Paris | Zwischen Widerstand und Social Media: „Die Buchhandlung welcher Exilanten“ in Paris

Wer im verregneten Paris vor der dunkelgrünen Markise über dem Eingang zur Buchhandlung Shakespeare and Company steht, braucht nicht nur einen Schirm, sondern auch etwas Geduld. Hier, am linken Seine-Ufer mit Blick auf die frisch restaurierte Kathedrale Notre-Dame, dauert es eine Weile, bis man an der Reihe ist. In der Schlange in der Rue de la Bûcherie begegnet man einer schottischen Mutter mit ihren zwei Teenie-Girls, die durch Insta auf den Laden aufmerksam geworden sind.

Ein junger Schweizer will eine englische Sonderausgabe des Grafen von Monte Cristo erstehen, begleitet wird er von seinem Vater, der grinsend eingesteht: „Ich bin nur zum Bezahlen dabei.“ Dieser Touristenmagnet, der mittlerweile in keinem Reiseführer fehlt, verfügt über ein ausgeklügeltes Merchandising: vom angeschlossenen Café über hochpreisige Tote Bags, T-Shirts, Postkarten, Kladden und Kappen. Shakespeare and Company ist eine Marke, and it sells!

Im Inneren drängelt man sich durch die engen Gänge im abgedunkelten Licht von grünen Kronleuchtern, Fotografieren verboten! Bücher gibt es zuhauf, viele erzählen von der Geschichte dieses Ortes, doch gekauft werden sie nur von wenigen. Dabei ist der Name dieser Pariser Buchhandlung – spezialisiert auf englischsprachige Literatur – legendär. Eröffnet wurde sie im Jahre 1919 von der US-Amerikanerin Sylvia Beach, zog einmal um und wurde 1921 ansässig in der Nr. 12, Rue de l’Odéon, direkt gegenüber des kurz zuvor von der Französin Adrienne Monnier gegründeten Maison des Amis des Livres.

Große Namen wie Hemingway, Gide, Gertrude Stein oder Joyce

Beide Frauen waren nicht nur zeitweise ein Liebespaar, sie teilten vor allem das Ideal einer „Buchhandlung als aktives Zentrum des Pariser Kulturlebens“. Die Geschichte (vielmehr Geschichten) rund um Sylvia Beach und Adrienne Monnier erzählt jetzt der Schriftsteller Uwe Neumahr in seinem neuen Buch Die Buchhandlung der Exilanten. Dass der Untertitel präzisiert: „Paris 1940: Zuflucht und Widerstand“, kündigt bereits an, worauf das erzählende Sachbuch den Fokus setzt.

Denn auch wenn wir in die berüchtigten 1920er und -30er Jahre eintauchen, so großen Namen wie Walter Benjamin, Gisèle Freund, Ernest Hemingway, André Gide, Gertrude Stein und James Joyce begegnen, schaut Neumahr vor allem auf die Zeit der deutschen Besatzung, die bislang in den Werken über dieses literarische Universum kaum beleuchtet wurde.

Ein eigener Begriff umschreibt die Dynamik dieser Anfangsjahre in der Rue de l’Odéon, die Odéonie. Neumahr changiert zwischen den Jahrzehnten. Er beschreibt einerseits, wie Monnier und Beach durch Bücherausleihe mehr und mehr Stammkunden gewinnen konnten und auch von ihrer Rolle als Lektorinnen und Verlegerinnen. So hat Sylvia Beach unermüdlich für das Renommee und finanzielle Überleben von James Joyce gekämpft. Ihr Buchladen wurde eine Heimstätte der sogenannten Lost Generation, wie man die schreibenden Auslandsamerikaner im Paris der 1920er nannte.

Die Buchhändlerin Sylvia Beach wurde in ein Internierungslager verbracht

Ihre Freundin Adrienne Monnier sammelte ihrerseits Künstler um sich, die sich regelmäßig zum Essen und Parlieren trafen und eine Vision des Lebens teilten, in der das Savoir-vivre auf intellektuelle Lebhaftigkeit traf; in der man Wortwitz und Wortschöpfungen genauso schätzte wie ein gut gebuttertes Stück Fleisch. Neumahr macht aber in diesen selbsternannten „Potassons“ noch mehr als Lebemänner und -frauen aus.

„Ihre Vision war ein neuer Humanismus. Inspiriert durch den Unanimismus, eine philosophische Strömung, die den Menschen nicht als Individuum, sondern als Teil einer Gruppenseele auffasste, glaubten die Potassons, der Mensch sei keine Einzelgestalt, sondern Fragment einer Gemeinschaft im Sinne einer beseelten Einheit, die über die Summe der Persönlichkeiten hinausgeht.“ Eine überraschende und sympathische Vision von künstlerischer Gemeinschaft, wo man so häufig auf große (männliche) Egos, auf individuelle Ambitionen und Konkurrenzdenken stößt.

Diesen Gemeinschaftssinn, liest man bei Neumahr, verbreiteten die Buchhändlerinnen aber nicht nur in den ausgelassenen, produktiven Anfangsjahren, sondern auch, als die deutschen Besatzer sich im ganzen Territorium des Vichy-Regimes breitmachten, sodass viele der einstigen literarischen Avantgardisten gezwungen waren, Paris zu verlassen oder unterzutauchen. Sylvia Beach selbst wurde in ein Internierungslager im französischen Vittel verbracht.

