Paralympische Winterspiele: Viel besser qua die Scala

In Mailands Scala wird gerade die „Walküre“ gespielt, aber das eigentliche Schauspiel, das man in diesen Tagen nicht verpassen sollte, ist das Paralympische Eishockeyturnier in der Santagiulia Arena. Am Dienstag wurde dort das Eis beim Spiel Deutschland gegen Italien zur Bühne. Man sah eine Symphonie aus Kraft, Technik und geschickter Taktik, mit einem Traumtor, das schon nach drei Minuten fiel. Deutschlands jüngster Spieler Jano Bußmann, 18, kam an den Puck, wechselte schnell um und spitzelte ihn an Italiens Keeper vorbei ins Tor. Es war der erste deutsche paralympische Treffer seit zwanzig Jahren. Gut 5000 Zuschauer verfolgten die Begegnung, die mit einem 2:1 für Italien endete. Der Mannschaftskapitän Jan Malte Brelage sagte später: „Es war das Spiel mit den meisten Zuschauern in der Geschichte des deutschen Paraeishockeysports überhaupt.“

Kein Sport für schwache Körper

Es steckt viel in diesen Worten. Man redet von Inklusion, aber der Parasport kämpft noch immer um seinen verdienten Platz. Er wird nur sichtbar, sobald Paralympische Spiele anstehen. Dann ist er plötzlich außergewöhnlich – zwei Wochen lang und alle vier Jahre. Die Wettkämpfe finden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Beachtung, aber längst nicht in demselben Umfang wie die olympischen der „Fußgänger“, wie man im Parasport Normalsportler auch nennt. Die Gebührenzahler wissen nicht, was ihnen dadurch entgeht.

Leopold Reimann, Malte Brelage und Simon Kunst vom Team D in Aktion mit dem italienischen Paranationalspieler Sandro KalegarisReuters

Paraeishockey ist koordinativ die anspruchsvollste paralympische Sportart. Die Spieler flitzen auf Schlitten mit zwei Kufen über das Eis. Man muss den Schlitten steuern, das Gleichgewicht halten und den Puck kontrollieren. Alles im selben Augenblick. Der Schlittensitz, auch „Bucket“, „Eimer“, genannt, passt sich genau an den Körper jedes Spielers an. Jede Kontur dient einem Sinn. Eine kleine Bewegung der Hüfte führt zu einer Drehung. Bei einer falschen kippt man auf das Eis, eine Gewichtsverlagerung, und die Kufen zerschneiden es wie mit dem Messer. Der Abstand zwischen ihm und dem Gestell ist gerade groß genug, dass der Puck hindurchrutschen kann.

Für die Winterspiele Urlaub genommen

Beim herkömmlichen Eishockey werden die Beine zum Ausbalancieren und zur Kraftübertragung eingesetzt. Paraathleten arbeiten dagegen mit Rumpfkraft, um den Schlitten zu kontrollieren. Es ist kein Sport für schwache Körper. Die Bewegungen sind aggressiv, überraschend, es gibt Checks gegen die Bande. Mitleid wäre völlig fehl am Platz. Zur Fortbewegung benutzen die Spieler zwei kurze Schläger mit Spikes am Ende sowie einer Klinge zum Führen und Schießen des Pucks. „Ich hatte mir vorgestellt, dass es sehr schnell ist, aber nicht so schnell“, sagte auf der Tribüne Francesca Geroni, 81 Jahre alt. Das Ticket hatte sie von ihrer Tochter zu Weihnachten bekommen.

Nach dem Ende des verlorenen Spiels: Das deutsche Team verabschiedet sich von den Zuschauern. Im Vordergrund mit der Nummer 14  der Torschütze Jano BußmannImago

Im deutschen Team spielen Studenten, Lehrer, Ingenieure, Sozialarbeiter, Projektmanager. Im deutschen Parasport gibt es, anders als in China oder den Vereinigten Staaten, gegen deren Profiteams die Deutschen hoch verloren haben, kaum Förderung und Sponsorenverträge. Die meisten Spieler mussten sich für diese Spiele Urlaub nehmen. Manche wurden mit einer Behinderung geboren. Einer fiel von einem Gerüst. Andere kamen nach einem Motorrad- oder Autounfall zu dem Sport.

Jörg Wedde, mit Sechzig der Älteste, verlor mit zwölf bei einem Bahnunfall seine Beine. Sven Stumpe, Grundschullehrer aus Bochum, wurden sie nach einem Hausbrand 2002 amputiert. Vier Jahre später startete er in Turin bei den Paralympischen Spielen. Im Publikum saßen jetzt seine Frau Sabine Becker und die drei gemeinsamen Söhne, alle vier in Stumpe-Trikots: „Mein Mann hat sich nach seinem Unfall sofort auf die Suche nach einem Sport gemacht. Er wollte etwas Hartes, Körperbetontes.“

Unter den Zuschauern waren viele Schulklassen. Der Deutschen Schule Mailand war der Besuch des Spiels rund 6000 Euro wert. Sie war mit 550 jüngeren Kindern dort. Für Jugendliche gewährt Mailand Cortina keinen Nachlass, was dazu führt, dass bei vielen anderen morgens stattfindenden Spielen kaum Zuschauer waren. Ein paar Tage zuvor hatten drei Teammitglieder die Schule besucht. Die Kinder baten um Autogramme und darum, die Prothesen einmal anfassen und an den Knöpfen drücken zu dürfen. Sie erfuhren, wie sich ein Handicap in Perfektion verwandeln lässt. Am Dienstag schwenkten sie dann deutsche und italienische Fahnen und feuerten beide Mannschaften an, bis ihnen die Stimmen wegblieben. Die auch in der Eisarena erlebte Normalität dürfte ihre Wahrnehmung künftig verändern.

Source: faz.net