Bankrotte Regierungen sollten aus der Finanzgeschichte gelernt haben, dass sie sich besser nicht mit Paul Singer anlegen. Der 81 Jahre alte New Yorker Milliardär hat Kongo-Brazzaville, Peru und Argentinien in die Knie gezwungen und sich mit Südkorea angelegt. Er schreckt vor spektakulären Aktionen nicht zurück, um finanzielle Ansprüche geltend zu machen. Der Investor ließ 2012 ein Schulschiff der argentinischen Marine in Ghana konfiszieren. Singer, ein Großspender der Republikaner und Unterstützer von Donald Trumps Anliegen, könnte einer der Gewinner der US-amerikanischen Intervention in Venezuela werden.
Der ausgebildete Psychologe und Jurist gründete 1977 den Hedgefonds Elliott Management und entwickelte im Laufe der Jahre eine spezielle Form der Geldanlage. Das Unternehmen investiert in Staatsanleihen bankrotter und halb bankrotter Länder. Die Anleihen erwirbt Elliott mit einem heftigen Preisnachlass, weil ihre alten Eigner die Hoffnung haben fahren lassen, dass sie ihre Ansprüche gegen Regierungen in akuter Finanznot durchsetzen können.
Singers Hedgefonds dagegen traut sich das zu. Gewöhnlich versuchen die Elliott-Manager, einen Vergleich mit den Regierungen zu erreichen. Wenn das nicht fruchtet, zieht der an der Harvard Law School ausgebildete Jurist die Regierungen vor Gerichte in der ganzen Welt. Das sind in der Regel hochkomplexe Verfahren, die über mehrere Instanzen und viele Jahre gehen. Singer erreichte dabei spektakuläre Erfolge.
Blutrünstiger Geier oder Kämpfer gegen korrupte Eliten?
Das Paradebeispiel liefert der Fall von Peru. Im Jahr 1995 kaufte Elliott peruanische Bankschulden mit einem Nennwert von 20 Millionen Dollar für elf Millionen Dollar. Sie waren mit Garantien der Regierung besichert. Aus einem Schuldenschnittprogramm, das der damalige amerikanische Finanzminister Nicholas Brady für finanziell angeschlagene lateinamerikanische Länder entworfen hatte, hielt sich Elliott heraus. Nach langwierigen und mühsamen Gerichtsverfahren bekam der Hedgefonds 2000 schließlich 58 Millionen Dollar ausgezahlt.
Damals kam der Begriff „Vulture Fund“ („Geierfonds“) für diese spezielle Anlageklasse auf. Singer wurde zur Zielscheibe von Aktivisten und Politikern, die ihm vorwarfen, arme Länder auszubeuten und ihnen Mittel für Schulen und Krankenhäuser zu entziehen. Auch die Weltbank blickt bis heute kritisch auf die Aktivitäten von „Geierfonds“. Hoch verschuldete Länder würden gelegentlich dazu neigen, die Ansprüche der Hedgefonds zu befriedigen, um aufwendige Prozesse zu vermeiden, statt an nachhaltigen Lösungen der Schuldenreduktion mitzuwirken.
Doch das Vorgehen findet auch Unterstützer im progressiven Lager: So sahen Organisationen in Kongo-Brazzaville in Singer die letzte Hoffnung, den korrupten Eliten das Handwerk zu legen. Nachdem Elliotts Ermittlungen Belege für Korruption zutage gefördert hatten, einigte sich die Regierung auf einen Vergleich in geschätzter Höhe von 90 Millionen Dollar – für Schulden, für die Elliott 2008 weniger als 20 Millionen Dollar gezahlt hatte.
Singer könnte in Venezuela profitieren
In einer der berüchtigtsten Wall-Street-Auseinandersetzungen der Nullerjahre war Paul Singers Elliott Management Gläubiger Argentiniens. Er weigerte sich, einem Umschuldungsdeal beizutreten, dem die meisten anderen Gläubiger zugestimmt hatten. Dieser sah einen Schuldenschnitt von 70 Prozent vor. Das zuständige New Yorker Gericht entschied, dass Argentinien nicht die Schulden bei kooperativen Gläubigern bedienen und gleichzeitig Zahlungen an weniger kooperative Gläubiger verweigern darf. Diese Entscheidung zwang Argentinien schließlich zum Nachgeben. Der Hedgefonds erzielte verschiedenen Medienberichten zufolge einen Gewinn von mehr als zwei Milliarden Dollar.
Citgos Raffinerien sind eigens darauf ausgelegt, schweres venezolanisches „saures“ Rohöl zu verarbeiten. Infolge des US-Embargos über Öllieferungen aus Venezuela war Citgo gezwungen, Öl aus teureren Quellen zu beziehen. Das trübte die Profitabilität. Das könnte sich ändern, wenn das schwere Öl aus Venezuela wieder fließt. Paul Singers Hedgefonds könnte dann – dank eines gut getimten Geschäfts – zu den größten Profiteuren der Entwicklung werden.
Allerdings gibt es Unwägbarkeiten. Venezuela hatte gegen das Gerichtsurteil, das die Versteigerung von Citgo erzwang, Berufung angekündigt. Was daraus nun wird, ist unklar. Überdies muss das US-Finanzministerium den Deal noch genehmigen. Hilfreich könnte dabei werden, dass Singer sich zu einem der wichtigsten Spender für den Präsidenten Donald Trump gemausert hat, nachdem er lange konservative Gegenspieler finanziell gestützt hatte. So gehörte Singer zu den Förderern von Marco Rubio, als dieser um die Präsidentschaftskandidatur warb.
Auch die Chefs von Pepsi, Starbucks oder BP haben Singer fürchten gelernt
Singers Hedgefonds versetzt nicht nur finanziell angeschlagene Regierungen in Angst und Schrecken, sondern auch Vorstände renommierter Unternehmen. Tatsächlich ist das „Geierfonds“-Geschäft nur ein kleiner Teil von Elliott Management. Das Unternehmen verwaltet 76 Milliarden Dollar für Pensionsfonds, Stiftungen, Universitäten und reiche Persönlichkeiten, die unter anderem in Aktiengesellschaften investiert werden – und zwar immer dann, wenn Singer denkt, dass die Vorstände mehr aus dem Unternehmen für die Aktionäre herausholen könnten. Seine Einschätzung fußt auf aufwendigen, mitunter jahrelangen Recherchen. Das macht ihn gefährlich für schlecht wirtschaftende Spitzenmanager. Die Vorstände von Pepsi, Starbucks, BP, Etsy und vieler weniger bekannter Unternehmen haben die entschlossenen Forderungen Singers nach einer strategischen Neuausrichtung zu spüren bekommen.
In 48 Jahren hat Elliott Management durchschnittliche Nettorenditen von rund 13 Prozent erzielt – bei niedriger Volatilität. In einem seltenen Interview wurde Paul Singer vom Private-Equity-Gründer David Rubenstein gefragt, welche Schlagzeile er sich über das wünsche, was er in seinem Leben erreicht habe. Singer antwortete: „Er hat versucht, etwas zu bewirken; er hat über einen langen Zeitraum viel Kapital vieler Menschen geschützt; er war beständig, verlässlich.“