Andere Figuren dieser Zeit kollaborierten zumindest indirekt mit den Besatzern, wie die berühmte Jüdin Gertrude Stein, bekannt für ihre Salon-Treffen in der Rue de Fleurus, wo Picasso, Matisse, Fitzgerald und andere ein und aus gingen. „Stein übersetzte für eine amerikanische Leserschaft die Reden von Marschall Philippe Pétain, dem Staatschef des mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Vichy-Regimes“, schreibt Neumahr und deckt damit auch die Paradoxien und Überlebensstrategien dieser Besatzerzeit auf: „Obwohl ihre Religionszugehörigkeit, ihre sexuelle Identität und ihr Lebensstil fast allem widersprachen, was Pétain propagierte, überschüttete sie den Marschall mit Lob.“

Dann wurde Shakespeare and Company ein Treffpunkt der Beat-Generation

Andere Schriftsteller jüdischer Abstammung, wie der deutsche Philosoph Walter Benjamin, zerbrachen an der Angst, in die Fänge der Nazis zu geraten. Benjamin nahm sich nach einem gescheiterten Fluchtversuch über die Pyrenäen Ende September 1940 in Spanien das Leben. Aus den „Potassons“, die sich als spezielle menschliche Spezies mit einem besonderen Sinn für das Schöne verstanden und Literatur, Musik, Kunst und gutes Essen gefeiert hatten, waren Verfolgte, Flüchtlinge und manchmal eben auch Kollaborateure geworden.

Neumahr erzählt, wie Adrienne Monnier und Sylvia Beach so gut sie konnten in diesen Jahren Hilfe leisteten, indem sie Kontakte zu einflussreichen deutschen Offizieren herstellten, um Freunde aus Lagern zu befreien. Indem sie selbst Freunden Unterschlupf gewährten und in den ersten Monaten nach der Befreiung große Mengen an gespendeten Gütern unter französischen Schriftstellern verteilten.

Sylvia Beach hat ihren Laden nach dem Krieg nicht weitergeführt. Stattdessen benannte der ebenso legendäre Buchhändler George Whitman nach ihrem Tod 1962 sein eigenes Geschäft in der Rue de la Bûcherie in Shakespeare and Company um und schuf dort einen bedeutenden Treffpunkt der Beat-Generation, wo sich Autoren wie Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti, Henry Miller und William S. Burroughs trafen.

Heute gibt es eine schöne Alternative im Nordosten von Paris

Seit 2006 führt seine Tochter Sylvia Whitman die Geschäfte, und damit sind wir zurück im Heute und in der eingangs erwähnten Schlange. Noch immer ist die Dichte an literarischen Orten im Quartier Latin und im angrenzenden Saint-Germain-des-Prés hoch. Arrivierte Verlage wie Gallimard üben sich in Traditionspflege. In Cafés wie Les Èditeurs finden noch immer Treffen zwischen Schriftstellern und Verlegern statt, sieht man Menschen, die Manuskripte oder Verträge lesen. Doch genauso wie Shakespeare and Company sind viele legendäre Orte wie das Café Flore und Les Deux Magots zu Instagram-tauglichen Touri-Spots verkommen und lassen das Flair vergangener Zeiten nur noch erahnen.

Gibt es sie also gar nicht mehr, diese aktiven Zentren des Kulturlebens, wie sie Adrienne Monnier und Sylvia Beach vorschwebten? Wer die heutige literarische Avantgarde treffen will, sollte lieber in den Nordosten von Paris kommen, ins 10., 19. oder 20. Arrondissement. In der Rue de Mare versteckt sich hinter der Kirche Notre-Dame-de-la-Croix der Buchladen Monte-en-L’Air, der täglich geöffnet hat. Auf dem niedlichen Vorplatz sind bei jedem Wetter ein kleiner Metalltisch und Stühle aufgebaut.

Hier fühlt man sich zu Hause, weil man von vielen Autoren und Autorinnen bereits gehört hat, was sanft das literarische Ego streichelt. Aber man wird gleichermaßen auf eine Entdeckungsreise mitgenommen, auf der man nicht nur Bücher, sondern auch Comics, Essays und Magazine kleinerer Verlage entdeckt. Und anders als die meisten Buchläden heutzutage, traut sich Monte-en-l’Air, ein politischer Ort zu sein. Mehrmals die Woche diskutieren vor allem junge Leser mit Schriftstellern über Themen wie das Existenzrecht Palästinas, grüne Kriegswirtschaft, sexualisierte Gewalt, Dekolonialisierung und Exil.

Uwe Neumahrs Buch ist eine literarische Zeitreise

Hier werden neue literarische Stimmen wie die von Louisa Yousfi, Léa Cuenin oder Fanny Taillandier hörbar, und es wird eine Bühne für neu erscheinende engagierte Zeitschriften und ihre Macher geboten. Man fühlt sich auch nicht überflüssig, wenn man kein Buch erwirbt und stattdessen lesend einen Kaffee auf der Terrasse trinkt. Kurzum: Es ist ein Ort, der wie einst Shakespeare and Company und La Maison des Amis des Livres für literarische Avantgarde und Haltung steht.

Von Adrienne Monnier und Sylvia Beach gibt es in Paris noch einige Spuren. An der Rue de l’Odéon Nummer 12 und Nummer 7 hängt jeweils eine Gedenktafel, um an die Frauen zu erinnern. Statt vor einer Häuserfassade mit Plaketten stehen zu bleiben, kann man aber auch Uwe Neumahrs Buch lesen, um den beiden außergewöhnlichen Madames und ihren Zeitgenossen näherzukommen. In Zeiten, in denen weltweit Künstler und Künstlerinnen zu Exilanten werden, wirkt diese literarische Reise 100 Jahre zurück auch wie ein warnender Blick auf unsere Zeit.

Die Buchhandlung der Exilanten Uwe Neumahr C.H. Beck 2026, 320 S., 26 €

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