Auf dem Frühlingsempfang der PCK-Raffinerie in Schwedt war die Stimmung gelöst. PCK-Geschäftsführer Ralf Schairer und rund 200 geladene Gäste stießen in der vergangenen Woche auf die unbefristete Ausnahme des PCK-Mehrheitseigentümers Rosneft Deutschland von US-Sanktionen gegen den russischen Ölkonzern Rosneft an. „Das war eine riesige Erleichterung für die gesamte Belegschaft“, sagte Schairer. Die US-Sanktionen gegen Rosneft hatten den Betrieb der Raffinerie noch Anfang März akut bedroht.
Gefeiert wurde in Schwedt auch die Verarbeitung von mehr als zehn Millionen Tonnen Rohöl im vergangenen Jahr. „Eine fantastische Leistung“, sagte Schairer, obwohl die PCK-Raffinerie 2025 abermals unter ihrer Verarbeitungskapazität von gut zwölf Millionen Tonnen geblieben ist. Gemessen an den anderen Jahren seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, in denen kein russisches Öl nach Schwedt geflossen ist, bedeutet die verarbeitete Rohölmenge einen Rekord für die PCK-Raffinerie.
Das Fundament für die zuletzt wieder stabile Auslastung oberhalb von 80 Prozent lieferten die wachsenden Rohölimporte aus Zentralasien. „Die zehn Millionen Tonnen wären nicht möglich gewesen ohne die mehr als zwei Millionen Tonnen aus Kasachstan“, sagte Schairer. Doch die Rohöllieferungen aus Zentralasien über russische Pipelines könnten schon bald ganz ausfallen.
Rosneft Deutschland prüft Alternativen
Wie die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag berichtete, will Russland den Transit von kasachischem Erdöl nach Deutschland schon vom 1. Mai an einstellen. Ein angepasster Exportplan sei an Kasachstan und Deutschland übermittelt worden, hieß es unter Berufung auf drei Insider. Das russische Energieministerium reagierte nach Angaben von Reuters zunächst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, er wisse nichts von entsprechenden Plänen. „Wir werden versuchen, das zu prüfen“, sagte er laut Reuters.
Ein Sprecher von Rosneft Deutschland erklärte am Dienstag, dass das Unternehmen von seinen Partnern in Kasachstan benachrichtigt worden sei, dass es von Mai an Schwierigkeiten mit dem Transport von Öl aus Kasachstan über die Druschba-Pipeline geben solle. „Wir müssen prüfen, wie wir gegebenenfalls Ersatzlieferungen sicherstellen können, damit die PCK weiterhin voll produzieren kann“, sagte er auf Anfrage der F.A.Z. Es sei keine unlösbare Situation für die PCK, betonte der Sprecher.
Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte am Mittwoch, dass Rosneft Deutschland die Bundesnetzagentur darüber informiert habe, dass auf Anweisung des russischen Energieministeriums vom 1. Mai an keine Durchleitung von kasachischem Rohöl durch die Druschba-Pipeline über Territorium der Russischen Föderation hin zur PCK-Raffinerie erfolgen dürfe. „Die Russische Föderation hat das bisher nicht gegenüber der Bundesregierung bestätigt“, sagte eine Sprecherin.
„Erhebliche Auswirkungen“ für PCK-Raffinerie
Die PCK-Raffinerie, an der neben dem Mehrheitsgesellschafter Rosneft Deutschland auch der britische Ölkonzern Shell und der italienische Ölkonzern Eni beteiligt sind, äußerte sich auf Anfrage der F.A.Z. nicht zu den Folgen eines möglichen Ausfalls von Rohöllieferungen aus Kasachstan. „Sollte es tatsächlich dazu kommen, würde das erhebliche Auswirkungen auf die Verarbeitung haben“, sagte der Betriebsratsvorsitzende der PCK Raffinerie, Danny Ruthenburg.
Die Bedeutung des zentralasiatischen Landes als Öllieferant für Deutschland ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine gestiegen. Im vergangenen Jahr kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamts schon mehr als zehn Millionen Tonnen Rohöl oder rund 14 Prozent der deutschen Rohölimporte aus Kasachstan.
Nach Angaben des staatlich kontrollierten kasachischen Pipeline-Betreibers Kaztransoil hat sich die über russische Pipelines nach Deutschland exportierte Rohölmenge im ersten Quartal um 353.000 Tonnen auf 730.000 Tonnen erhöht. Im vergangenen Jahr waren auf diesem Weg laut Kaztransoil 2,1 Millionen Tonnen Rohöl aus Zentralasien nach Deutschland gelangt. Gegenüber 2024 kommt dies einer Steigerung um 44 Prozent gleich.
