Achtung, es geht jetzt auch um Sex. In erster Linie natürlich um die Musikerin Peaches und ihr neues Album „No Lube So Rude“. Aber eben auch um Sex, den eine fast 60-jährige Frau noch haben kann, woran einen Peaches höflich erinnert, sollte man es vergessen haben, weil Frauen jenseits des gebärfähigen Alters immer noch gerne aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Peaches stemmt sich dagegen. Auf „No Lube So Rude“ geht es um tropfnasse Lust, um Blut, Schweiß und Gleitgel, um die Autonomie über den eigenen, alternden, aber immer noch vorhandenen Körper. „My hanging titties, hit like the punch, older than you, looking so cunt“, ruft sie einem auf dem ersten Song entgegen. Sollte man sich gefragt haben, ob Peaches auch ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen ihres Debüts noch über die feministische Wucht verfügt, die sie bekannt machte, so kann man sich schon nach wenigen Sekunden anderen Fragen widmen.
Minimalistischer Elektro-Pop und Sprechgesang
Zum Beispiel, wie es sein kann, dass eine Künstlerin wie sie immer noch provokativ wirkt. Sollten wir nicht längst mit alldem vertraut sein? Mit Frauen, die nicht nur mit Männern schlafen? Körpern, die nicht glattrasiert und flachtrainiert sind, sondern haarig und hängend? Masturbation und weiblichen Orgasmen und Frauen, die vielleicht gar keine sind und sein wollen? Dann singt Peaches, beinahe alt genug für eine Senioren-Bahncard, unbekümmert über Anal- und Oralsex, darüber, ein „horny little fucker“ zu sein, eine Frau mit Kontrolle über all ihre Körperöffnungen – und entlarvt den letzten trockenen Rest Scham in einem. Sie fühle sich wie Sisyphus, der den Felsen den Berg hoch rollt, erzählte Peaches neulich der „taz“ in einem Interview. Feminismus, du nie enden wollende Mission!
Peaches hat der queeren und weiblichen Emanzipation ihr künstlerisches Werk verschrieben. 2000 veröffentlichte die Kanadierin Merrill Nisker ihr erstes Album „The Teaches of Peaches“ unter dem Namen Peaches: Minimalistischer Elektro-Pop und Sprechgesang, darauf auch der Underground-Hit „Fuck the Pain Away“, ihr Schritt in pinker Unterwäsche auf dem Cover. Sie wurde tatsächlich zur Predigerin, bekannt für ihre intensiven Auftritte. Sie hielt sich ihr Mikrofon zwischen die gespreizten Beine und steckte es sich tief in den Mund, robbte auf ihren Knien über die Bühne, bis sie grün und blau waren. Ihre Performances wurden als sexuell aufgeladen und provokativ erlebt.
Später erzählte Nisker, das habe sie überrascht. Machte sie damals doch genau das, was viele männliche Musiker auch taten. Über ihren Körper singen und ihren Körper in Szene setzen. Bei denen war es Rock ’n’ Roll. Und bei ihr? Nur Sex. Sie habe sich missverstanden gefühlt. Denn natürlich war vieles sexuell, doch es war nicht der Akt selbst, der im Mittelpunkt stand, sondern ihre rohe Energie, dass sie der Bühne alles von sich gab. Es ging auch um Schmerz. Den einer Trennung. Und den ganz physischen. 1997 war bei Nisker Krebs diagnostiziert worden, ein Knoten im Hals. Der Krebs war schnell besiegt. Aber Nisker war aufgerüttelt. Was wollte sie mit diesem Leben anfangen? Sie wollte Musik. Sie begann „The Teaches of Peaches“ zu schreiben. Schmerz war der Anfang.
Nisker zog nach Berlin, dort lebt sie heute noch. Auf ihr Debüt folgten vier weitere Alben, sie trugen Namen wie „Fatherfucker“ und „Impeach My Bush“. Ihre Auftritte wurden opulenter, sie selbst stark geschminkt, im Ganzkörper-Fellanzug, dann fast nackt, mit einer überlebensgroßen Vulva auf dem Kopf. Die ästhetischen Standards setzte sie. Einmal behauptete sie, Avril Lavigne, Britney Spears, Christina Aguilera, Pink – sie alle hätten ihr gesagt, Peaches hätte ihnen geholfen, vom Mädchen zur empfindenden Frau zu werden. In jedem Fall riss Peaches die Möglichkeiten des weiblichen Pops weit auf. Spätestens mit Lorde, Billie Eilish und Chapell Roan ist queerer Pop ganz im Mainstream angekommen. Und Peaches hat ihm immer noch etwas hinzuzufügen.
Auf „No Lube So Rude“ ist ihre Stimme ein ewig treibender Motor, reimt sich unaufgeregt durch die Aufreger-Themen, die eigentlich keine mehr sein sollten: „Fuck Kavanaugh, I’m that cougar“ singt sie auf „Fuck How You Wanna Fuck“ über den von Trump ernannten Richter, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden.
„Not In Your Mouth None of Your Business“ ist ein lauter Protestsong. Über Kurz-vor-halb-vier-Techno hinweg schreit Peaches: „You will never take away our pride, orders won’t make us lie down and die“. Auf dem titelgebenden „No Lube So Rude“ fordert sie mehr Gleitgel für alle. „Wenn die Welt voller Reibungen ist, ist Gleitmittel kein Luxus. Es ist eine Notwendigkeit“, sagt Peaches über den Song. Aus Reibung werde Lust und Stolz. Nie nimmt Peaches auf diesem Album einen Umweg, immer schmettert sie einem die Worte geradeaus entgegen. „No Lube So Rude“ klingt in dieser Gegenwart fast so rebellisch, wie „The Teaches of Peaches“ es Anfang der 2000er-Jahre tat. Wie viel Gleitgel braucht die Welt? Verdammt viel.
Source: faz.net