Ein Film über die Kollaboration mit den Nazis während der deutschen Besatzung erhitzt in Frankreich die Gemüter. Regisseur Xavier Giannoli hat einen wunden Punkt getroffen.
Als ein „leicht entflammbares Thema“ bezeichnet der französische Regisseur Xavier Giannoli das Sujet seines jüngsten Films, „Les Rayons et les Ombres“ (Die Strahlen und die Schatten). Es geht um Kollaboration mit den Nazis während der deutschen Besatzung, um Mitläufertum von Schriftstellern und Intellektuellen, um französische Mitschuld an der Deportation von Frankreichs Juden.
Während der Arbeit an seinem Film hat sich der Regisseur von Pascal Ory beraten lassen, einem bekannten Historiker, Mitglied der Académie Française, Autor von „Les Collaborateurs“ und „La France allemande“. Er suchte den Rat des Spezialisten, erzählt Giannoli im Interview, weil ihm klar war, dass man ihm Lügen nicht verzeihen würde. „Pardon, aber man wird Ihnen auch nicht verzeihen, wenn Sie die Wahrheit sagen“, habe ihm der Historiker geantwortet.
Dieser Satz ist dabei, sich zu bewahrheiten. Am 18. März kam Giannolis Film in die französischen Kinos. Seither lodert das Feuer lichterloh. 80 Jahre nach Kriegsende lässt sein mehr als dreistündiger Spielfilm, der das Leben des französischen Journalisten und Kollaborateurs Jean Luchaire und seiner Tochter Corinne erzählt, wenige kalt. Die Kritiken sind insgesamt lobend, aber die Debatte, die sich um „Les Rayons et les Ombres“ entzündet hat, erinnert an die Rezeption von Louis Malles Film „Lacombe Lucien“ im Jahr 1974.
Ein Epochenbild, das man nicht hatte sehen wollen
Damals sorgte die Schilderung des 17-jährigen Kollaborateurs, der sich in eine Jüdin verliebt, für einen enormen Skandal. Malle hatte sich an das Tabu der Kollaboration gewagt. Gaullisten wie Kommunisten warfen ihm vor, das Böse banalisiert und die Erinnerung der französischen Résistance beschmutzt zu haben. Malle verließ daraufhin Frankreich und drehte mehr als ein Jahrzehnt in den USA. Erst Mitte der Achtziger kehrte er für „Auf Wiedersehen Kinder“ zurück. Nach dem preisgekrönten Erfolgsfilm wurde klar, dass sein Porträt des jungen Kollaborateurs „Lucien Lacombe“ Teil eines größeren Epochenbildes war, das man nicht hatte sehen wollen. Seither gab es in Frankreich nur Fernsehfilme, aber keinen einzigen Kinofilm über das Tabuthema Kollaboration.
„Ich bin Künstler, nicht Historiker“, sagt Giannoli, der für seine Balzac-Verfilmung „Verlorene Illusionen“ 2021 mit dem César für den besten Film ausgezeichnet wurde. In seinem jüngsten Film will er beschreiben, was er als langsames „Hinübergleiten“ bezeichnet: Wie aus einem engagierten Humanisten, Pazifisten, Radikal-Sozialisten, der im Kampf gegen den Antisemitismus engagiert und mit dem frankophilen Zeichenlehrer Otto Abetz befreundet ist, zwar kein überzeugter Nazi, aber doch ein Mitläufer und Profiteur wird, der die Augen verschließt, und am Ende ein Pressemogul, der seine Zeitung zum Propagandaorgan der Nazis macht.
Den Titel seines Films hat Giannoli Victor Hugos gleichnamiger Gedichtsammlung entliehen. Auch dieser hatte eine ideologische Wende vollzogen, vom Monarchisten zum Republikaner. In einem seiner Gedichte stehen Zeilen, die Giannoli gern zitiert: „Jeder Mensch auf Erden hat zwei Seiten: das Gute und das Böse. Alles zu verurteilen bedeutet, nichts zu verstehen. Ein und derselbe Mensch ist abwechselnd Opfer und Täter.“ „Ich versuche, zu verstehen“, sagt Giannoli, der das zum Formprinzip seines Films gemacht hat.
Das Drama der Kompromittierung
Erzählt wird aus der Perspektive von Luchaires Tochter Corinne, keine 20, aber schon ein Filmstar. Alles beginnt mit dem Ende, das Drama der Kompromittierung wird von hinten erzählt: Nach der Exekution des Vaters beginnt der Absturz der Tochter, erst verstoßener Star, erniedrigt, kahlgeschoren, vergewaltigt, verprügelt, dann diskriminiert, schließlich vergessen, die in Bedeutungslosigkeit und Armut stirbt. Ihr Vater hat sie mit Tuberkulose angesteckt. Im strengen Sinn hat sie sich nichts zuschulden kommen lassen, aber sie hat sich hinter ihrer jugendlichen Unschuld versteckt und die Augen verschlossen. In ihrem kraftlosen Monolog stellt sie die Frage, wie man Kollaborateur wird: „Indem man zu Cocktails geht?“, fragt sie naiv zurück.
Man sieht die junge Frau (gespielt von Nastya Golubeva Carax) bei den rauschenden Festen in der deutschen Botschaft. Ihr Vater hält die Hände auf, kassiert, und genießt das Leben in vollen Zügen: Kaviar und Frauen à volonté, Sexorgien, während sein deutscher Freund Abetz, inzwischen Botschafter des Naziregimes in Paris, Kunstschätze von Juden raubt und abtransportieren lässt.