Geopolitische Risiken in der Lieferkette
Sollte Russland den Transit von kasachischem Öl über russische Pipelines unterbinden, würde dies vor allem die PCK-Raffinerie treffen. Mehr als 60 Jahre lang wurde der Standort über die Druschba-Pipeline vollständig mit Öl aus Russland versorgt. Die Ampelkoalition entschied nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Frühling 2022, von 2023 an auf russisches Pipeline-Öl zu verzichten. Im Herbst 2022 wurden die deutschen Tochtergesellschaften von Rosneft unter Treuhandverwaltung der Bundesnetzagentur gestellt.
Die PCK-Raffinerie, die neben weiten Teilen von Ostdeutschland auch die Bundeshauptstadt Berlin und den Hauptstadtflughafen BER sowie Westpolen mit Kraftstoffen versorgt, setzt mittlerweile mehr als zwei Dutzend Rohölsorten ein, um den Ausfall von russischem Öl zu kompensieren. Der größte Teil der rund zehn Millionen Tonnen Rohöl, die im vergangenen Jahr in Schwedt verarbeitet wurden, erreichte die Raffinerie über eine Pipeline aus dem Hafen in Rostock.
Erst im Herbst hatte Rosneft Deutschland mit seinen kasachischen Partnern vereinbart, dass die Rohöllieferungen nach Schwedt weiter steigen sollen. Dass diese Lieferungen ebenso wie das über Polen angelieferte Rohöl wegen der Durchleitung durch die Druschba-Pipeline mit besonderen Risiken behaftet sind, ist im Geschäftsbericht der PCK-Raffinerie für 2024 nachzulesen. „Insbesondere für die aus Gdansk und Kasachstan gelieferten Rohölmengen bestehen aufgrund der Durchleitung durch andere Staatsterritorien geopolitische Risiken“, heißt es dort.
Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit offen
Welche Auswirkungen der Ausfall von kasachischem Rohöl in der ohnehin angespannten Lage auf dem Kraftstoffmarkt in Deutschland hätte, ist offen. In der Metropolregion Berlin-Brandenburg tanken neun von zehn Fahrzeugen Kraftstoff aus Schwedt. Vor allem mit Blick auf Flugkraftstoff wurden angesichts der Krise im Nahen Osten schon Warnungen vor einem Versorgungsengpass in Europa laut.
Das Bundeswirtschaftsministerium sieht derzeit keinen Grund zur Sorge. „Durch das Ausbleiben der kasachischen Öllieferungen an die PCK-Raffiniere ist die Versorgungssicherheit mit Mineralölprodukten in Deutschland letztlich nicht gefährdet, auch wenn die PCK Schwedt mit einer geringeren Kapazitätsauslastung fahren müsste“, erklärte eine Sprecherin. Rosneft Deutschland sei sich seiner Verantwortung bewusst und werde seine Verpflichtungen einhalten. Gleichzeitig würden vorhandene Spielräume ausgenutzt, um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten.
Eine wichtige Voraussetzung für die reibungslose Versorgung sei es, dass alle europäischen Raffinerien mit maximal möglicher Auslastung betrieben würden, heißt es dazu beim Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der die Mineralölwirtschaft vertritt. In Schwedt wurden im Jahr 2024 laut Angaben im Geschäftsbericht jeweils mehr als drei Millionen Tonnen Diesel und Benzin sowie etwa 300.000 Tonnen Kerosin raffiniert.
Am Hauptstadtflughafen BER, der unter anderem von der PCK-Raffinerie und der Raffinerie von TotalEnergies in Leuna mit Kerosin versorgt wird, verweist man zu Auswirkungen eines möglichen Ausfalls von kasachischem Rohöl auf die Airlines, die Mineralölgesellschaften und den Betreiber der Tanklager am BER.
„Die Flughafengesellschaft ist nicht in die Beschaffung und Verteilung von Kerosin eingebunden“, erklärte eine Sprecherin. Einschätzungen zu Lieferanteilen von bestimmten Raffinerien und zur künftigen Versorgungslage sowie eventuellen Notfallplänen könnten ausschließlich die unmittelbar zuständigen Unternehmen geben.
Deutschlandweit wird in acht Raffinerien Flugkraftstoff hergestellt. Die Produktion im Inland deckte nach Angaben des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie 2024 etwas mehr als die Hälfte des Bedarfs von gut neun Millionen Tonnen Kerosin in Deutschland ab. Weil deutscher Flugkraftstoff 2024 auch exportiert wurde, belief sich der Importanteil am Kerosinverbrauch hierzulande auf knapp zwei Drittel.