Der Papst hat sich letzte Woche zur neojournalistischen Praxis des Clickbait eingelassen. Dabei versprechen Überschriften und Teaser mehr Aufregung, Erkenntnis oder Nutzwert, als die damit etikettierten Texte zu liefern vermögen. Ein erster Versuch, sich auf der Website der enorm großbuchstabigen New York Post genauer über die Sache zu informieren, schlägt sinnigerweise fehl. Der US-amerikanische Papst steht mit seiner Mahnung dort in direkter Konkurrenz zu dem, was er kritisiert: Aufdringliche „Klick-mich!“-Kacheln stellen in Aussicht, die wahre Ursache übermäßigen Bauchfetts zu verraten oder eine mutmaßlich elaborierte Sexualpraktik, deren Ausübung noch jede Beziehung gerettet habe. Und das ist natürlich, Papst hin, Papst her, auch interessant!
Im zweiten Versuch ist unter einer Überschrift der Kategorie „Elfmeter ohne Torwart“ – „You won’t believe what SHOCKING thing Pope Leo just told a room full of reporters“ – jedenfalls zu erfahren, dass der Papst im Clickbaiting eine „erniedrigende“ Praxis von Onlinemedien sieht. Und dass er dem Journalismus eine Verantwortung beimisst, welcher hinreichend nachzukommen, dieser aus teils selbst verschuldeten, teils technologischen Gründen kaum noch in der Lage ist. Medien, so Leo XIV., spielten „eine entscheidende Rolle bei der Bewusstseinsbildung und der Förderung des kritischen Denkens“. Damit sind sie jetzt offiziell V. i. S. d. P., verantwortlich nicht nur im Sinne des Presserechts, sondern auch des Papstes.
Nun ließe sich erstens erwidern, dass nicht jede Neugier erzeugende Schlagzeile gleich den Tatbestand des Clickbait erfüllt. Es ließe sich zweitens erwidern, dass Clickbait viel älter ist als das Internet und damit der Onlinejournalismus. Bild titelte 2003 in Print „Diese Wüstensonne! Werden wir alle Afrikaner?“, ein österreichisches Boulevardblatt hechelte schon Mitte der Neunziger „Blutender Hund suchte sich selbst einen Tierarzt“. All das sind frühe Spielformen der aufmerksamkeitsökonomischen Grundhaltung, die geschickte Verpackung von Ware sei im Zweifel wichtiger als ihre Qualität.
Der Papst hat recht
Das Phänomen ist längst erkannt, es gibt viele schöne Namen dafür, und es wird von Redaktionen toll reflektiert. Solche Reflexion allein aber ändert nichts daran, dass Clickbait sich als verlässlich rotierendes Rädchen einer dysfunktional gewordenen Öffentlichkeit erwiesen hat, um weniger als das Nötigste zu sagen. Deren Mechaniken sind so tief verinnerlicht, dass manche Empörungsprofis inzwischen sogar ihr Anticlickbait perfektionieren. Als Fox News vor einer Weile einen aus seiner Sicht unliebsamen politischen Vorgang kleinsenden wollte, hieß es zur Begründung, dies sei „ein Skandal ohne Video, ohne Audio, ohne Geld, ohne Leichen. Ein langweiliger Skandal“.
Wir fassen zusammen: Der Papst hat recht, kann sich und der Menschheit davon aber nichts kaufen. Weil im täglichen Diskursgefecht oft nicht mehr wichtig ist, was richtig und wichtig ist beziehungsweise wer recht hat, wichtig ist oft nur der nächste Reiz. Armer Papst, arme Menschheit. Und die schöne Stimmung hat er damit auch noch versaut. Wie kommen wir jetzt nur wieder gut drauf? Sofort zurück ins Netz und klicken, ist übrigens wirklich so passiert: „Duck walks into pub, downs pint, fights dog“.