Bevor der Film in Frankreich anlief, lud der deutsche Botschafter Stephan Steinlein in ein Pariser Kino ein und gestand, dass ihm die Entscheidung nicht leichtgefallen sei, den Hof des Palais Beauharnais, damals Sitz der deutschen Botschaft, heute Residenz des Botschafters, für die Dreharbeiten zur Verfügung zu stellen. Der Anblick von roten Nazibannern, die im Wind flattern, sei schwer zu ertragen gewesen.
Giannoli zeigt die deutsche Botschaft als Ort des Exzesses. Er will die Zuschauer dorthin mitnehmen, wo das Verbrechen strahlte, und breitet eine große Kino-Freske vor uns aus: Farben, Dekor, Musik, große Schauspieler – und alles in einem huis clos, einer geschlossenen Gesellschaft, was für Unwohlsein sorgen muss. Was in der Welt draußen vorgeht, bekommt der Zuschauer nicht zu Gesicht. Weder die Not der Pariser Bevölkerung während der deutschen Besatzung noch die Verfolgung von Juden oder Widerständlern. „Weil auch Jean Luchaire die Augen davor verschlossen hat“, sagt Giannoli.
„Das Problem der Gestapo waren nicht die Sexorgien“
Sein Blick sei zu nachsichtig, wird ihm von einem Kritiker vorgeworfen. „Das Problem der Gestapo waren nicht die Sexorgien“, schreibt ein anderer. Im Fernsehen wird mit spürbarer Verlegenheit diskutiert, warum man das Leben eines Kollaborateurs so einfühlend erzählen muss. Der schillernde Luchaire wird zudem von Jean Dujardin gespielt, der seit „The Artist“ das gute, charmante und auch etwas altmodische Frankreich verkörpert. Der Oscar-Preisträger ist zu einer Art Nationalheld geworden, die französische Version von George Clooney, der die Sympathien des Publikums immer auf seiner Seite hat.
„Ich wollte genau dieses Unwohlsein provozieren“, antwortet Giannoli auf die Frage, ob er den Protagonisten dieses Films nicht mit zu viel Empathie begegnet sei. Von einer „neuen und destabilisierenden Zuschauererfahrung“ spricht der Regisseur. Es geht ihm nicht darum, zu verurteilen, sondern Facetten aufzuzeigen. Die Schattierungen der Seele.
„Ein erschütterndes Biopic über das Leben von Abschaum“, titelte „Libération“ in einem bitteren Verriss des Films. In einem unglücklichen Wortspiel bezeichnet Luc Chessel, Filmkritiker und Schauspieler, das Prozedere des Regisseurs als eine Masterklasse im historischen „Gaslighting“: Gemeint ist, dass der Regisseur die Wahrnehmung des Zuschauers manipuliert, damit er am Ende in dem bösen Luchaire einen charmanten, aber durch die Krankheit verurteilten Mann erkennt, der einfach nur sein Leben bis zum Schluss genießen wollte.
Die Kritiken, die die ganze Palette moralischer Vorwürfe bedienen, zeigen, wie wund dieser Punkt in der französischen Gesellschaft bis heute ist. Andere geben zu bedenken, dass der Film den rechten News-Sendern Stoff für ihre Dauerpropaganda liefern könnte, wonach die eigentlichen Kollaborateure die Linken waren. Gemeint ist CNews, der Fernsehsender des erzkatholischen Milliardärs und Medienmoguls Vincent Bolloré, der kein Geheimnis daraus macht, dass er den rechtsidentitären Rassemblement National (RN) gern an der Macht sähe.
„Männer wie Luchaire hat es massenweise gegeben“, gibt der Schriftsteller und Literaturkritiker Jérôme Garcin zu bedenken. „Ich kenne nur zwei Schriftsteller, die in der Résistance waren und mit der Waffe in der Hand gestorben sind: Antoine de Saint-Exupéry und Jean Prévost.“
Hinter der Filmdebatte steht deshalb die Frage, wie sich Frankreichs Schriftsteller und Intellektuelle verhalten haben. Inzwischen gibt es ausreichend Forschung darüber, dass sich die Mehrheit aus Not oder aus Überzeugung auf die falsche Seite gestellt hat. Auch der „Libération“-Filmkritiker hat vermutlich vergessen, dass seine Zeitung von Jean-Paul Sartre gegründet wurde, dem die deutsche Historikerin Ingrid Galster nachweisen konnte, dass sein Gewissen womöglich reiner war als seine Weste. Ohne im strengen Sinn kollaboriert zu haben, konnte Sartre während der Besatzungszeit weiter publizieren. Auch dürfte dem linken Großdenker nicht entgangen sein, dass er nach deutscher Kriegsgefangenschaft 1941 am Pariser Gymnasium Condorcet die Stelle eines jüdischen Kollegen übernahm.
Fakt ist, dass nur zwei bekannte Nazi-Kollaborateure von links und nicht vom rechten Rand kamen: Marcel Déat und Jacques Doriot, ein Ex-Kommunist, der in deutscher Uniform kämpfte. „Alles, wofür Vichy steht, alle Ideen, die das Regime vom ersten Tag an prägen, stammen aus dem gegnerischen Lager“, resümiert der Historiker und Journalist François Reynart. „Bereits im Juli 1940 schaffte die Wahl, die Pétain an die Macht brachte, mit einem Schlag die Republik und ihr Motto ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ ab, um sie durch ein neues Regime zu ersetzen, das von einem anderen Dreiklang getragen wurde: ‚Arbeit, Familie, Vaterland‘. Dessen Grundfeste ist der Nationalismus der Action Française von Charles Maurras, heute Vorbild von Éric Zemmour.“
Giannoli hat eine unbequeme Debatte losgetreten, was allein ein Verdienst ist. In einem Kommunalwahlkampf, der von Antisemitismus und gegenseitigen Faschismusvorwürfen geprägt war, entfaltet sein Film eine geradezu schmerzhafte Aktualität.
Source: welt.de