Shafeeq Masih stand vor einer unmöglichen Wahl: Entweder für immer in der Schuldenfalle des Eigentümers der Ziegelei, in der er arbeitet, gefangen zu bleiben. Oder zu versuchen, die an ihn gerichteten Forderungen zu begleichen, indem er das Einzige verkaufte, was er sicher besaß und einen Profit zu versprechen schien: eine seiner Nieren. Schauplatz dieser existenziellen Tragödie war die pakistanische Metropole Lahore, Hauptstadt des Punjab, mit etwas mehr als 13 Millionen Einwohnern, von denen sich viele in Handwerks- und Baubetrieben sowie Dienstleistungsfirmen verdingen.
Der in den vergangenen Jahrzehnten forcierte Aufbau geschlossener Wohnsiedlungen rings um die Altstadt, die mit eigenem Sicherheitspersonal um Mieter werben, hat auch Produzenten von Baumaterial zu einem Aufschwung verholfen. Für die Ziegelei von Shafeeq Masih war das nicht anders.
Ins Auto gezerrt
Der Besitzer setzte seinen Angestellten unter Druck, Schulden, die sich angeblich auf 900.000 Rupien (etwa 2.800 Euro) beliefen, zurückzuzahlen. Doch egal, wie hart und viel Shafeeq Masih arbeitete, seine „Außenstände“ wuchsen weiter. Er wusste, dass dazu möglicherweise die Bücher manipuliert wurden, konnte das aber nicht beweisen. „Was sie auch immer schriftlich festhalten, wir können es nicht überprüfen. Wir sind eben Arbeitssklaven, die zu gehorchen haben.“ Mehrfach wurde ihm bedeutet, durch die Spende einer Niere wäre er die Schulden im Handumdrehen los.
Kurze Zeit nachdem ihm auch der Eigentümer der Brennerei dies nahelegte, wurde er in ein Auto gezerrt. Der Fahrer und sein Begleiter setzten ihm eine mit schwarzem Klebeband umwickelte Brille auf. Während der Fahrt keimte bei Shafeeq die Hoffnung, vielleicht würde nun bald alles geregelt sein und er wieder frei atmen können. Dämmerte damit nicht auch für seine Kinder eine bessere Zukunft herauf? Als Shafeeq im Hospital aus der Narkose erwachte und erfuhr, dass seinem Körper eine Niere entnommen wurde, erhielt er 300.000 Rupien (etwa 930 Euro), nicht die versprochenen 400.000 (1.240 Euro). Tage später, immer noch von Schmerzen nach der Operation geplagt, kehrte er in die Ziegelbrennerei zurück und übergab dem Eigentümer das Geld. „Ich wusste nicht, was passiert. Würde mein Lohn erhöht, damit ich den Rest der Schulden begleichen konnte, oder war ich auf der Stelle entlassen?“ Nichts dergleichen geschah, er wurde lediglich an seine Arbeit zurückgeschickt.
Zwei Jahre sind seither vergangen. Für Shafeeq hat sich nichts geändert, davon abgesehen, dass er sich nicht mehr so stark und belastbar wie früher fühlt. „Ich kann nicht hart arbeiten, ohne Schmerzen zu bekommen.“ Er mühe sich ab, so viele Ziegel herzustellen wie vor dem Eingriff, aber es gelinge ihm nicht. Er sei genauso hoch verschuldet wie vor der Organspende. Es sei schwer, einen Teil seines Körpers zu verlieren, aber es habe keinen anderen Ausweg gegeben. Nun stellt sich heraus, dass es in Wirklichkeit gar kein Ausweg war.
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Der Kauf und Verkauf von Organen ist weltweit illegal (außer im Iran), was es schwierig macht, das Ausmaß solcher Praktiken zu ermitteln. Syed Ayaz Hussain, Anwalt der Bonded Labour Liberation Front, einer pakistanischen Organisation, die sich seit über 35 Jahren für die Rechte von Arbeitern in Ziegelbrennereien einsetzt, glaubt, dass Tausende aus dieser Branche zur Nierenspende gezwungen würden. „In fast jeder Ziegelei findet man Arbeiter, die eine Niere verkauft haben“, sagt Syed. Bei sieben Interviews, die der Autor an nur einem Tag mit Betroffenen geführt hat, wurde das deutlich. Ihre übereinstimmende Aussage lautete: „Das geschieht im ganzen Land.“ Offenbar ist das Ausschlachten von Not seit Jahrzehnten gang und gäbe. Es wird nicht überbewertet, spricht man von einem Verbrechen.
100.000 und 300.000 Rupien für eine Niere
Aus den Gesprächen ging hervor, dass ein Arbeiter seine Niere bereits vor 20 Jahren verkauft hatte, ein anderer sich erst im zurückliegenden Sommer dazu entschließen musste. Die meisten hatten zwischen 100.000 und 300.000 Rupien erhalten. Fast alle gaben an, dies sei weniger gewesen, als ihnen anfangs versprochen wurde. Keinem war klar, dass es beim Handel mit menschlichen Organen um eine verkappte Form von Menschenhandel geht. Obwohl die meisten dem Verkauf ihrer Nieren zustimmten, stand außer Frage, dass sie dazu durch Armut und Angst um die Existenz ihrer Familien getrieben wurden.
