, wie ein Befreiungsschlag. Schneider hat viele Jahre später in einem Fernsehinterview mit der ARD zu seinem 75. Geburtstag über den Prozess, diese Erzählung zu schreiben, Auskunft gegeben: Er habe die ganze Zeit die Blicke seiner Helden, darunter Marx und Rudi Dutschke, in seinem Nacken gespürt, verbunden mit der dezenten Frage, ob er das eigentlich dürfe, so einen individualistischen Text zu verfassen. Die Präzision, die Ruhe, der kühle Blick, die nicht nur die Erzählung, sondern einen wesentlichen Teil des literarischen Gesamtwerks Schneiders auszeichnen, sind auch ein Ausdruck dieser Anspannung zwischen den vorgestellten Erwartungen des bis dahin gewohnten Umfelds und der dringend empfundenen Notwendigkeit, etwas Neues zu wagen.

Lehrer werden? Da ist der Radikalenerlass vor

Neuanfänge war Schneider gewohnt, von Kindheit an. Geboren 1940 in Lübeck als Sohn eines Musikers, verbrachte er seine frühesten Jahre unter anderem in Königsberg und Sachsen. Die Familie lebte danach in Garmisch-Partenkirchen und zog in die Nähe von Freiburg, als Schneider zehn Jahre alt war. Er wuchs mit dem autoritären Vater, der Stiefmutter und drei Geschwistern auf, das Geld war knapp, dafür lernte jedes der Kinder ein Instrument zu spielen, Schneider die Geige. Einer seiner schönsten Romane, der 2019 erschienene „Vivaldi und seine Töchter“, schildert mit großem Sachverstand die Tätigkeit des Komponisten als Lehrer und Chorleiter im barocken Venedig. Schneider schrieb auch Opernlibretti und ein Sachbuch über den jüdischen Musiker Konrad Latte, der die NS-Zeit im Untergrund überlebte.

Schneider, der in Freiburg, München und Berlin unter anderem Germanistik studierte, wollte Lehrer werden, fiel aber unter den Radikalenerlass, wogegen er sich erfolgreich vor Gericht wehrte. Allerdings ebnete ihm der große Erfolg von „Lenz“ die Bahn für die Existenz als freier Schriftsteller. Auch in späteren Texten knüpfte er an die deutsche Lite­raturgeschichte an, etwa im auch von E.T.A. Hoffmann inspirierten Roman „Paarungen“ von 1992, den er sieben Jahre später mit „Eduards Heimkehr“ fortsetzte. Hier wie in seiner Erzählung „Der Mauerspringer“ von 1982 zeigt sich Schneider als ausgesprochen sensibel für die soziologischen Folgen der deutschen Teilung.

Im vergangenen November erschien noch sein Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“, der ein weiteres Mal die Frage danach stellt, wie sich der Einzelne aus der Verstrickung des sozialen Miteinanders befreien kann, das als Zwang und als Notwendigkeit zugleich empfunden wird. Und wieder huscht ein Schatten jener „L.“ aus der früheren Novelle „Lenz“ durch den Roman, in der letzten Silbe des Namens einer vom Erzähler leidenschaftlich und unglücklich geliebten Isabel.

Peter Schneider wurde für sein Schreiben vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Stipendium für die Villa Massimo in Rom und dem Schubart-Literaturpreis. Jetzt ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.

Source: faz.net