Nach internationalem Recht ist die Zustimmung des Opfers einer Organentnahme jedoch irrelevant, wenn Zwang, Täuschung oder das Ausnutzen der Schutzbedürftigkeit einer Person im Spiel sind, um an ein Organ zu kommen. Dies gilt schlichtweg als Straftatbestand.
Syed Ayaz Hussain, der seit einer Schussverletzung am Bein, die er vor 20 Jahren bei der Auseinandersetzung mit dem Besitzer einer Ziegelbrennerei erlitten hat, nicht mehr richtig laufen kann, glaubt, dass Leute dieses Schlages in die Organentnahme verwickelt sind und einen Teil des Gewinns einstreichen. Das Muster sei immer dasselbe, der Unternehmer würde einen Arbeiter drängen, Schulden zu begleichen, dann tauche ein Mittelsmann auf, freunde sich mit dem in Bedrängnis Geratenen an und überrede ihn, seine Niere zu verkaufen. Die Außenbezirke rings um Lahore sind übersät mit Ziegeleien, erkennbar an ihren hohen Schornsteinen und den Rauchsäulen, die in eine ohnehin stark verschmutzte Luft aufsteigen. Von den Arbeitsplätzen her, gibt es kaum Alternativen.
Schon Sechsjährige müssen arbeiten
In Hallen oder im Freien kauern Hunderte von Arbeitern und füllen rechteckige Formen mit Lehm, bevor sie diese umdrehen, um Ziegel für Ziegel zu formen. Ganze Familien arbeiten dort, von den Großeltern bis zu sechsjährigen Kindern, alle mit Lehm und Staub bedeckt. Dieses Bild wiederholt sich in ganz Pakistan, wo Schätzungen zufolge zwischen vier und fünf Millionen Menschen in Ziegeleien beschäftigt sind. Dieser Industriezweig bietet verarmten Arbeitern etwas, was sie in kaum einer anderen Branche finden: einen Vorschuss auf ihren künftigen Lohn. Was wie eine humane Wohltat erscheint, ist in Wirklichkeit eine Falle.
„Diese Vorschüsse werden selten dokumentiert, oft bewusst manipuliert und dienen anschließend der langfristigen Ausbeutung und Kontrolle“, so die Nationale Menschenrechtskommission (NCHR) in einem aktuellen Bericht. Diese Praxis führe zur Schuldknechtschaft und sei eine moderne Form der Sklaverei. Sie bestehe darin, dass Ziegelwerksbesitzer nach ein paar Monaten mit Vorschüssen typischerweise bis zur Hälfte des Lohns abziehen, angeblich zur Tilgung der Schulden. So bleiben in einigen Fällen für je tausend hergestellte Ziegel nur etwa 800 Rupien (2,50 Euro). Eine Familie kann maximal 2.000 Ziegel pro Tag produzieren und muss zugleich überhöhte Abzüge für Strom hinnehmen, der in ihren winzigen Hütten verbraucht wird und den der Betrieb vorfinanziert. Unter diesen Verhältnissen sind die Arbeiter gezwungen, immer mehr Geld zu leihen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten oder beispielsweise Ausgaben für einen Arztbesuch zu begleichen. Zugleich sind sie einer Buchhaltung ausgesetzt, die ihnen zugeordnete Verbindlichkeiten überhöht und erbrachte Arbeitsleistung zu niedrig ansetzt. Es ist nahezu unmöglich, sich dagegen zu wehren, die meisten Arbeiter sind Analphabeten und gehören niedrigen Kasten an, deren sozialer Status wenig zählt. So werden aus kleinen Anfangskrediten trotz jahrelanger Arbeit enorme Summen. Stirbt ein Arbeiter, werden diese Schulden an seine Kinder vererbt, die kaum eine Chance haben, dem zu entkommen.
Ein Sack voller Geldscheine
Einer der Hauptgründe, warum Arbeiter ihre Nieren verkaufen, ist das Bemühen, den eigenen Nachkommen diese lebenslange Knechtschaft zu ersparen. Es gelingt so gut wie nie. Das System werde durch Drohungen, Einschüchterung und Übergriffe aufrechterhalten, die häufig in körperliche Gewalt ausarten, um zu bestrafen und Aufbegehrende zum Schweigen zu bringen, so die Menschenrechtskommission NCHR.
Als Sania Bibi mit zehn Jahren anfing, Ziegel zu brennen, hatte ihre Familie 200.000 Rupien Schulden. Vierzig Jahre später verlangte der Besitzer der Ziegelei 3,5 Millionen Rupien von ihr. Bibi wurde von einem Fremden angesprochen, der ihre Lage offenbar gut kannte. Er bot ihr Geld für eine Niere. „Das ließ mich träumen. Ich wollte nur noch aus diesem System heraus und dachte, ich zahle die Schulden ab und meine Kinder können zur Schule gehen. Ich habe sofort zugesagt“, erzählt sie. Der Fremde versprach Bibi „einen ganzen Sack voller Geldscheine“, tatsächlich erhielt sie nach der Entnahme einer Niere nur 100.000 Rupien. „Hinterher habe ich es bereut. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich bin am gleichen Ort in der gleichen Lage wie zuvor. Nichts hat sich geändert. Doch etwas hat sich geändert – mein Herz ist gebrochen.“
Pete Pattisson ist ein Video- und Bildreporter mit dem Standort Kathmandu.